Unterricht in einer Schulklasse | Bildquelle: dpa

Mannheimer Bildungsgipfel Was lernen für die Welt von morgen?

Stand: 25.10.2018 05:27 Uhr

Früher lernten Schüler vor allem Fakten - heute sind Kompetenzen wie Teamgeist und unternehmerisches Denken gefragt. Aber wie bereitet man Kinder auf Berufe vor, die es noch gar nicht gibt?

Von Sebastian Deliga, SWR

"Seltsam, im Nebel zu wandern", heißt es im ersten Vers eines berühmten Gedichts von Hermann Hesse. Wie in einem dichten Nebelfeld dürften sich auch viele Bildungsforscher fühlen, die nach einer Antwort auf die Frage suchen, was Menschen künftig lernen sollen. "Laut einer Weltbank-Studie werden 60 Prozent der 15-Jährigen später in Berufen arbeiten, die es heute noch gar nicht gibt", sagt Roman Rüdiger, Geschäftsführender Vorstand der Bildungsinitiative "Education Y", und bringt damit das Dilemma auf den Punkt. Einerseits müssen die Weichen für morgen schon heute gestellt werden. Andererseits: Wer weiß schon, was die Zukunft bringt?

"Die Forscher sind gespalten", berichtet Rüdiger. "Die einen sagen, dass viele Berufe, die es heute gibt, wegfallen und es eine Massenarbeitslosigkeit gibt." Die anderen seien wesentlich optimistischer und davon überzeugt, dass neue Berufe die alten komplett ersetzen würden. "Die Schlüsselfrage ist: Was sind die Kompetenzen des 21. Jahrhunderts?", sagt Rüdiger.

Deutschland beschäftige sich zu stark mit Fragen, ob die Kinder acht oder neun Jahre bis zum Abitur benötigen oder wie man Inklusion organisiert - also mit dem Wie. "Entscheidend ist das Was, also welche Zukunftskompetenzen es braucht - neben Allgemeinwissen vor allem die Fähigkeit zur Kooperation, Kreativität, kritischem Denken und zur Kommunikation sowohl in der analogen als auch digitalen Welt."

Unternehmerisches Denken statt Fakten

Dem stimmt auch Peter Spiegel vom spendenfinanzierten WeQ-Institut zu, das den Mannheimer Bildungsgipfel organisiert und sich mit Innovationen in der Gesellschaft beschäftigt. "Wir wissen nicht, welche Berufe es in zehn oder 20 Jahren geben wird", sagt er. "Vorhersagen heute hätten eine Haltbarkeit wie Eis in der Sahara."

Deshalb müssten Schülerinnen und Schüler nicht vorrangig Fakten lernen, die seien ohnehin digital abrufbar. "Es braucht vielmehr Schlüsselkompetenzen, unternehmerisches Denken etwa, die auf den Umgang mit dem Ungewissen vorbereiten und den Menschen die Angst vor der Zukunft nehmen", sagt Spiegel. Zudem müssten Suchmaschinen wie Google und soziale Netzwerke wie Facebook genossenschaftlich organisiert werden. "Wir brauchen künftig eine bessere Steuerbarkeit unseres digitalen Wissens."

Lernen, mit Veränderungen umzugehen

Die Berufe der Zukunft werden in Unternehmen entstehen, dort tastet man sich schon langsam voran. Anne Kathrin Gebhardt ist Projektleiterin "Agile Transformation" bei der Robert Bosch Power Tools. Das Unternehmen gehört zur Bosch-Gruppe und produziert unter anderem Elektrowerkzeuge und Messtechnik mit einem Umsatz von 4,7 Milliarden Euro im Jahr 2017. Derzeit arbeite man daran, das Unternehmen zukunftsfähig zu machen, sagt Gebhardt: "Starre Unternehmensstrukturen mit verschiedenen Abteilungen nebeneinander und einem Chef an der Spitze, der über alles wacht, gehören der Vergangenheit an."

Bosch setze auf sogenannte cross-funktionale Teams: "Das heißt, wenn wir einen neuen Akku-Schrauber entwickeln, sitzen die Ingenieure neben den Betriebswirten vom Marketing zusammen in einem Team und tragen für das Ergebnis auch gemeinsam die volle Verantwortung." An den Schulen brauche man neue Lernstrategien, sagt Gebhardt. "Schülerinnen und Schüler müssen heute fächerübergreifend denken, Aufgaben in Teams lösen und vor allem lernen, mit Veränderungen umzugehen." Die Halbwertszeit von Wissen sei rapide gesunken. "Was ich einmal gelernt habe, trägt mich nicht mehr die nächsten 40 Jahre durchs Berufsleben", sagt Gebhardt.

Zusammenarbeit statt Konkurrenzkampf

"Leben ist Einsamsein", heißt es weiter in Hermann Hesses Nebel-Gedicht. In der Bildung der völlig falsche Ansatz, meint Margret Rasfeld, Mitbegründerin der Initiative "Schule im Aufbruch". Wie heutige Schülerinnen und Schüler konkret auf die Welt von morgen vorbereitet werden können, darüber hat sie sich schon Gedanken gemacht, als sie noch als Schulleiterin gearbeitet hat. Sie fordert eine völlig neue Bildungspolitik in Deutschland: "Wir denken heute nur von PISA-Studie zu PISA-Studie und fördern den Konkurrenzkampf schon im Sandkasten", klagt sie. Dabei müsse Schule ganz anders funktionieren: "Schüler müssen zusammenarbeiten, einander helfen und Forschungsfragen im Team lösen. Das Heft zu halten, damit der andere nicht abschreibt im Kampf um die bessere Note, bringt nichts."

So gebe es bereits einige Schulen, die das Schulfach "Verantwortung" eingeführt hätten. "Da bekommen die Jugendlichen zwei Schulstunden Zeit, um eine verantwortliche Aufgabe im Gemeinwesen zu übernehmen, etwa im Seniorenheim oder im Umweltschutz", sagt Rasfeld. Unter Erwachsenen herrsche die Ansicht vor, der Einzelne könne ohnehin nichts bewegen. "Die heutigen Schüler müssen aber einmal die ökologische und soziale Krise lösen. Das Vertrauen ins Ungewisse ist die Kernkompetenz der Zukunft."

Immerhin habe die Kultusministerkonferenz inzwischen erkannt, dass Bildung im 21. Jahrhundert anders aussehen müsse als heute - damit die Schülerinnen und Schüler künftig sicher durch den Nebel kommen.

Über dieses Thema berichtete SWR Aktuell Baden-Württemberg am 25. Oktober 2018 um 19:30 Uhr.

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