Die Edelweiss-Lodge in Garmisch-Partenkirchen. | Bildquelle: PHILIPP GUELLAND/EPA-EFE/Shutter

Vorwürfe gegen US-Bürgerin Die angebliche Superspreaderin von Garmisch

Stand: 17.09.2020 10:47 Uhr

Sie habe auf einer Kneipentour mutmaßlich viele Menschen mit Corona infiziert, die US-Bürgerin müsse hart bestraft werden, hieß es. Vorwürfe und Forderungen waren drastisch - doch die Belege dafür dünn.

Von Andrej Reisin, NDR, und Patrick Gensing, tagesschau.de

Am vergangenen Wochenende hatten Meldungen für Aufsehen und Besorgnis gesorgt: "Ein Superspreader macht Party", titelte der Bayerische Rundfunk, bei der Tagesschau hieß es "Ermittlungen gegen Superspreaderin", und die "Bild" berichtete, dass "Garmisch-Partenkirchen sauer auf die Superspreaderin" sei. In einer Video-Überschrift sprach das Boulevardblatt gar von einer "Potenziellen Killerin". Zudem nannte die Zeitung den Vornamen und abgekürzten Nachnamen der Frau, was zu ihrer Identifizierung führen kann.

US-Amerikanerin ließ sich nach Urlaub testen

Der Hintergrund: Eine 26-jährige US-Amerikanerin, die in Garmisch-Partenkirchen wohnt und aus dem Griechenland-Urlaub zurückgekehrt war, habe in dem bayerischen Ferienort zahlreiche Menschen angesteckt.

Die Frau arbeitet in einem Hotel für US-Streitkräfte und deren Familien. Der Betrieb wurde am Montag für zwei Wochen geschlossen, nachdem dort bislang insgesamt 25 Beschäftigte positiv getestet worden waren. Nach Angaben des Landratsamts unterzog sich die Frau am 7. September (Montag) einem Corona-Test. Dann soll sie am Dienstag in mehrere Bars gegangen sein. Am Mittwoch erhielt sie schließlich ihr positives Testergebnis. Landrat Anton Speer betonte, die Frau habe "wissentlich die Quarantäne nicht eingehalten".

Genaue Quarantäneanordnung unbekannt

Doch bereits diese Angabe ist umstritten: So konnte das Landratsamt auf Nachfrage nicht angeben, ob der Frau gesagt wurde, dass sie zu Hause bleiben muss oder ob es ihr nur angeraten wurde, wie der Bayerische Rundfunk berichtete. Das sei "aus Kapazitätsgründen bei Teststationen und Ämtern derzeit auch schwer nachzuvollziehen". Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hingegen zeigte sich überzeugt: "Man hat ihr ja wohl geraten, empfohlen, ihr gesagt, sie muss sich in Quarantäne begeben", so Herrmann am Sonntag gegenüber dem BR.

Auf den genauen Wortlaut kommt es laut Experten aber an: "Wenn ein Arzt der Frau mitgeteilt hat, es sei unwahrscheinlich oder man wisse überhaupt noch nicht, dass sie angesteckt ist, dann könnte sie sagen: Ich habe darauf vertraut, nicht infiziert zu sein", zitierte der Sender den Münchner Medizinjuristen Andreas Spickhoff.

Drastische Strafen gefordert

Trotzdem forderte nicht nur Herrmann, sondern auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder drastische Strafen: Der "Musterfall für Unvernunft" müsse "Konsequenzen haben", sagte Söder und plädierte für "entsprechend hohe Bußgelder". In Bayern kann bei Verstößen gegen Quarantäne-Auflagen ein Bußgeld von 2000 Euro verhängt werden. Herrmann ging sogar noch weiter und sprach von Schadensersatzforderungen. Schließlich nahm die Staatsanwaltschaft München II wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung am Montag Ermittlungen auf.

