Canisius Kolleg, Jesuitengymnasium

Missbrauch am Canisius-Kolleg Zehn Jahre - und kein Ende der Aufarbeitung

Stand: 28.01.2020 03:43 Uhr

Vor zehn Jahren wurde der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg bekannt. Die Aufarbeitung ist noch immer nicht abgeschlossen. Viele Opfer warten weiterhin auf Entschädigung.

Von Ulrich Pick, SWR

Anfang Januar 2010 bekam Klaus Mertes, Jesuitenpater und Schulleiter des Berliner Canisius-Kollegs, Besuch von drei ehemaligen Schülern. Diese berichteten ihm von wiederholten Fällen sexuellen Missbrauchs an der Schule durch zwei Patres in den 1970er- und 1980er-Jahren.

Mertes, der die Berichte für authentisch hielt, schrieb einen Brief an alle ehemaligen Schüler. Sie sollten sich melden, wenn ihnen Ähnliches widerfahren oder bekannt sei. Mehr als 100 Rückmeldungen gingen ein, wovon die "Berliner Morgenpost" am 28. Januar 2010 erstmals berichtete.

Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs, steht vor der Jesuitenschule. | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Matthias Katsch, ehemaliger Schüler des Canisius-Kollegs: Debatte über Entschädigung

Größeres Ausmaß als gedacht

Schnell wurde klar, dass das Ausmaß sexuellen Missbrauchs größer war als gedacht. Denn es bezog sich nicht nur auf katholische Einrichtungen, sondern ging weit darüber hinaus. So wurden auch zahlreiche Fälle aus öffentlichen Schulen und Sportvereinen publik.

Die katholische Kirche setzte mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann einen Missbrauchsbeauftragten ein, der auch mit am Runden Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch" der  Bundesregierung saß. Und Matthias Katsch, einer der drei Schüler, die Pater Mertes informierten, gründete die Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch".

2014 gab die Deutsche Bischofskonferenz eine Studie in Auftrag, die den Umfang des sexuellen Missbrauchs in den deutschen katholischen Bistümern ermitteln sollte. Die Untersuchung, die nach den Standorten der Wissenschaftler aus Mannheim, Heidelberg und Gießen "MHG-Studie" genannt wird und im Herbst 2018 veröffentlicht wurde, legte dar, dass sich in den kirchlichen Akten der Jahre 1946 bis 2014 Belege für bundesweit 3677 sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche durch Priester, Ordensmänner oder Diakone finden.

Die Studie wies zudem darauf hin, dass sexueller Missbrauch stets einen Missbrauch von Macht darstellt, "der durch autoritär-klerikale Strukturen der katholischen Kirche begünstigt werden kann". Sie empfahl daher dringend eine "grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Weiheamt des Priesters und deren Rollenverständnis gegenüber nicht geweihten Personen".

Frage der Entschädigung

Die katholische Kirche hat inzwischen ihre Leitlinien zur Prävention und zum Umgang mit Missbrauchsfällen mehrfach verschärft. Von diesem Jahr an sollen sie für alle Bistümer einheitlich und bindend sein. Bislang hat die katholische Kirche an Betroffene eine Anerkennungszahlung von 5000 Euro pro Person angeboten, eine wirkliche Entschädigung wie von den Betroffenen gefordert, steht noch aus.

Diese Anerkennungssumme ist Katsch erheblich zu niedrig. Die Initiative "Eckiger Tisch" fordert einen sechsstelligen Betrag.

Jesuitenpater Mertes sieht in der Zahlung einer Summe zwar durchaus eine Möglichkeit, dem erlittenen Leid eine gewisse Anerkennung zu verschaffen. Doch die Zahlung von Geld allein - ohne eine Änderung auf der Beziehungsebene - sei ihm suspekt. "Da kommen wir dann letztlich in die Loskauf- und Ablasslogik hinein. Wir zahlen und dann ist Ruhe."  Das würde ihm große Sorgen machen.

Sexueller Missbrauch in Deutschland

Jeder sexuelle Kontakt zwischen einem Erwachsenen und einem Kind ist sexueller Missbrauch. Anders als unter Erwachsenen gibt es nämlich keinerlei einvernehmlichen Sex mit Kindern, da diese in jeglicher Beziehung unterlegen sind und somit von einer freien Entscheidung keine Rede sein kann. Auch wenn in der öffentlichen Debatte sehr stark von sexuellem Missbrauch in Schule, Sportvereinen und Kirchen gesprochen wird: Drei Viertel aller Missbrauchsfälle finden innerhalb von Familie oder Verwandtschaft statt, also im engsten persönlichen Umfeld. Und dies bedeutet, dass die Täter dem Kind in der Regel seit Längerem bekannt sind.

Deshalb sagt Johannes Wilhelm Röhrig, der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung: "Es gibt immer noch wirklich Widerstände gegen den Kampf gegen sexuellen Missbrauch. Viele wollen es nicht wahrhaben, was bei uns passiert in Deutschland. Was in den Familien passiert, im sozialen Umfeld. Und da ist die Antwort der Verantwortlichen noch nicht stark genug."

Wie groß der sexuelle Missbrauch an Minderjährigen in Deutschland genau ist, darüber gibt es wenig gesicherte Informationen. Experten gehen davon aus, dass die Zahl der betroffenen Kinder zwischen 200.000 und einer Million liegt. Dies ist aber nur der offensichtliche und greifbare Umfang. Die Dunkelziffer - darüber ist man sich weitgehend einig - dürfte um ein Vielfaches höher liegen.

Zehn Jahre Missbrauchsskandal - Eine mühsame Aufarbeitung
Angela Tesch, ARD Berlin
27.01.2020 23:21 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Januar 2020 um 06:00 Uhr.

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