Soldaten der Bundeswehr helfen der Region Hannover bei der Nachverfolgung von Infektionsketten von dem Coronavirus | Bildquelle: dpa

Überlastete Gesundheitsämter Kontrollverlust mit Ansage

Stand: 19.10.2020 17:09 Uhr

Das RKI sieht die Kontaktnachverfolgung als wichtiges Instrument in der Corona-Bekämpfung. Doch die Zweifel wachsen, ob das noch der richtige Weg ist. Denn die Ämter kommen kaum noch hinterher.

Von Iris Marx, tagesschau.de

"Es ist eigentlich erst der zweite Schritt", erklärt Gesundheitsstadtrat Falko Liecke (CDU) die Arbeit seines Gesundheitsamts in Berlin-Neukölln: "Bevor wir überhaupt anfangen können, den Kontakten von positiv getesteten Corona-Fällen hinterherzutelefonieren, müssen wir erst mal den eigentlichen Fall bearbeiten. Was ist zu tun, wie lange muss er in Quarantäne? Und dann erst kommt die Frage, mit wem er alles Kontakt hatte."

In der Regel sind es zwischen 20 und 40 Kontakte, die sich an so einen einzigen Fall anschließen. "Die eigentliche Detektivarbeit" nennt es Liecke, der in seinem Bezirk die Arbeit des Gesundheitsamts überwacht. Mehr als ein bis zwei Fälle könne ein einzelner Mitarbeiter am Tag nicht abarbeiten.

Ursprung der Ansteckung oft unklar

"Wir haben fast 200 Mitarbeiter. Von der Bundeswehr helfen schon 27 Soldaten aus", sagt Liecke. Doch das reiche immer noch nicht. "Wir haben aktuell einen Rückstand von 80 Fällen, die wir nacharbeiten müssen."

Das Virus sei nun in der Bevölkerung eingesickert. In vielen Fällen lasse sich nicht mehr klären, wie die Infektionskette verlaufe. "Wir können geschätzt nur noch in 30 Prozent der Infektionen den Ursprung ermitteln. Entweder fehlen die Informationen, wurden falsch angegeben - oder die Personen können sich schlicht nicht erinnern, wo sie wann mit wem waren", so Liecke weiter. Neukölln steht damit nicht alleine.

Kontaktnachverfolgung entweder gar nicht oder zu spät

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch in anderen Bundesländern, vor allem in den Metropolen. Nach einer Umfrage der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ist in Hessen etwa in knapp über 60 Prozent der Fälle eine Rückverfolgung nicht mehr möglich. In Baden-Württemberg liegt der Wert bei knapp 56 Prozent, in Bayern sogar bei 80 Prozent.

Es klingt nach einem Kampf gegen Windmühlen, der fast nicht zu gewinnen scheint. "Grob geschätzt kann bundesweit bereits in der Hälfte der Fälle eine Infektionskette nicht mehr nachvollzogen werden. Und in der anderen Hälfte kommen die Gesundheitsämter mit der Ermittlung und Kontaktaufnahme viel zu spät", sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu tagesschau.de.

Mehr Personal gesucht

Und so suchen die einzelnen Bundesländer weiterhin händeringend mehr Personal. Selbst in Sachsen, wo die Sieben-Tage-Inzidenz noch bei 32 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner liegt, fordert Ministerpräsident Michael Kretschmer via "Bild"-Zeitung mehr Hilfe, etwa durch die Bundeswehr. "Das Personal wächst aber nicht auf Bäumen", beklagt sich der Neuköllner CDU-Mann Liecke. "Ich warte täglich darauf, dass die versprochenen Gelder auch kommen, damit wir endlich ausschreiben können."

"Das ist eine unakzeptable Lage, die nicht hinzunehmen ist", sagt SPD-Experte Lauterbach. Er sieht allerdings den Punkt erreicht, dass auch noch so viel Personal in den Gesundheitsämtern nichts mehr bringt - und fordert einen Strategiewechsel: "Ich plädiere seit Wochen dafür, dass das Robert Koch-Institut seine Empfehlung verändert und die Gesundheitsämter von ihrer Pflicht entbindet, jeden einzelnen Kontakt nachzuverfolgen. Das ist so nicht mehr leistbar."

Strategiewechsel bei der Kontaktnachverfolgung gefordert

Viel sinnvoller sei es, nur noch größere Zusammenkünfte, sogenannte Cluster, nachzuverfolgen, fordert Lauterbach. "Da sollte das Gesundheitsamt aktiv werden, wenn sich ein Infizierter in einer größeren Gruppe aufgehalten hat." Auch eine stärkere Einbeziehung der Corona-Warn-App könne das System entlasten. "Man müsste in der App für jeden Tag eingeben können, mit wem man sich wo aufgehalten hat." So eine Art Tagebuch schlägt auch der Virologe Christian Drosten vor.

Noch zu wenige nutzen Corona-Warn-App

Wie Lauterbach fordert auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, im Gespräch mit tagesschau.de eine stärkere Einbeziehung der App. Dabei würde es schon ausreichen, die bestehenden technischen Möglichkeiten zu nutzen.

Derzeit meldeten nur etwa 40 Prozent der positiv Getesteten ihr Ergebnis auch über die App. "Wenn die User der Corona-Warn-App im Falle eines positiven Testergebnisses ihre Kontakte über die App informieren, leisten sie einen wichtigen Beitrag dazu, Infektionsketten schneller zu erkennen und zu unterbrechen. Jeder Einzelne ist jetzt aufgerufen, Verantwortung für sich und vor allem für besonders gefährdete Mitmenschen zu übernehmen", sagt Reinhardt. Schon alleine dadurch könne das Gesundheitssystem entlastet werden.

Doch noch scheint sich ein Strategiewechsel bei der Nachverfolgung von Kontakten nicht abzuzeichnen. Das Robert Koch-Institut hat heute noch einmal die Grundsätze der Kontaktnachverfolgung aktualisiert. Danach bleibt die allgemeine "Infektionsquellensuche" zentraler Bestandteil. Stadtrat Liecke hofft daher weiterhin, dass er mehr Personal bekommt. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt aktuell in Neukölln bei 190 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner.

Über dieses Thema berichtete der MDR SACHSENSPIEGEL am 18. Oktober 2020 um 19:00 Uhr.

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