Annegret Kramp-Karrenbauer | Bildquelle: dpa

Kramp-Karrenbauer und die CDU Die Krisensekretärin

Stand: 05.10.2018 15:31 Uhr

Als Generalsekretärin managt Kramp-Karrenbauer eine zerrissene CDU. Von Merkel nominiert, wird sie zugleich schon als ihre potenzielle Nachfolgerin gehandelt - der Druck steigt.

Von Corinna Emundts, tagesschau.de

Kaum vorstellbar, dass dies dieselbe Person sein soll: Jene als "Putzfrau Gretel"  in karierter Kittelschürze verkleidete saarländische Landesmutter  bei der Saarbrücker Fastnacht 2017, die im Saar-Dialekt über den Berliner "Politzirkus" im Reichstag recht deftig lästert. Und jene noch recht neue CDU-Generalsekretärin, die jetzt den Hauptstadtjournalisten mit verschachtelten Sätzen fast dialektfrei eben getroffene Parteivorstandsbeschlüsse erläutert, ohne dabei zuviel raus zu lassen.

Ein schwieriger Tag für Annegret Kramp-Karrenbauer in Berlin, denn sie muss mal wieder innerparteilich die Wogen glätten - gerade in der Darstellung nach außen: Es ist der Tag nach der Sommerpause, an dem die Parteispitze sich dagegen entschieden hat, neue Untergruppen wie die "Werteunion" offiziell anzuerkennen. Sie steckt nun halt in der Generalsekretärs-Rolle, in der sie sich nach vielen Vorschusslorbeeren noch bewähren müsse, raunt ein Funktionsträger in der Partei. Gleichzeitig fällt ihr Name stets schon, wenn über eine Nachfolge von Angela Merkel spekuliert wird.

Geht Merkels und "AKKs" möglicher Plan noch auf?

Nun wird die Zeit für die 56-jährige Ex-Ministerpräsidentin womöglich knapper als gedacht, da ihre Vertraute Merkel geschwächt da steht. Die Spekulationen darüber, ob die Kanzlerin ihren CDU-Parteivorsitz bereits beim Parteitag in diesem Dezember verlieren oder abgeben könnte, hören nicht auf. Kramp-Karrenbauer braucht aber noch Zeit, gerade wenn sie sich für eine Nach-Merkel-Ära ein eigenes Profil in der Partei und für den Sprung in ein nächsthöheres Amt erarbeiten will.

Annegret Kramp-Karrenbauer | Bildquelle: FELIPE TRUEBA/EPA-EFE/REX/Shutte
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Annegret Kramp-Karrenbauer war als Ministerpräsidentin im Saarland als bürgernah bekannt. Doch die ganze CDU von West bis Ost als Generalsekretärin für sich einzunehmen, wird dauern.

Dass sie sich Merkels Nachfolge zutraut, bezweifelt in der CDU keiner mehr. Ihr Ziel: Die ganze derzeit eher zerrissene Partei hinter einem neuen Grundsatzprogramm im Jahr 2020 zu einen. "Ihr Ansatz ist zu integrieren, nicht zu polarisieren", sagt der Politologe Stefan Marschall im Gespräch mit tagesschau.de.

Warnungen mit drastischen Worten

Sie kann Klartext, wenn sie will. "Vor einer Zerreißprobe an der Basis" und dem "Ende der CDU als Volkspartei" warnte sie auf dem Höhepunkt der CDU/CSU-Krise rund um den Seehofer-"Masterplan" bei ihrer "Zuhörtour" die Parteibasis: "Unsere Wähler schätzen es nicht, dass sich bürgerlich-konservative Parteien so aufführen." Zugleich schrieb sie einen Brandbrief an alle Mitglieder, Tenor: Die Lage sei ernst.

In der jüngsten GroKo-Krise rund um die Personalie des Verfassungsschutzchefs Hans-Georg Maaßen sprach sie per weiterem Brandbrief aus, der Koalitionsbruch "stehe im Raum", ein Kompromiss müsse her, um ihn abzuwenden. "Intuition und Erfahrung" leiteten sie, wenn sie sich zu aktuellen politischen Vorgängen äußere, sagt sie im Gespräch mit tagesschau.de.

Die neue Informationspolitik komme gut an in der Partei. Wobei sie Wert darauf legt, dass sie regelmäßig und nicht nur Brandbriefe an die Parteimitglieder schreibe: Zuvor habe es oft die Kritik gegeben, von den Medien früher informiert zu sein als von den eigenen Leuten. Das wolle sie mit ihren regelmäßigen "Mitgliedermailings" ändern.

Bei "AKK" bleiben parteinterne Merkel-Kritiker ruhig

Kramp-Karrenbauer hat offenbar bisher keine großen Fehler im neuen Amt gemacht – erkennbar daran, dass es unter Christdemokraten weder vor dem Mikrofon noch hinter vorgehaltener Hand Kritik an ihr gibt. Auch nicht von potenziellen Merkel-Kritikern.

Annegret Kramp-Karrenbauer auf Zuhör-Tour | Bildquelle: dpa
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Bei der "Zuhörtour" verbrachte "AKK" in ihren ersten Monaten viel Zeit, landesweit mit CDU-Mitgliedern an der Basis zu reden. Die Veranstaltungen waren wesentlich kleiner geplant als Merkels Regionalkonferenzen - jeder sollte zu Wort kommen können.

