Der frühere Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion Christian Lüth | Bildquelle: dpa

Bundestagsfraktion AfD kündigt früherem Sprecher fristlos

Stand: 29.09.2020 12:33 Uhr

Als Sprecher war er der AfD-Bundestagsfraktion schon im April unhaltbar. Nun hat sie sich endgültig von Christian Lüth getrennt. Ihm werden menschenverachtende Äußerungen vorgeworfen.

Von Martin Schmidt, ARD-Hauptstadtstudio

Viele der Abgeordneten kommen am Nachmittag kopfschüttelnd zur Sitzung der AfD-Bundestagsfraktion. Einer hat sogar eine SMS aus Österreich bekommen: "Was ist denn bei euch los?", habe ihn ein Freund aus der rechtspopulistischen FPÖ gefragt. "Wir haben jetzt unsere eigene Ibiza-Affäre", habe er darauf geantwortet. Niemand will den Eindruck entstehen lassen, es gebe zu Christian Lüth noch zwei Meinungen. "Der ist jetzt weg, geht gar nicht", raunzt ein anderer Abgeordneter.

Lüth war mal ihr Pressesprecher. Im April musste er allerdings seinen Posten räumen. Er hatte wohl gegenüber einer Frau mit seiner "arischen" Abstammung geprahlt und sich selbst als "Faschist" bezeichnet. Gekündigt wurde ihm dafür damals allerdings nicht. Er sollte erstmal für ein paar Monate ins "Abklingbecken", hieß es unter Fraktionsmitgliedern, bis die mediale Aufmerksamkeit verschwindet. Erst kürzlich hatten sie eine neue Aufgabe für ihn gefunden - doch daraus wird jetzt nichts mehr.

Heimliche Filmaufnahmen

Der Grund dafür ist ein heimlich gefilmtes Gespräch, Teil einer Doku von ProSieben, das Lüth mit einer rechten Bloggerin geführt haben soll. Die "Zeit" zitiert ihn mit den Worten: "Das haben wir mit Gauland lange besprochen: Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD." Schon das ist ein problematisches Zitat für eine Partei, die sich den Patriotismus ganz oben auf die Fahnen schreibt.

Und Lüth soll auch gesagt haben, es könnten ruhig noch mehr Migranten kommen. "Wir können die nachher immer noch alle erschießen, das ist überhaupt kein Thema, oder vergasen, oder wie du willst, mir egal."

Das ist selbst für eine Bundestagsfraktion zu viel, für die das verbale Überschreiten von roten Linien zum Geschäftsmodell gehört. Zwar hieß es aus der Pressestelle zunächst, man habe die Doku noch nicht gesehen, könne daher keine Bewertung vornehmen. Der Fraktionsvorstand sah das am Vormittag offensichtlich anders und beschloss, Lüth fristlos zu kündigen. Der wurde darüber auch umgehend informiert. Verschiedene Abgeordnete hatten schon ähnliche Anträge für die Fraktionssitzung am Nachmittag vorbereitet.

Viele hätten Lüth ohnehin schon gern im Frühjahr rausgeworfen. Obwohl er nie Mandatsträger war, hatte er stets großen Einfluss in der Partei - auch auf die Fraktionsarbeit. Nicht wenige Abgeordnete haben sich von ihm übergangen, medial nicht ausreichend vermarktet gefühlt.

Gaulands schützende Hand

Und da ist auch seine enge Verbindung zum Co-Vorsitzenden Gauland. Dass der sich noch lange für Lüth stark gemacht hat, können einige nicht nachvollziehen. Den Unmut wollte Gauland in der Fraktionssitzung eigentlich abwehren, indem er selbst den Rauswurf gleich zu Beginn verkündet.

Doch die Abgeordneten bestanden darauf, einen eigenen Antrag auch noch einstimmig zu beschließen. Auf der einen Seite, um gemeinsam ein deutliches Zeichen zu setzen. Auf der anderen Seite aber auch, um dem Fraktionsvorstand keine Hintertür offen zu lassen.

Immer wieder sei in Redebeiträgen unterschwellig unterstellt worden, Gauland hätte schützend die Hand über Lüth gehalten, vielleicht weil er zu viel über die Partei oder deren Mitglieder wisse - so erzählen es Abgeordnete aus der Sitzung. Der Fraktionschef selbst soll das aber teilweise sehr ungehalten zurückgewiesen haben. "Eigentlich hätte das heute mal eine kürzere Fraktionssitzung werden können", erzählt einer der Bundestagsabgeordneten, die Gauland an der eigenen Spitze kritisch sehen. "Aber wir haben da heute mal richtig Feuer gegeben."

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, dass Lüth stets großen Einfluss in der Partei hatte, obwohl er kein Mitglied der AfD sei. Lüth trat allerdings erst im Sommer aus der Partei aus. Wir haben die Stelle korrigiert.

AfD Fraktion entlässt früheren Sprecher - nach ungeheuerlichen Sätzen
Kai Küstner, ARD Berlin
28.09.2020 20:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. September 2020 um 17:45 Uhr.

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Martin Schmidt, SWR | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo SWR

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