Anne Frank | Bildquelle: Keystone

Zum Tod vor 75 Jahren Die letzten Tage der Anne Frank

Stand: 02.02.2020 16:22 Uhr

Wann genau Anne Frank starb, ist bis heute unklar - vermutlich im Februar 1945 im KZ Bergen-Belsen. Dort herrschten damals katastrophale hygienische Verhältnisse. Eine Spurensuche.

Von Michael Kurth, NDR

Die beiden Schwestern Anne und Margot Frank wurden im November 1944 von Auschwitz nach Bergen-Belsen transportiert. Anne war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt, Margot 18. "Sie waren in einem Alter, wo sie von der SS nicht mehr als Kinder betrachtet wurden", erklärt Thomas Rahe, Leiter der Forschungsabteilung der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Vielmehr seien sie als junge, potentiell arbeitsfähige Frauen eingestuft worden. Deshalb seien sie von Auschwitz nach Bergen-Belsen gebracht worden, um bei Bedarf in Rüstungsbetrieben als Zwangsarbeiterinnen eingesetzt zu werden.

Das Konzentrationslager mitten in der Lüneburger Heide war ursprünglich ein reines Austauschlager. Errichtet zur Unterbringung von Juden, die gegen deutsche Reichsbürger in nicht besetzten Staaten ausgetauscht werden sollten. Die Lebensbedingungen dort waren bedrückend, aber es gab keine offenen Misshandlungen. Die Häftlinge wurden oft zusammen mit ihren Familien untergebracht und durften Zivilkleidung tragen.

Gedenkstätte Bergen-Belsen
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Ein Gedenkstein am Eingang zum Friedhof erinnert daran, dass in Bergen-Belsen mehr als 52.000 KZ-Häftlinge und rund 20.000 Kriegsgefangene starben.

Unmenschliche Bedingungen im Lager

Im Spätsommer 1944 wurde in Bergen-Belsen dann auch das Frauenlager errichtet, in dem Anne und Margot Frank unter primitivsten Bedingungen leben mussten. Auch weil immer mehr Gefangene aus den anderen Konzentrationslagern in Güterwaggons oder im Rahmen sogenannter Todesmärsche in dieses vor den Alliierten scheinbar sichere Lager geschickt wurden.

Als im November 1944 das Lager von einem Unwetter heimgesucht wurde, brachen im Regen die Zelte zusammen und die Gefangenen wurden in eine Scheune getrieben. Anita Lasker, eine der Frauen, die hier leben mussten, erzählte kurz nach der Befreiung von Bergen-Belsen durch die Alliierten am 15. April 1945 in der BBC von den unmenschlichen Bedingungen im Lager: "Hier haben die Leute gehungert. Hier war Typhus. Hier war Schmutz, Läuse - keine Hygiene, keine Ambulanz, keine Medikamente. 14 Tage blieben wir ohne Brot. Verpflegung waren Rüben mit Wasser, ohne Salz."

Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen: Britische Soldaten führen NS-Wachpersonal ab.
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Im April 1945 wurde das Konzentrationslager Bergen-Belsen befreit. Britische Soldaten führen hier NS-Wachpersonal ab.

Zigtausende starben an Typhusepidemie

Die SS konnte oder wollte in dem wachsenden Chaos keine Ordnung mehr halten, sie beschränkte sich allmählich nur noch auf die Bewachung des Lagers, um Fluchtversuche zu verhindern. Krankheiten brachen aus, es gab keine Medikamente, keine medizinische Versorgung. Besonders tragisch war eine Typhusepidemie Anfang 1945, durch die von den 125.000 Juden in Bergen-Belsen 50.000 starben.

Rachel von Amerongen, eine Mitgefangene von Anne und Margot Frank, kannte die Mädchen schon aus dem Zwischen- und Deportationslager im niederländischen Westerbork. Als sie die beiden in Bergen-Belsen wieder traf, war sie erschrocken. "Sie waren kaum wiederzuerkennen. Ihre Haare waren abgeschnitten worden, und sie froren ganz entsetzlich. Man musste einfach krank werden", erinnert sie sich. "Wir waren nicht weit entfernt von einem so genannten freien Lager. Da gingen die Frauen abends immer hin. Da riskierten die Frauen ihr Leben, um etwas zu essen zu bekommen oder ein paar Kleidungsstücke von Freunden. Anne und Margot wollten auch unbedingt gehen. Sie waren sich wohl sicher, dass sie dort jemanden treffen würden, den sie kannten."

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Anne Frank: Bilder aus ihrem kurzen Leben

Bilder aus ihrem kurzen Leben

Anne Frank

Anne Frank hatte davon geträumt, Schriftstellerin zu werden. Mit ihren Tagebüchern, die sie in einem Amsterdamer Hinterhofversteck geschrieben hatte, wurde sie weltbekannt. Am 12. Juni 2019 wäre sie 90 Jahre alt geworden. | Bildquelle: picture-alliance / dpa

Nächtliche Treffen am Zaun

Thomas Rahe zeigt auf einer Karte im Dokumentationszentrum auf die Stelle, wo das Lager, in dem Anne und Margot lebten, lag - direkt neben dem Lager mit den etwas bessergestellten Insassen, die für einen Gefangenenaustausch vorgesehen waren. Nur getrennt durch einen Stacheldrahtzaun und einen Sichtschutz. "Da konnten sie durch den Zaun miteinander sprechen", erzählte Hanneli Goslar, eine alte Freundin von Anne aus Amsterdamer Kindertagen, in einem Interview, das 2002 im Auftrag der Gedenkstätte Bergen-Belsen in Jerusalem geführt wurde.