Auffällig ist, dass sie ihre Aufgabe nicht darin sieht, den politischen Gegner oder gar den Koalitionspartner SPD verbal anzugreifen. Umgekehrt pflegt SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil durchaus Richtung CDU/CSU zu schießen, wohl um die Genossen neben der Kanzlerpartei mit eigenem Profil erkennbar zu machen.

Erst mal nach innen wirken

"AKK" wiederum - wie sie sich selbst als Marke bei Twitter und im CDU-Auftritt nennt,  machte sich erst mal auf, in der ganzen Republik bei kleineren Treffen mit CDU-Mitgliedern zu reden. Mehr als 40 Stationen in 16 Wochen absolvierte sie bei der "Zuhörtour": Sie versuchte, auf jede Publikumsfrage einzugehen, das Gespräch mit Themenzetteln vorsortiert. Eine erkennbar geschickte Strategie, analysiert Politologe Marschall: "Es ist für sie zurzeit nicht so entscheidend, in der ersten Reihe sichtbar zu sein, sondern nach innen zu wirken."

Auch das kam bei den Mitgliedern an. Ihr Vorgänger Peter Tauber sei nur einmal zum Wahlkampf in ihrer Region gewesen, sagt der Greifswalder CDU-Stadtverbandsvorsitzende Gerd-Martin Rappen gegenüber tagesschau.de. "AKK" habe den Leuten vor Ort das Gefühl gegeben, wirklich zuhören zu wollen und etwas in die bevorstehende Grundsatzprogramm-Debatte mitzunehmen, so der Eindruck des 37-jährigen Kommunalpolitikers.

Der Partei fehlte Kommunikation

Das zeigt aber auch, in welchem Zustand die Partei derzeit ist. Nicht wenige Mitglieder fühlen sich in der Kanzlerpartei nicht mehr gehört, viele sorgen sich um das Profil der CDU. Symptome: 2017 gründete sich die CDU-Gruppe "Werteunion", die ein konservativeres Profil als das von Merkel geschaffene einfordert, später folgte als Gegenstück die Initiative "Union der Mitte", die eher Merkels Kurs stützt und in Sorge vor einem Rechtsruck ist. Ihren Streit trugen beide Gruppierungen auch über soziale Medien aus - zum Teil mit dem Anspruch, "die CDU" zu sein. AKK wendete sich massiv dagegen.

"CDU muss anständiger im Ton werden"

Diese "Tonalität in der online-medialen Auseinandersetzung", betrachtet Kramp-Karrenbauer zuweilen mit Sorge - auch wenn eine breit gefächerte Volkspartei Auseinandersetzungen in der Sache aushalten müsse. "Wir müssen wieder stärker diskutieren und um Positionen ringen", so Kramp-Karrenbauer gegenüber tagesschau.de, "aber anständig im Ton". Eine Rüge an den eigenen Laden.

Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer | Bildquelle: dpa
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Merkel und Kramp-Karrenbauer verbindet ein langjähriges Vertrauensverhältnis. "AKK" schlug sich nach eigener Auskunft für das neue Amt bei Merkel selbst vor - auch um Kommunikationsprobleme der Volkspartei zu lösen.

Dahinter steckt ihr selbst benanntes Hauptmotiv für ihr neues Amt, das Konzept einer programmbasierten Volkspartei zu erhalten. Nicht einfach in diesen Zeiten, sagt sie selbst. Um die ganze Partei zu gewinnen, also auch etwa die Merkel-Kritiker in den eigenen Reihen, wird sie mehr "AKK" und weniger Merkel zeigen müssen.

Polenz: "Merkels Leistung nutzt AKK"

Sie startet öffentliche Debatten mit Themen, die sie auch aus der "Zuhörtour" mitbringt, etwa die Forderung nach einer Dienstpflicht. Mit dem Doppeleffekt: Die Mitglieder fühlen sich vertreten und sehen, dass ihre Meinung auf dem Weg zum Grundsatzprogramm diskutiert wird.

"Es ist ihre Aufgabe, aus der Partei eine stärker diskutierende Partei zu machen", sagt Ruprecht Polenz, einer ihrer Vorgänger als Generalsekretär und Mitglied der "Union der Mitte". Dass die Partei heute in mehrere Richtungen koalitionsfähig ist, sei eine "strategische Leistung" Merkels durch ihren Modernisierungs-Kurs - und für Kramp-Karrenbauer von Vorteil.

Merkel stürzte Kohl - stürzt "AKK" Merkel?

Sie wird nicht diejenige sein, die Merkel offen stürzt. Das würde nicht zu ihr passen, sagen "AKK"-Kenner. Aber sie wird bereit stehen. Strategisch wäre der nächste Wahlkampf für die CDU leichter, wenn in der Legislatur bereits eine Merkel-Nachfolge ernannt würde, so Politologe Marschall. Dann könnte die Person aus dem Amt heraus Wahlkampf machen.

Wie gesagt, es könnte jetzt auch schneller gehen, als Kramp-Karrenbauer es möglicherweise für  2020 plant. Dann wird sich zeigen, wieweit sie die "AKK" ist und nicht nur Merkelianerin. "Ich kann, ich will und ich werde" heißt eine Biografie, die dieser Tage über die CDU-Hoffnungsträgerin erscheint. Darin sprechen die Autorinnen Eva Quadbeck und Kristina Dunz vom großen Kapital der "AKK", lange unterschätzt worden zu sein. Das jedenfalls hat sie mit Merkel gemeinsam.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. September 2018 um 17:09 Uhr.

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