Eine Frau zeigt während eines Presserundgangs in einem Labor des Landesgesundheitsamtes einen Test für das neue Virus 2019-nCov. (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Zahlen über infizierte Menschen Unterschiedlich, aber nicht falsch

Stand: 17.07.2020 10:59 Uhr

Wie viele Menschen sind aktuell in Deutschland am Coronavirus erkrankt? Die Angaben schwanken, sind deswegen aber nicht falsch. Entscheidend ist, wann welche Zahl veröffentlicht wird.

Von Johannes Schmid-Johannsen, SWR

Auf allen Ebenen werden derzeit Infektionszahlen kommuniziert: Landräte, Ministerien und für den Bund das Robert Koch-Institut (RKI) veröffentlichen ihre Zahlen - alle zu einem anderen Zeitpunkt mit unterschiedlichem Stand. Dadurch kommt es vor, dass die Landkreise häufig bereits deutlich höhere Fallzahlen veröffentlicht haben als beispielsweise das RKI. Das liegt daran, dass die Gesundheitsämter zuerst von neuen Infektionen erfahren und diese Zahlen auch zeitnah verbreiten. Im Laufe eines Tages wandert aber immer nur ein Teil aller Fälle die behördliche Meldekette entlang nach oben. Dabei vergeht Zeit und manchmal geht ein Fall auf dem Weg verloren. Das verursacht in der Öffentlichkeit den Eindruck eines Wirrwarrs.

Meldepflicht für Ärzte und Labore

Ärzte und medizinische Labore in Deutschland sind gesetzlich verpflichtet, eine Corona-Infektion zu melden, sobald sie festgestellt wird. Zuständig sind die Gesundheitsämter in den Stadt- und Landkreisen. Diese melden ihre Zahlen an die zuständigen Gesundheitsbehörden der Bundesländer. Von dort bekommt das Robert-Koch-Institut meist mehrmals am Tag die Daten übermittelt.

Wie verläuft die Meldekette ganz konkret?

1. Meldung von Arzt oder Labor 

Ein Arzt stellt eine Corona-Infektion über eindeutige Krankheitssymptome fest oder ermittelt die Wahrscheinlichkeit epidemiologisch - also zum Beispiel, weil ein naher Familienangehöriger positiv getestet wurde. Ein Labor identifiziert das Virus in der Probe. Ob Arzt oder Labor, beide machen für jeden festgestellten Infektionspatienten eine Meldung ans Gesundheitsamt. Diese Meldung erfolgt telefonisch oder mit einem Papierformular. Große Labore erstellen die Meldung automatisch, schicken sie aber in der Regel per Fax. Zuständig ist immer das Gesundheitsamt, in dessen Gebiet der Patient seinen Wohnsitz hat. 

2. Prüfung im Gesundheitsamt des zuständigen Land-/Stadtkreises 

Das Gesundheitsamt erhält die Meldung und überprüft die Angaben. Jeder einzelne Fall wird dann im Gesundheitsamt von Hand elektronisch erfasst. Gespeichert werden alle Informationen, die für die medizinisch-wissenschaftliche Beobachtung einer Epidemie wichtig sind. Zum Beispiel auch, ob der Patient Kontakt mit anderen hatte, wo er sich aufgehalten hat oder wie der Krankheitsverlauf bisher ist. Dazu verwenden die Gesundheitsämter eine Software des RKI. Jede Erhebung verursacht also mehrere Minuten händischen Arbeitsaufwand. 

3. Übermittlung an die zuständige Landesgesundheitsbehörde 

Alle Gesundheitsämter übermitteln mehrmals am Tag ihre Daten gesammelt an die Landesgesundheitsbehörde. Das passiert ebenfalls in der Software des RKI. Dabei werden bei der Übermittlung personenbezogene Daten entfernt. 

4. Daten-Übermittlung an das Robert-Koch-Institut 

Mehrmals pro Tag leitet die Landesgesundheitsbehörde die gesammelten Falldaten elektronisch weiter an das RKI und meldet damit die aktuellen Fallzahlen für das jeweilige Bundesland. 