Goslar war in das Austauschlager verschleppt worden. Eines Tages erfuhr sie, dass Anne mit ihrer Schwester in dem benachbarten Frauenlager gefangen gehalten wurde. Anfang 1945 wurde ein nächtliches Treffen am Zaun vereinbart. Goslar berichtete, dass sie Anne ein paar Lebensmittel über den Zaun werfen wollte, was leider beim ersten Mal nicht klappte.

Gedenkstätte Bergen-Belsen
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Die Gedenkstätte Bergen-Belsen liegt in der Lüneburger Heide in Niedersachsen. Dort wurde ein Gedenkstein für Anne Frank und ihre Schwester aufgestellt.

Sterbenskrank im Winter

"Als ich Anne auf der anderen Seite hörte, sagte ich 'Achtung, Anne. Ich werd was rüberwerfen!' Und dann hörte ich, wie sie weinte und schimpfte." Eine andere hungrige Frau habe das Paket aufgefangen und sei damit weggerannt, ohne was abzugegeben. "Also habe ich sie erstmal beruhigen müssen." Zwei, drei Tage später sei sie wieder mit einem kleinen Paket gekommen - diesmal habe Frank es aufgefangen.

Wahrscheinlich war Anne zum Zeitpunkt der Übergabe schon sterbenskrank. "Ich erinnere mich, dass Anne einmal während der letzten Tage in eine Decke gehüllt vor mir stand. Weinen konnte sie schon nicht mehr", berichtete Janny Brandes-Brilleslijper in dem Film "Anne Frank - die letzten sieben Monate" von Willy Lindwer. "Wir hatten alle keine Tränen mehr. Und sie sagte zu mir, das Ungeziefer in ihren Kleidern habe sie gegraust, und da habe sie sie weggeworfen." Mitten im Winter habe sie da nur in eine Decke gehüllt gestanden.

Vermutlich Mitte Februar 1945 gestorben

Eine andere Mitgefangene, Nanette Blitz, beschreibt, dass Anne wahrscheinlich bereits Ende Januar 1945 unheilbar an Flecktyphus erkrankt war. Da die von Läusen übertragene Infektion meist innerhalb von zwölf Tagen zum Tod führt, geht man davon aus, dass Anne spätestens Mitte Februar 1945 ein Opfer der Krankheit und der unmenschlichen Bedingungen wurde.

Am 15. April 1945 wurde Bergen-Belsen kampflos an die Briten übergeben. Für Anne Frank rund zwei Monate zu spät. Ihr grausames Schicksal steht diametral der Rezeption gegenüber, die Anne Franks Tagebücher insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren erfahren haben. Der Kernsatz "Trotz alledem glaube ich an das Gute im Menschen" suggeriert ein versöhnliches Ende, das es in der Wirklichkeit von Annes letzten Monaten nicht gab.

Anne Frank-Tagebuch
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Das wahrscheinlich bekannteste Tagebuch der Welt: das von Anne Frank. Es wurde nach dem Krieg von ihrem Vater veröffentlicht und gilt als wichtiges historisches Dokument aus der Zeit des Holocaust.

Riesiges Interesse durch das Tagebuch

Der Erfolg von Annes Tagebuch insbesondere bei deutschen Lesern hat wahrscheinlich auch einen Hintergrund, der über die literarischen Qualitäten der Aufzeichnungen hinausgeht. "Man konnte sich mit diesem Thema der NS-Verfolgung an einem konkreten Lebensschicksal auseinandersetzen und gleichzeitig dieser Auseinandersetzung ausweichen", sagt Thomas Rahe. "Ganz paradox. Denn im Tagebuch kommt keine SS vor, kommt kein prügelnder Wachmann vor, kommen keine Vergasungen und Erschießungen vor."

Das Interesse an dem Schicksal von Anne Frank in Bergen-Belsen war so groß, dass man sich entschloss, dort auch einen Gedenkstein speziell für sie und ihre Schwester aufzustellen. Die Verantwortlichen waren sich anfangs uneins, ob ein Einzelschicksal besonders hervorgehoben werden sollte, das sich eigentlich nicht von dem Schicksal, dem Leben und Sterben anderer Inhaftierter unterschied. Letztlich gewann die Einsicht, dass ihre Berühmtheit als Tagebuchautorin dazu beitragen kann, auf die Schicksale aller Inhaftierten im Konzentrationslager Bergen-Belsen aufmerksam zu machen.

Anne Frank: Was weiß man über ihre letzten Wochen?
Michael Kurth, NDR
02.02.2020 14:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. Februar 2020 um 12:05 Uhr.

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