Rabbiner Elias Dray | Bildquelle: ARD Haupstadtstudio

Jüdisches Leben in Deutschland "Es gibt mehr Antisemiten"

Stand: 26.01.2020 05:20 Uhr

Der Antisemitismus in Deutschland war nie weg, in den vergangenen Jahren aber hat er wieder zugenommen. In vielen jüdischen Gemeinden ist das deutlich zu spüren - auch auf dem Land. Der Anschlag von Halle: eine Zäsur.

Von Thomas Kreutzmann, ARD-Hauptstadtstudio

Das ostbayerische Amberg in der Oberpfalz ist eine Kleinstadt mit rund 40.000 Einwohnern. Draußen strahlt die Synagoge mit dem metallenen Davidstern inmitten einer Gründerzeitfassade. Drinnen singt Rabbiner Elias Dray verhalten das Totengebet. Und jetzt, kurz vor dem Holocaust-Gedenktag aus Anlass der Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren, ertönen Ortsnamen wie Bergen-Belsen, Majdanek, Treblinka und eben Auschwitz. Viele Juden aus der Region starben in den Vernichtungslagern der Nazis.

Heute zählt die jüdische Gemeinde Amberg 120 Menschen, mehr als 100 davon sind Jahrzehnte nach Kriegsende aus der ehemaligen Sowjetunion in die Oberpfalz gekommen. Rabbiner Dray ist einer der wenigen in Deutschland geborenen jüdischen Geistlichen. Er stammt aus Amberg. Teile seiner Familie kamen ausgerechnet im polnischen Oswiecim zur Welt - zu Deutsch: Auschwitz.

Seine Familiengeschichte ist dramatisch von KZ-Erfahrung und Tod geprägt, aber auch vom glücklichen Entkommen. Heute, so sagt zwar Drays Onkel Ignaz Berger, erlebe er "eigentlich" keinen Antisemitismus. Aber auch ihm, einem erfolgreichen Geschäftsmann und einem der größten Pferdehändler Deutschlands, zischte man schon zu: "Dich haben sie bei der Deportation wohl vergessen."

Inzwischen werden solche strafbaren Äußerungen auch in der Provinz häufiger. Rabbiner Dray sagt: "Es gibt mehr Antisemiten. Ich bin hier aufgewachsen, in die Schule gegangen in den 1990er-Jahren. Damals war es ein absolutes Tabu, irgendetwas gegen Juden zu sagen. Das hat sich schon verändert."

Die bundesweite Statistik unterstützt solche Erfahrungen: 1799 solcher Delikte zählte das Bundeskriminalamt 2018, darunter 69 Gewalttaten. Das ist insgesamt eine Zunahme von rund 20 Prozent gegenüber 2017. Als schlimme Zäsur empfinden nicht nur bedrohte Juden das Attentat von Halle am 9. Oktober 2019, als ein schwerbewaffneter Rechtsextremist die in der Synagoge Betenden zu töten versuchte - und nur von der massiven hölzernen Eingangstür am Eindringen gehindert wurde.

Judenhass in Deutschland ist vor allem ein Neonazi-Problem. Da spricht die polizeiliche Statistik eine klare Sprache: Es sind zu 90 Prozent Rechtsradikale und Rechtsextreme, die antisemitische Straftaten begehen. In 8,5 Prozent der Fälle geschehen die Taten aus religiösen oder ausländisch-politischen Motiven; und ein Prozent der Täter sind Linksextremisten.

Schutz auch für kleine Gemeinden?

Seit Halle haben die Länder die polizeiliche Bewachung der Synagogen, die im Fall Halle fehlte, deutlich verstärkt. Die jüdischen Gemeinden selbst investieren ergänzend schon seit vielen Jahren aus eigenem Geld in Überwachungstechnik und Überwachungspersonal. Sie stoßen dabei aber oft an ihre Grenzen.

Auch kleine Gemeinden wie seine, die durchaus über Videoüberwachung und andere Schutzeinrichtungen verfügt, seien nicht sicher, sagt Rabbiner Dray. Er will Bayerns Regierung überzeugen, sich an den Kosten für Türen, die Schutz vor Gewalttätern bieten, und sichere Fenster zu beteiligen. Es gehe darum, deutsche Staatsbürger zu schützen: "Ich habe einen deutschen Pass. Ich bin deutscher Jude, so wie es deutsche Christen und deutsche Muslime gibt."

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Sis Timberg spricht von einem unterschwelligen Bedrohungsgefühl.

Sis Timberg, eine Israelin, die in Berlin lebt, spricht von einem unterschwelligen Bedrohungsgefühl. Sie vermeidet es, in der S-Bahn Bücher mit hebräischen Schriftzeichen aus der Tasche zu holen, wenn der Zug bestimmte Stadtbezirke erreicht: "Ich will keine Situation, in der es außer Kontrolle gerät", sagt sie. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur vergangenes Jahr hat auch für sie die Dinge stark verändert: "Ich würde an Jom Kippur zum Beispiel jetzt nicht mit meiner Tochter in die Synagoge gehen", sagt sie.

Lambrecht will Strafrecht verstärken

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht will antisemitische Straftaten schärfer verfolgen und im Strafrecht die Möglichkeit verankern, antisemitische Motive strafverschärfend zu behandeln. "Die Ermittler, die Staatsanwälte und die Richter müssen das dann auch konsequent anwenden. Das heißt, es ist ganz wichtig, dass auch in den Ländern die klare Botschaft ist: So etwas lassen wir nicht durchgehen. Hier stellen wir nicht ein, sondern hier wird dann auch ermittelt", sagt die SPD-Politikerin dem ARD-Hauptstadtstudio. Lambrecht will auch den Straftatbestand der Beleidigung erweitern: Wenn im öffentlichen Raum, also etwa im Internet, gepöbelt und gehetzt wird, soll das in Zukunft strafverschärfend wirken.

Patrick Siegele, Anne-Frank-Zentrum, Berlin | Bildquelle: ARD Hauptstadtstudio
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"Alle müssen etwas gegen Hetze gegen Minderheiten tun", sagt Patrick Siegele.

Für mindestens ebenso wichtig halten Experten und die Bundesjustizministerin die Prävention. Im Anne-Frank-Zentrum in Berlin-Mitte etwa sagt Direktor Patrick Siegele, dass aus bereits vorhandenen Einstellungen inzwischen mehr Taten folgen: "Wir haben in Deutschland, aber auch in Europa, insgesamt einen Ruck nach rechts erlebt in den letzten Jahren. Und der gesellschaftliche Konsens darüber, dass die Erinnerung an den Holocaust für die Demokratie ein wichtiger Wert ist und etwas, das es zu bewahren und zu fördern gilt, scheint in bestimmten politischen Spektren nicht vorhanden zu sein." Alle müssten etwas gegen Hetze gegen Minderheiten tun. Denn sie sei längst im Alltag angekommen.

Mitarbeit: Kristin Joachim, Ariane Reimers und Volker Schwenck. Mehr zum Thema sehen Sie im Bericht aus Berlin um 18:30 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste im "Bericht aus Berlin" am 26. Januar 2020 um 18:30 Uhr.

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