Feierliche Zeremonie auf der ISS, als Alexander Gerst das Kommando übernimmt. | Bildquelle: picture alliance/dpa

Virtuelle Talkshow Von Astronauten lernen in Corona-Zeiten

Stand: 26.03.2020 04:59 Uhr

Isolation aushalten, auf engstem Raum miteinander klar kommen: Wie das gelingen kann, wissen Astronauten sehr genau. In einer virtuellen Talkshow geben Alexander Gerst und Kollegen heute Tipps gegen den Lagerkoller.

Von Ute Spangenberger, SWR

Wenn in Deutschland jemand weiß, wie sich Isolation anfühlt, dann ist es Alexander Gerst. Der deutsche Astronaut der Europäischen Weltraumorganisation ESA war zweimal auf der Internationalen Raumstation ISS, verbrachte 363 Tage im All. Eingesperrt auf engstem Raum, 400 Kilometer über der Erde - Gerst hat unter Extrembedingungen gelebt.

Quarantäne als Härtetest

Vor seinen Aufenthalten auf der ISS musste er bereits auf der Erde in die Isolation: "Wir waren da wirklich isoliert, von der Außenwelt abgeschnitten in einem kleinen Areal in Baikonur in Kasachstan. Das lag in der Nähe der Startrampe, von der wir dann auch in den Weltraum gestartet sind. Und selbst vor diesen drei Wochen in Quarantäne waren wir bereits zwei Wochen in einer Art Selbstquarantäne, um die Infektionsmöglichkeiten zu minimieren."

Während Gerst mit tagesschau.de redet, sitzt er bei sich zu Hause im Home Office in Köln. Auch er versucht, seine Außenkontakte zu minimieren, zumindest körperlich.

Astronaut Alexander Gerst | Bildquelle: dpa
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ISS-Astronaut Alexander Gerst hat erlebt, was Quarantäne bedeutet - nicht nur im All, sondern auch auf der Erde. Er möchte Mut machen in der Krise - alle sollten gemeinsam versuchen, das Beste daraus zu machen.

Am Nachmittag nimmt der ESA-Astronaut an einer Art virtuellen Talkshow teil. Die ESA hat zusammen mit der Organisation "Asteroid Day" eine illustre internationale Runde eingeladen. Im deutschsprachigen Teil wird neben Gerst auch Matthias Maurer, der nächste deutsche ESA-Astronaut auf der ISS, sprechen. Dabei sind auch der ehemalige Astronaut und ESA- Koordinator Thomas Reiter und ESA-Chef Jan Wörner. Alle sitzen zu Hause und werden zugeschaltet.

Tipps gegen den Lagerkoller

Moderiert wird die Runde von Wissenschaftsjournalist Rangar Yogeshwar. Er hofft, dass die Astronauten den Zuschauern auch ganz praktische Tipps geben können: "Was sind zum Beispiel einfache Deeskalationsregeln? Wir haben ja eine Situation, wo Familien zum Teil in kleinen Wohnungen ungewohnt eng zusammensitzen und das gibt Raum für Konflikte. Gibt es ein Set von Regeln, wie man solche Konflikte minimieren kann?"

Die grundsätzliche Idee hinter der Veranstaltung im Netz: Die Astronauten sollen mit ihren Redebeiträgen Mut machen: "Astronauten haben gelernt, weit über den Horizont hinauszugehen, mit erstaunlichen Herausforderungen umzugehen und mentale und physische Methoden zu finden, um mit Einschränkungen zu leben", erklärt Filmemacher und Asteroid-Day-Direktor Grigorij Richters, der das Event mit organisiert hat.

Feierliche Zeremonie auf der ISS, als Alexander Gerst das Kommando übernimmt. | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Alexander Gerst übernahm am 3. Oktober 2018 das Kommando auf der ISS. Er und seine Kollegen haben viel Erfahrung mit Isolation und Enge.

"Inspirieren, über Grenzen hinweg"

Um 17:00 Uhr wird die deutsche Talkrunde eine halbe Stunde online sein, aus dem Astronauten-Alltag berichten und Fragen von Usern und Zuschauern beantworten.

Gerst freut sich auf den Kontakt mit der Öffentlichkeit: "Wir wollen zeigen, dass wir im Moment alle zusammen in dieser herausfordernden Situation sind und diese zusammen meistern können. Deswegen finde ich auch das Wort 'social distancing' sehr unglücklich gewählt. Es geht ja eben nicht darum, dass man sich sozial von anderen Menschen entfernt, sondern nur physisch und biologisch. Aber sozial ist es sehr wichtig, dass man weiter eingebunden ist, dass auch Kinder die Zeit nutzen und sehen, dass es noch mehr da draußen gibt als die Nachrichten über Corona. Und ich wünsche mir, dass wir auch ein bisschen inspirieren, über Grenzen hinweg."

Vorbild Raumfahrt

ESA-Generaldirektor Wörner sieht das ähnlich. Gerade die Raumfahrt habe gezeigt, dass Zusammenhalten funktioniert: "Wenn ich nach Baikonur gehe und sehe, dass ein europäischer Astronaut mit einem russischen Kosmonauten und einem Amerikaner gemeinsam in eine kleine Kapsel einsteigt, dann geht mir jedes Mal das Herz auf. Das ist etwas, was wir auch zeigen wollen. Dass die Wissenschaft und die Raumfahrt die Zusammenarbeit weltweit leben. Wir arbeiten zusammen für unseren blauen Planeten, für den besten Platz im Universum."

Auch Wörner arbeitet momentan aus dem Home Office. Er erzählt, dass auch beim ESOC, dem Kontrollzentrum der ESA in Darmstadt, nur noch die Mitarbeiter vor Ort sind, die unbedingt müssen. Die Kontrolle der Satelliten etwa lasse sich nicht vom Schreibtisch zu Hause machen: "Wir müssen handlungsfähig bleiben. Die Satelliten fliegen ja weiter. Wir können nicht auf der Erde einfach sagen: Jetzt gehen wir mal ins Home Office. Es geht darum, insbesondere Kollisionen zu vermeiden und da müssen wir alle Satelliten, die irgendwie im Zugriff von Europa aus sind, und das sind sehr viele, im Griff haben."

Das Beste daraus machen

Gerst möchte jetzt vor allem Optimismus verbreiten: "Man muss die Situation als Herausforderung sehen. Jeder von uns hier ist in der Situation zum allerersten Mal, und wir sollten das Beste daraus machen. Das ist nicht immer einfach, zumal es manche Menschen sehr hart trifft. Aber letztendlich wird es für mehr Zusammenhalt in unserer Gesellschaft sorgen, wenn wir gemeinsam neue Horizonte überwinden." Pragmatisch sein, das Beste daraus machen, dafür wirbt Gerst.

Weitere Informationen zu der virtuellen Talkrunde, die ab 17:00 Uhr auf Youtube gestreamt wird, finden Sie bei der ESA unter folgendem Link. Wer vorab Fragen an die Talkgäste stellen möchte, kann dies online auf Facebook, Twitter oder Instagram unter dem Hashtag #SpaceConnectsUs tun.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. März 2020 um 20:00 Uhr.

Korrespondent

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Ute Spangenberger, SWR

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