Ein Lehrer steht an der Tafel und schreibt. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Befragung an Schulen Gewalt gegen Lehrer nimmt zu

Stand: 24.09.2020 20:06 Uhr

Beleidigungen, Drohungen, Mobbing: Angriffe auf Lehrkräfte nehmen zu. Das zeigt eine Umfrage unter Schulen in Deutschland. Jede dritte Schulleitung berichtet dabei von körperlichen Angriffen in den vergangenen fünf Jahren.

Gewalt gegen Lehrkräfte hat in den vergangenen Jahren an allen Schulformen stark zugenommen. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) stellte entsprechende Ergebnisse einer Forsa-Befragung vor, die in seinem Auftrag im Januar und Februar dieses Jahres unter 1302 Schulleitungen durchgeführt wurde.

Körperliche Angriffe an jeder dritten Schule

34 Prozent der Befragten gaben demnach an, dass in den vergangenen fünf Jahren an ihrer Einrichtung Lehrer körperlich angegriffen wurden. Bei der gleichen Befragung 2018 sagten noch 26 Prozent der Schulleiterinnen und Schulleiter, es habe solche Fälle in den vergangenen fünf Jahren gegeben.

Deutlich mehr Schulen berichteten im Vergleich zu 2018 auch von Beschimpfungen, Drohungen, Beleidigungen, Belästigungen oder Mobbing gegen Lehrkräfte. 61 Prozent gaben an, es habe in den vergangenen Jahren entsprechende Fälle gegeben.

Acht Prozent der Übergriffe gehen sogar von Eltern aus. Sie sind nach Angaben der Schulleitungen in 60 Prozent der Fälle nicht kooperationsbereit, wenn es darum geht, mit den Übergriffen ihrer Kinder einen angemessenen Umgang zu finden.

"Erschütternde" Ergebnisse

Der VBE-Bundesvorsitzende Udo Beckmann nannte die Ergebnisse erschütternd. Laut Umfrage sind 73 Prozent der Lehrkräfte an weiterführenden Schulen von psychischer Gewalt betroffen, nur an Gymnasien sind es mit 61 Prozent etwas weniger.

Körperliche Gewalt richte sich dagegen häufiger gegen Lehrkräfte an Grundschulen, von denen 40 Prozent darüber berichten. Die Begründung hierfür sieht Beckmann darin, dass jüngere Kinder "ihre Emotionen noch nicht so gut kontrollieren können". Dennoch handle es sich um eine bedenkliche Zahl.

Beleidigungen oder Drohungen sowohl im Schulalltag als auch übers Internet werden dagegen am häufigsten von Haupt-, Real- und Gesamtschulleitungen gemeldet. 73 Prozent der Schulen dieses Typs gaben an, dass es solche Fälle in den vergangenen Jahren im Schulalltag gegeben habe. 52 Prozent berichteten von Beleidigungen oder Drohungen im Internet.

An Gymnasien geht es vergleichsweise am friedlichsten zu, aber auch hier meldeten mehr Schulleitungen als noch 2018 Vorfälle von psychischer und physischer Gewalt gegen Lehrkräfte.

In einer Stellungnahme des deutschen Lehrerverbandes zu der aktuellen Befragung heißt es, an Brennpunktschulen gäbe es deutlich mehr Vorfälle. Auch hätten weibliche Lehrkräfte mit Schülerinnen und Schülern zu kämpfen, die aus einem Kulturkreis stammten, in dem Frauen nicht als gleichgestellt angesehen würden. In der aktuellen Befragung gibt es allerdings zu den familiären oder sonstigen Hintergründen der Schüler keine Angaben.

Hass im Internet immer problematischer

Die Zahl der Befragten, die von Angriffen und Belästigungen über das Internet berichteten, nahm ebenfalls zu. Waren es 2018 noch 20 Prozent, stieg die Zahl 2020 auf 32 Prozent.

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, sagte, Hass und Aggressivität gegen Lehrkräfte mit persönlichen Angriffen und Beleidigungen, vielfach in sozialen Netzwerken, seien "eindeutig" zu einem großen Problem geworden.

Das reiche von Youtube-Videos mit illegal aufgenommenen Unterrichtsmitschnitten und den entsprechenden Kommentaren bis hin zu Lehrerhetze in WhatsApp-Gruppen ganzer Klassen. Viele Eltern verstünden sich zudem als Anwälte ihrer Kinder und deckten deren Verhalten.

Fehlende Hilfe, keine genaue Erfassung

Die Umfrage zeigt auch, dass es an Ressourcen fehlt, um den Betroffenen zu helfen. 56 Prozent der Schulleitungen gaben an, ihre Kollegen nicht ausreichend unterstützen zu können.

Beckmann zufolge braucht es dafür mehr ausgebildetes Personal. So forderte er die Einsetzung von "multiprofessionellen Teams an allen Schulen". Diese sollten aus pädagogischen und psychologischen Fachkräften bestehen.

Ob es tatsächlich eine Zunahme von Angriffen auf Lehrer gab und wie diese im Einzelnen aussahen, darüber lässt sich keine sichere Aussage treffen. Es liegen keine Zahlen und näheren Angaben zu den eigentlichen Vorfällen vor. Diese zu erheben sei Aufgabe der Politik, sagte Beckmann. Man wolle mit den Schulleiterbefragungen den notwendigen Druck dafür erzeugen. Er forderte, dass an den Schulen entsprechende Vorfälle statistisch erfasst und an die Kultusministerien gemeldet werden sollten.

Kritik vom Lehrerverband

Kritik an der Methodik der Studie äußerte der Deutsche Lehrerverband, weil dabei die Ergebnisse zweier Umfragen verglichen werden, die im Abstand von zwei Jahren gemacht wurden - bei denen aber jeweils nach Vorfällen in den vergangenen fünf Jahren gefragt wurde.

Dennoch stellte sich der Lehrerverband hinter die Aussagen: "Grundsätzlich kann aufgrund der von unseren Mitgliedern eingegangenen Rückmeldungen das Ergebnis der VBE-Umfrage bestätigt werden, dass die meist verbale, nicht selten auch körperliche Aggressivität gegen Lehrkräfte von Seiten von Schülern und Eltern zugenommen hat", teilte Verbandspräsident Meidinger mit.

Mit Informationen von Uwe Jahn, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Mehr Gewalt an Deutschlands Schulen
Uwe Jahn, ARD Berlin
25.09.2020 06:40 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. September 2020 um 18:00 Uhr.

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