Untersuchung in Berlin Antisemitismus wird roher und direkter

Stand: 17.04.2019 21:21 Uhr

Schon die Berliner Polizeistatistik hat für das Jahr 2018 deutlich mehr judenfeindliche Übergriffe gezählt als im Jahr zuvor. Jetzt bestätigt das die Fachstelle RIAS mit ihren eigenen Zahlen, die auf Meldungen von Betroffenen und Zeugen zurückgehen.

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus in Berlin (RIAS) beklagt eine starke Zunahme judenfeindlicher Vorfälle in der Bundeshauptstadt. 2018 zählte die nichtstaatliche Institution 1.083 entsprechende Zwischenfälle. Das waren 14 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2017. Die Zahl tätlicher Angriffe habe sich von 18 auf 46 mehr als verdoppelt, teilte die Stelle am Mittwoch weiter mit. Auch die Zahl der Bedrohungen sei erheblich gestiegen: von 26 auf 46. Den Angaben zufolge waren 368 Menschen betroffen. Darunter waren mit 187 mehr als die Hälfte jüdische Bürger.

alt Polizeibeamte am Rande einer Demonstration in Berlin Polizisten (Bild: imago/snapshot-photography)

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22 Prozent mehr verletzendes Verhalten

Unter den tätlichen Angriffen waren sechs Körperverletzungen oder versuchte Körperverletzungen gegen Menschen, die eine Kippa oder ein Davidstern-Tattoo trugen oder israelische Musik hörten. Dabei konnte über die Hälfte der gemeldeten Angriffe keinem politischen Hintergrund zugeordnet werden, drei waren islamistisch motiviert und fünf links-antiimperialistisch.
 
Daneben gab es 831 Fälle von verletztendem Verhalten (plus 22 Prozent). Dazu gehören schriftliche oder mündliche Anfeindungen sowie Propaganda mit antisemitischen Inhalten. "Wir stellen im Vergleich zu den vergangenen Jahren eine zunehmende Bereitschaft fest, antisemitische Aussagen mit konkreten Gewaltandrohungen zu verbinden oder ihnen gar Gewalt folgen zu lassen", kommentierte RIAS-Projektleiter Benjamin Steinitz die Ergebnisse.

Die meisten Vorfälle in Berlin-Mitte

Die Intensität, mit der Antisemitismus sich in gewalttätigen Angriffen in Berlin ereignet, sei frappierend, sagte Steinitz in der rbb-Abendschau. Man müsse davon ausgehen, dass die Zahl der Fälle gestiegen sei und der Anstieg nicht lediglich auf eine erhöhte Meldebereitschaft zurückzuführen sei. Es gebe eine Verrohung in der Auseinandersetzung mit der Shoah.
 
RIAS hat auch ausgewertet, in welchen Bezirken es besonders häufig zu antisemitistischen Vorfällen kommt: Trauriger Spitzenreiter ist Berlin-Mitte mit 63 Vorkommnissen, gefolgt von Charlottenburg-Wilmersdorf und Friedrichshain-Kreuzberg. In Lichtenberg und Reinickendorf wurden die wenigsten antisemitischen Vorfälle gezählt. Am häufigsten ereignen sich RIAS zufolge antisemitische Vorfälle auf offener Straße, gefolgt vom öffentlichen Nahverkehr und Bildungseinrichtungen.

Zentralrat: Al-Kuds-Marsch verbieten

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, nannte die gestiegene Zahl von Angriffen "zutiefst besorgniserregend". Schuster forderte ein Verbot des jährlichen israelfeindlichen Al-Kuds-Marschs und der Hisbollah als Veranstalter.
 
Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Die Grünen) betonte in einer ersten Reaktion, Berlin habe ein Antisemitismusproblem, das gewachsen sei und sich in der Gesellschaft verfestige. Er verwies auf ein Senatskonzept, das die Antisemitismus-Prävention weiterentwickeln werde.

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"Verschiebung vom Sagen zum Tun"

Der Antisemitismusbeauftragte der Berliner Jüdischen Gemeinde, Sigmount Königsberg, forderte eine zügigere Klageerhebung bei antisemitischen Vorfällen. Von Politik und Justiz sei zu gewährleisten, dass jüdische Menschen sich sicher fühlen können, sagte Königsberg.
 
"Wir erleben eine Verschiebung vom Sagen zum Tun", warnte die Projektleiterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR), Bianca Klose. Dafür müsse nicht mehr weit nach rechts geschaut werden, es reiche ein Blick in die Mitte der Gesellschaft.

Auch Polizei zählte mehr Fälle

In Berlin erheben verschiedene Institutionen nach unterschiedlichen Kriterien Statistiken zum Antisemitismus. Die Berliner Polizei zählte im vergangenen Jahr 324 antisemitische Vorfälle, das waren 18 Fälle mehr als im Vorjahr. Noch drastischer gestiegen sind laut Berliner Polizeistatistik die antisemitischen Straftaten: Gab es im Jahr 2017 noch sieben gewalttätige Angriffe, stieg die Zahl im vergangenen Jahr auf 27. Allerdings waren das weniger als der Fachstelle gemeldet wurden.

RIAS sammelt seit 2015 Zahlen

Die Fachstelle RIAS wurde im Januar 2015 vom Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V. (VDK) ins Leben gerufen. Zusammen mit jüdischen und nichtjüdischen Organisationen hat RIAS ein berlinweites Meldenetzwerk für antisemitische Vorfälle aufgebaut.
 
Die Institution bezeichnet sich selbst als parteilich und orientiert sich an den Bedürfnissen und Wahrnehmungen der Betroffenen, ihrer Angehörigen oder der Zeugen eines Vorfalls. Die Fachstelle erfasst auch Vorfälle, die nicht angezeigt wurden oder keinen Straftatbestand erfüllen. Opfern und Angehörigen werden psychosoziale und juristische Beratungen angeboten.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, RIAS habe im ersten Halbjahr 2018 insgesamt 1.083 gezählt. Tatsächlich bezieht sich die Zahl aber auf das ganze Jahr 2018. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Sendung: Radioeins, 17.04.2019, 10.00 Uhr

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