Die Corona-Warn-App mit der Seite zur Risiko-Ermittlung ist im Display eines Smartphone vor der Kuppel des Reichstags zu sehen.  | Bildquelle: dpa

Corona-Warn-App Was bei einem positiven Test passiert

Stand: 26.06.2020 06:46 Uhr

13 Millionen Mal wurde die Corona-Warn-App bislang heruntergeladen. Was bei einer Infektion passiert und wer wann benachrichtigt wird, berichtet ein 38-jähriger Software-Entwickler.

Von Kristin Becker, ARD-Hauptstadtstudio

Einer, der seine Corona-Infektion per App gemeldet hat, ist Yakup K. Der Berliner Software-Entwickler dokumentierte auf Twitter, dass die Risikowarnung auf dem Handy seiner Frau, auf dem die App ebenfalls installiert ist, ausgelöst wurde.

Allerdings wären Partner oder Partnerin eines Infizierten auch ohne App wohl die ersten, die informiert wären. Das sieht Yakup K. genauso. Im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio erzählt der 38-Jährige, dass er sich wahrscheinlich bei seinem kleinen Sohn angesteckt hat, der sich vermutlich in der Kita infiziert hat. Als dort eine Erzieherin positiv getestet wurde, meldete sich die Familie beim Gesundheitsamt und wurde ebenfalls zum Test geschickt. Ergebnis: Corona-positiv.

Viele Menschen habe er in den vergangenen zwei Wochen nicht getroffen, erklärt K., da er zuhause gearbeitet habe. Die App habe er runtergeladen, weil er sich für Technik interessiere und wissen wollte, wie die App funktioniere. Das Labor, das ihn getestet hat, ist allerdings bislang nicht digital ans System angeschlossen. K. beantragte deshalb per Telefon eine Tan, um seine Infektion in der App zu melden. Warten musste er an der Hotline nicht, sagt er. Der Rückruf sei nach wenigen Minuten erfolgt, die Plausibilitätsfragen, die Missbrauch verhindern sollen, seien einfach gewesen.

Ein Paket voller Schlüssel

Sein Testergebnis lud Yakup K. am Dienstag in die App, seine Frau bekam am Mittwoch auf ihrem Handy die Risikowarnung angezeigt. Das deckt sich mit den Angaben von SAP. Zirka 24 Stunden dauert es laut Unternehmen, bis eine Infektionsmeldung ins System eingespeist und verteilt ist, also die Risikowarnung auf den Geräten anderer Nutzer erscheint. Und das funktioniert so:

Für jeden Nutzer wird täglich ein sogenannter Tages- beziehungsweise Diagnoseschlüssel erstellt, das ist eine anonyme Identifikationsnummer. Aus dieser werden alle 10-20 Minuten Kurzschlüssel generiert, die man an andere, die sich in der Nähe befinden und die App ebenfalls aktiviert haben, per Bluetooth aussendet.

Wenn sich jemand per App als infiziert meldet, wird die Sammlung seiner Tagesschlüssel an den Server gesendet und dort mit den Tagesschlüsseln anderer Positiv-Getesteter in eine Art Paket gesteckt, das einmal am Tag an alle App-Nutzer verteilt wird.

Die Tagesschlüssel aus diesem Paket gleicht die App dann mit den Kurzschlüsseln ab, die jeder Nutzer individuell gesammelt hat - und zwar lokal auf dem jeweiligen Smartphone. So bleiben alle Beteiligten anonym. Sollte es eine Übereinstimmung geben, wird die Risikowarnung ausgelöst.

"Fake" für Datenschutz

Für Irritation sorgte dabei zuletzt ein Tweet eines der App-Entwickler, der erklärte, dass die meisten Schlüssel in diesem Paket „Fake“ seien.

Gemeint ist damit, dass das Paket auch Schlüssel enthält, die von keinem Nutzer stammen, sondern zusätzlich generiert werden. Das RKI begründet das auf Nachfrage so:

"Aus Datenschutzgründen werden der Gesamtmenge an übertragenen Schlüsseln weitere Schlüssel beigemischt. Durch diesen Mechanismus wird gewährleistet, dass immer eine Mindestanzahl an Schlüsseln übertragen wird und dadurch keine Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich sind."

Keine klaren Schlüsse(l)

Auch wer keine Risikowarnung bekommt, kann in den Handyeinstellungen sehen, wie viele solcher Schlüssel verteilt worden sind - zumindest wenn er ein iPhone benutzt. Die Daten finden sich dort unter (allgemeine) Einstellungen > Datenschutz > Health > COVID-19-Kontaktprotkoll > Kontaktüberprüfungen.

Viel anfangen kann der einzelne damit allerdings nicht. Denn das Schlüsselpaket sagt nichts Genaues darüber aus, wie viele Infizierte sich tatsächlich über die App gemeldet haben. Erstens: weil jeder Infizierte eine unterschiedliche Anzahl von Tagesschlüsseln haben kann - je nachdem, seit wann er die App nutzt und wann er seine Infektion eingetragen hat. Zweitens: weil die zusätzlich generierten Schlüssel die Gesamtzahl im Paket vergrößern können.

Ob jemand seiner Freunde und Bekannten die App nutzt, weiß Yakup K. nicht. Aber die hätte er per Telefon sowieso schneller erreicht, findet er. Es gehe aber schließlich um die anderen: "Ich hoffe, dass sie Leuten hilft, die ich nicht kenne." Erfahren würde K. davon allerdings nichts - wegen des dezentralen Ansatzes der App, der den Abgleich der Daten nur anonymisiert auf dem jeweiligen Handy ermöglicht. Mit seiner Meldung über die App könnte K. also auch diejenigen gewarnt haben, denen er zufällig in Laden, Café oder U-Bahn begegnet ist und die bislang nicht von der analogen Nachverfolgung des Gesundheitamts erfasst worden sind.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Juni 2020 um 20:00 Uhr.

Korrespondentin

Kristin Becker | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo SWR

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