Schleswig-Holstein: Windkraftanlagen in der Gemeinde Büsum. | Bildquelle: dpa

Streit um Windräder Die Folgen von 1000 Meter Abstand

Stand: 16.11.2019 16:25 Uhr

Windräder sollen künftig nur noch 1000 Meter entfernt von Siedlungen gebaut werden. Doch Studien warnen vor den Folgen. Ein Ausbau der bisherigen Kapazitäten wäre quasi nicht mehr möglich.

Von Sebastian Ostendorf, tagesschau.de

Eigentlich sollte das Bundeskabinett am Montag den Gesetzentwurf zum Mindestabstand von Windrädern beschließen. Dazu wird es zunächst nicht kommen. Denn innerhalb der Koalition ist ein offener Streit darüber ausgebrochen, wie nah die Anlagen an Wohnsiedlungen stehen dürfen.

Die Pläne von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) sehen vor, dass zukünftig Windräder mindestens 1000 Meter von der nächsten Siedlung entfernt sein müssen. Die Regel soll schon dann greifen, wenn fünf Wohnhäuser zusammenstehen.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) befürchtet, dass so das Ziel der Bundesregierung nicht erreicht werden könnte, bis zum Jahr 2030 einen Anteil von 65 Prozent Ökostrom zu schaffen. "Was das Wirtschaftsministerium vorgelegt hat, trägt da noch nicht ausreichend zu bei", sagte sie.

"Ein Zubau wäre nicht möglich"

Doch welche Auswirkung hätte ein Mindestabstand von 1000 Metern auf die Windenergie in Deutschland? Bereits im März diesen Jahres veröffentlichte das Umweltbundesamt die Studie "Auswirkungen von Mindestabständen zwischen Windenergieanlagen und Siedlungen". Die Autoren kommen in ihrer Untersuchung zu dem Schluss, dass bereits ein pauschaler Siedlungsabstand von 1000 Metern die Planungs- und Bauflächen um 20 bis 50 Prozent reduziere. Statt eines Leistungspotenzials von 80 Gigawatt stünden dann nur noch 43 bis 63 Gigawatt zur Verfügung. Ein "Zubau an Windenergiekapazität gegenüber dem Status quo wäre faktisch nicht möglich", konstatiert die Studie.

Die Autoren verweisen auf ein weiteres Problem: Alte Windräder, die dichter als 1000 Meter an Wohnhäusern stehen und ihre Laufzeit von 20 Jahren überschreiten, könnten nicht modernisiert werden. Dieses sogenannte Repowering käme aktuell für 53 Prozent der Standorte in Frage. Sollte der Mindestabstand greifen, reduziere sich dieser Anteil auf unter 35 Prozent.

Zersiedelung verschärft das Problem

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommen Wissenschaftler des Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik und Berater der Firma Navigant. In einer gemeinsamen Untersuchung für das Bundeswirtschaftsministerium, die Anfang Oktober erschien, gehen sie davon aus, dass sich die verfügbare Fläche für Windräder um bis zu 40 Prozent reduzieren könnte.

"Insbesondere in Regionen mit einer starken Zersiedelung führen die Mindestabstände zu einer deutlichen Reduktion der Flächenverfügbarkeit", urteilen die Autoren. In Rheinland-Pfalz und Niedersachsen machen die verbleibenden Flächen dann einen Anteil von 41 bis 52 Prozent aus, heißt es weiter. Aber auch in Sachsen würden dann nur noch 37 Prozent der Gebiete für den Bau von Windkraftanlagen in Frage kommen.

Bundeswirtschaftsminister Altmaier hat seine Pläne bisher mit dem Argument verteidigt, der Mindestabstand von Windrädern zu Siedlungen, würde für eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung sorgen. Doch bereits im Februar 2015 konnte die "Fachagentur Windenergie Land" in einer Analyse für das Bundeswirtschaftsministerium einen solchen Zusammenhang nicht bestätigen: "Die Aussage, mit steigendem Abstand nähme die Akzeptanz zu oder die Belästigung ab, lässt sich empirisch nicht stützen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. November 2019 um 12:00 Uhr.

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