Obdachloser in Hessen | Bildquelle: dpa

Statistisches Bundesamt Jeder Sechste an der Armutsgrenze

Stand: 13.08.2020 16:55 Uhr

Das Armutsrisiko hat einen neuen Höchststand erreicht. Laut dem Statistischen Bundesamt lebte 2019 in Deutschland jeder sechste Bürger an der Armutsgrenze. Besonders schlimm ist die Lage in Bremen.

Das Armutsrisiko in Deutschland ist so hoch wie seit vielen Jahren nicht mehr. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im vergangenen Jahr 15,9 Prozent der Bürger von Armut bedroht, 2018 waren es noch 15,5 Prozent.

Die Armutsstatistik reicht in dieser Form nur bis 2005 zurück. Doch auch danach handelt es sich um einen neuen Höchstwert. Der Armutsforscher Christoph Butterwegge ist sich sicher: "Das ist der höchste Wert seit der Wiedervereinigung."

Die Armutsschwelle liegt laut dem Statistischen Bundesamt bei 1074 Euro bei einem Einpersonenhaushalt, das sind 60 Prozent eines durchschnittlichen Haushaltseinkommens. Wer weniger Geld zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet.

Armutsrisiko in Bremen am höchsten

Nach Bundesländern betrachtet leben in Bremen die meisten von Armut bedrohten Menschen. In der Hansestadt war der Statistik zufolge fast ein Viertel der Bevölkerung (24,9 Prozent) von Armut bedroht. Unter Kindern und Jugendlichen war es in dem hoch verschuldeten Land sogar mehr als jeder Vierte.

Die wenigsten Menschen waren in Bayern (11,9) und Baden-Württemberg (12,3) betroffen.

Unterschiede zwischen Ost und West

Dabei entwickelt sich das Armutsrisiko in Ost und West sehr unterschiedlich. In den vergangenen zehn Jahren ging es in den östlichen Bundesländern - ohne Berlin - zurück, in den westlichen dagegen stieg es.

Den bundesweit stärksten Rückgang verzeichnete zwischen 2009 und 2019 Mecklenburg-Vorpommern - von 23,1 auf 19,4 Prozent. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich die Armutsgefährdung in Bremen von 20,1 auf 24,9 und in Hessen von 12,4 auf 16,1 Prozent.

Zu viele Menschen im Niedriglohnsektor

Am stärksten von Armut bedroht waren demnach Erwerbslose mit 57,9 Prozent. Danach folgen Alleinerziehende (42,7), Migranten (35,2) und Familien mit drei oder mehr Kindern (30,9).

Butterwegge meint dazu:

"Ich finde das besorgniserregend und alarmierend. Es gibt eine Polarisierung, die Reichen werden reicher, die Armen werden zahlreicher."

"Die Zahlen zeigen ganz deutlich, dass sich die Armut bereits vor der Corona-Krise verschärft hat, und zwar zu einer Zeit, als die Wirtschaft boomte und die Arbeitslosenzahlen niedrig waren", sagt Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK. Es seien noch immer zu viele Menschen im Niedriglohnsektor beschäftigt und die Löhne zu niedrig.

Corona dürfte die Lage boch mehr verschärfen

Die Entwicklung dürfte sich in der Corona-Krise noch verschärft haben. Die Bundesagentur für Arbeit hatte für Juli 2,91 Millionen Erwerbslose gemeldet, 635.000 mehr als ein Jahr zuvor. Im Mai waren in Deutschland 6,7 Millionen Menschen in Kurzarbeit.

"Wer schon vorher kurz über der Armutsrisikoschwelle lag, rutscht mit Kurzarbeit oder Jobverlust runter", sagte Butterwegge. Hier handele es sich um relativ arme Menschen, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens haben. Absolut arm seien die, die nicht einmal die Grundbedürfnisse befriedigen könnten, wie Obdach- oder Wohnungslose. Und die würden laut dem Armutsforscher bei den Corona-Hilfsfonds der Bundesregierung fast leer ausgehen.

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