5. Veröffentlichung durch die Gesundheitsministerien 

Einmal pro Tag verschicken die meisten Landesgesundheitsbehörden einen Lagebericht an ihr zuständiges Ministerium. Daraus verfassen die Pressestelle des Ministeriums eine Mitteilung und veröffentlicht die Zahlen.

6. Weitergabe an die WHO

Das RKI übermittelt die Daten in der Folge nach einer Prüfung an andere internationale Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO. Bis die Daten also von lokaler Stelle bis dorthin angekommen sind, können zwei bis fünf Tage vergehen.

Was beeinflusst die Meldestände?  

Die Gesundheitsämter arbeiten durch die aktuelle Lage am Anschlag. Die Amtsärzte müssen Prioritäten setzen und sich häufig zuerst um die konkreten Patienten und Maßnahmen kümmern, die elektronische Erfassung erfolgt nachrangig. So kann es sein, dass den Landratsämtern Meldungen aus dem Labor zu neuen Infektionen vorliegen, die noch nicht elektronisch erfasst sind, aber im Gesundheitsamt bereits gezählt wurden. Diese Fallzahlen kann dann auch nur der Landkreis veröffentlichen. Dem Gesundheitsministerium oder dem RKI liegen diese Zahlen womöglich erst später vor. Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Software des RKI nicht alle Fallzahlen aus den Landkreisen direkt übermittelt.


Warum hinken die Zahlen der Ministerien und des RKI hinterher? 

Die Gesundheitsministerien erhalten die Daten zu einem bestimmten Zeitpunkt am Tag über einen Lagebericht. In Rheinland-Pfalz beispielsweise ist das zehn Uhr. Das Ministerium veröffentlicht diese Zahlen dann am Nachmittag als Pressemitteilung. Bis dahin gibt es natürlich bereits aktualisierte Fallzahlen in den Landkreisen, die diese eigenständig veröffentlichen. 

Warum sind die abweichenden Fallzahlen in den Landkreisen teils sehr viel höher? 

Das Virus breitet sich schnell aus. Die Fallzahl von zehn Uhr steigt also bis zur Veröffentlichung am Nachmittag mit hoher Wahrscheinlichkeit in Wirklichkeit stark an.

Durch die schnelle Ausbreitung wird die Differenz zwischen amtlichen Fallzahlen am Morgen oder am Abend in Zukunft immer größer. Wenn also ein Landratsamt am Abend die jüngsten Fallzahlen als Pressemitteilung herausgibt, werden die sehr viel höher sein als in der Meldung des selben Tages von RKI oder Landesministerium.

Demnach ist keine der veröffentlichten Zahlen falsch. Nur ist jede zu einem unterschiedlichen Zeitpunkt an einer anderen Stelle der Meldekette zustande gekommen.

Warum unterschieden sich die Fallzahlen der Johns Hopkins Universität und jene des Robert-Koch-Instituts?

Die Zahlen, die die Johns Hopkins Universität veröffentlicht, und die Zahlen, die das Robert Koch-Institut in seinen Berichten nennt, haben eine unterschiedliche Entstehungsgeschichte.

Die Johns Hopkins Universität in den USA hat gar keine offiziellen Stellen, auf deren Meldungen sie täglich warten müsste. Die Forscher suchen im Internet nach öffentlich zugänglichen Quellen und schöpfen dort die neuesten Zahlen ab. Das sind Internetseiten von Behörden, aber auch Twitteraccounts von Behörden und Organisationen, oder auch Zahlen, die eine Internetcommunity von Medizinern in China ermittelt, oder auch Berichte lokaler Medien. Deshalb sind die Johns-Hopkins-Zahlen in der Regel den Zahlen des Robert Koch-Instituts ein wenig voraus.

Über dieses Thema berichtete Bremen Vier am 09. März 2020 um 05:50 Uhr.

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