Symbolbild  Homosexualität | Bildquelle: picture alliance / dpa

25 Jahre Abschaffung §175 Als die Diskriminierung per Gesetz endete

Stand: 10.03.2019 11:30 Uhr

Jahrelang wurden Homosexuelle aufgrund von §175 des Strafgesetzbuchs verfolgt. Heute vor 25 Jahren stimmte der Bundestag für dessen Streichung. Nicht nur Hape Kerkeling erlebte dies als "Befreiung".

Von Ute Spangenberger, SWR

"Man musste dieses unmenschliche Gesetz im Jahre 1994 endlich abschaffen. Ich persönlich habe das als große Befreiung empfunden", sagt Komiker und Autor Hape Kerkeling, wenn er sich an die Abschaffung des §175 StGB erinnert. Nach 123 Jahren Geltungsdauer wurde der als "Schwulenparagraf" bekannte §175 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Der Bundestag beschloss diesen Schritt am 10. März 1994. Die damalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sprach von einem "historischen Tag" für die Rechtspolitik.

Heute vor 25 Jahren: Bundestag erklärt Homosexualität straffrei
tagesschau 17:20 Uhr, 10.03.2019, Ute Spangenberger, SWR

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Diskriminierung seit der Kaiserzeit

Der Paragraph hatte seit der Kaiserzeit Männer wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert - mit weitreichenden Folgen für Generationen von Homosexuellen. 1935 hatten die Nationalsozialisten die Strafvorschrift verschärft. "Zuchthaus bis zu zehn Jahre", bei mildernden Umständen "Gefängnis nicht unter drei Monate" - das waren die Strafen. Außerdem veränderten die Nazis den Wortlaut des §175 StGB so, dass nunmehr nicht bloß "beischlafsähnliche Handlungen" strafbar waren.

"Die BRD hat die Verschärfung des §175 durch die Nationalsozialisten übernommen, mit der etwa auch homosexuelles Verhalten - also Küsse oder Blicke - geahndet werden konnten", sagt Markus Ulrich vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD). Seinen Angaben zufolge wurden in der Bundesrepublik allein seit 1949 rund 100.000 Verfahren gegen Männer wegen Homosexualität nach §175 StGB geführt, schätzungsweise 50.000 bis 70.000 Menschen seien verurteilt worden.

"Der Verfolgungseifer nach 1949 war ungeheuerlich"

Manfred Bruns | Bildquelle: Michael Lucan, CC BY-SA 3.0
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Manfred Bruns 1986 in München

"Es gab zwar bei Ersttätern auch Verurteilungen zu Gefängnis mit Bewährung. Aber das war die absolute Ausnahme. In der Regel wurden Freiheitsstrafen verhängt, die auch verbüßt werden mussten", beschreibt Manfred Bruns den Umgang mit dem §175. "Der Verfolgungseifer war ungeheuerlich, so als ob die Bundesrepublik untergehen würde, wenn man das Übel nicht gnadenlos ausgemerzt." Der heute 84-jährige Bruns war Bundesanwalt am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, ist selbst homosexuell und hat die Geschichte des §175 StGB aufgearbeitet.

Homosexualität galt auch in der jungen Bundesrepublik als unsittlich. "Man setzte - wie zu Zeiten der Nationalsozialisten - alles daran, die Homosexuellen aufzuspüren und 'unschädlich' zu machen", so Bruns. Bis Ende der 1960er-Jahre seien die Strafvorschriften exzessiv angewandt worden. "Wenn jemand auffiel, durchkämmte man seinen gesamten Bekanntenkreis. Die 'Rosa Listen' der Nazis wurden von der Polizei der Bundesrepublik bis in die 1980er-Jahre fortgeführt. Die Strafen für überführte Homosexuelle waren gnadenlos hoch."

Mehrere Reformen seit 1969

Erst Ende der 1960er-Jahre änderte sich die Gesetzgebung. Die 68er-Bewegung und die einsetzende "sexuelle Revolution" sorgten für eine liberalere Sexualmoral. Sexuelle Themen wurden enttabuisiert. Es war nicht mehr Aufgabe des Staates, die sittliche Ordnung mit strafrechtlichen Mitteln zu verteidigen.

1969 wurde der §175 StGB reformiert: Homosexualität war bei Männern über 21 keine Straftat mehr. 1973 wurde das Alter auf 18 Jahre gesenkt. Aber erst 1994 fiel der §175 StGB komplett weg. Bis dahin waren homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern und Jugendlichen ab 14 Jahren weiter strafbar.

Kerkeling: "Es geht um die Durchsetzung von Bürgerrechten"

Hape Kerkeling | Bildquelle: dpa
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Hape Kerkeling empfand die Abschaffung von §175 als große Befreiung.

Hape Kerkeling erinnert sich: "Homosexualität war spätestens in den neunzigern sehr sichtbar und durch die Medien zum öffentlichen Thema geworden. Berlin war inzwischen von der heimlichen zur offiziellen schwulen Hauptstadt Europas avanciert", sagt er. "Selbst Helmut Kohl hat das seinerzeit - vermutlich zähneknirschend - zur Kenntnis nehmen müssen. Es ist übrigens nicht ausgeschlossen, dass die Publicity-trächtige Outing-Kampagne von Rosa von Praunheim im Jahre 1991 den Prozess zur Liberalisierung in Deutschland maßgeblich beschleunigt hat."

Kerkeling war damals von dem Regisseur Rosa von Praunheim in einer TV-Talkshow geoutet worden. Neben dem liberaleren gesellschaftlichen Klima hatte vor allem die Zusammenführung der Rechtssysteme der Bundesrepublik und der DDR nach der Wiedervereinigung zum Wegfall des §175 StGB geführt. In der DDR war Homosexualität weniger verfolgt und geahndet worden.

Kerkeling sieht auch heute noch Handlungsbedarf, wenn es um die Gleichberechtigung Homosexueller geht. "Es gibt fortschrittlichere Länder als Deutschland, in denen Rassismus und Homophobie qua Verfassung verboten sind. Da müssen wir hinkommen, denn es geht hier um die Durchsetzung von Bürgerrechten. Die Grünen befinden sich diesbezüglich auf einem richtig guten Weg", sagt er.

Abstrakte Toleranz, Vorbehalte im Konkreten

Heute ist Homosexualität in der Gesellschaft akzeptierter denn je. Und dennoch: "Wenn wir Personen befragen, dann finden wir sehr häufig auf einem abstrakten Niveau eine sehr hohe Toleranz, sozusagen: Es stört mich nicht, wenn mein Arbeitskollege schwul ist oder der Nachbar. Das hat sich bei uns sehr geändert", erläutert Melanie Steffens, Sozialpsychologin an der Universität Koblenz -Landau. "Aber wenn man Leute fragt: Wie wäre es für Sie, wenn ihr Kind schwul oder lesbisch wäre?, dann bekommen wir trotzdem noch sehr viele Vorbehalte zu hören."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. März 2019 um 12:00 Uhr.

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