Drei Positive und keine "Kneipentour"

Doch nach und nach werfen immer mehr Details des Falls Fragen auf: Denn mittlerweile sind Hunderte Menschen in Garmisch-Partenkirchen dem Aufruf der Behörden gefolgt, einen Corona-Test zu machen. Rund 740 wurden bereits am Wochenende getestet, weitere 300 kamen am Montag hinzu. Das Ergebnis: Drei Tests waren positiv. Bei diesen drei Neuinfizierten gebe es einen Zusammenhang mit der 26-Jährigen: Eine Person arbeite in dem Lokal, das die Frau am Dienstag aufsuchte, zwei waren in der Vorwoche gleichzeitig mit ihr Gäste eines Irish Pub.

Bekannt wurde außerdem, dass die Frau am Dienstagabend keineswegs auf "Kneipentour" war, wie Behörden, Politiker und Medien bis heute schreiben, sondern in einem Lokal. Zudem dürfen reine Bars, Kneipen und Betriebe des Nachtlebens in Bayern noch gar nicht öffnen. Streng genommen handelt es sich bei den Lokalitäten daher um Speiselokale. Einen anderen Betrieb besuchte die Frau vor ihrem Test - und damit auch vor einer möglichen Quarantäne, wie das Landratsamt, das die Frau zunächst als Hauptquelle vieler Neuinfektionen dargestellt hatte, der "Süddeutschen Zeitung" mitteilte.

Keine einzige Infektion definitiv zurechenbar

Von 32 Neuinfektionen, die man am Freitag registriert habe, stehe jedoch nur ein Teil im Zusammenhang mit der 26-Jährigen. Dies seien vor allem die Infizierten des Hotels, in dem die Frau selbst arbeitet. Allerdings: Das Landratsamt kann in keiner Weise sagen, ob die Frau ihre Kolleginnen und Kollegen angesteckt hat - oder schlicht selbst dort angesteckt wurde. Weitere Neuinfektionen hätten jedenfalls keinen Kontakt mit der Frau gehabt.

Somit ist bislang keine Infektion in Garmisch-Partenkirchen nachweislich auf die Frau zurückzuführen, die von Behörden, Politik und Medien seit Tagen "Superspreaderin" genannt wird. Fragwürdig erscheint in diesem Zusammenhang das Verhalten des Landrats und einiger Medien, die die Verantwortung für den Anstieg der Zahlen eines ganzen Landkreises ohne Beweise dem Verhalten einer jungen Frau anlasten.

Vorschnelle Schuldzuweisungen

Auch nach einem Corona-Ausbruch in Göttingen Anfang Juni waren die vermeintlich Schuldigen schnell gefunden: "Großfamilien" auch aus dem Hochhauskomplex "Iduna Zentrum". Sie sollten verantwortlich sein für die Infektionswelle. Nach einer Mitteilung der Stadt stünden die Infektionen "mit mehreren größeren privaten Feierlichkeiten" im Zusammenhang. Später legt die Stadt noch einmal nach: Man gehe Hinweisen auf ein Treffen in einer Shisha-Bar nach. Obwohl die Stadt später erklärte, dass es keine Belege für Infektionen in der Shisha-Bar gebe, war die Geschichte schon in der Welt. Das ARD-Magazin Panorama ging den Vorwürfen nach - die Belege für die Schuldzuweisungen blieben dünn.

Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischkonzern Tönnies hatte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet ebenfalls im Juni gesagt, Rumänen und Bulgaren hätten das Virus eingeschleppt. Wenig später erklärte der CDU-Politiker, es verbiete sich, "Menschen gleich welcher Herkunft irgendeine Schuld am Virus zu geben". Im Juli berichtete Monitor, im Kreis Gütersloh würden Tönnies-Beschäftigte zu Unrecht in Quarantäne gehalten - aufgrund von positiven Corona-Tests oder Krankheitssymptomen, die es in vielen Fällen nicht gab.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 15. September 2020 um 14:02 Uhr.

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