Schild mit "Stop" und Hinweisen zum Corona-Virus | Bildquelle: picture alliance / Flashpic

Arztpraxen und Coronavirus Nicht jeder kann getestet werden

Stand: 12.03.2020 02:53 Uhr

Die Sorge vor dem Coronavirus treibt viele Menschen um. Um einen Ansturm zu vermeiden, stellen Arztpraxen klare Regeln auf. Und: Nicht jeder Patient mit Symptomen wird getestet - das sorgt bei manchem für Unmut.

Von David Zajonz, WDR

Corona-Verdachtsfälle sind in der Kölner Praxis von HNO-Arzt Jürgen Zastrow unerwünscht. Schon an der Eingangstür werden die Besucher mit einem großen Stoppschild empfangen. "Praxis bitte nicht betreten", steht in dicken Buchstaben darüber.

Die Aufforderung richtet sich an alle, die in letzter Zeit in einem Risikogebiet waren, also etwa in Italien oder im Kreis Heinsberg. Auch Menschen, die Kontakt zu einer Person aus einem Risikogebiet hatten, müssen draußen bleiben. Sie werden aufgefordert, auf direktem Weg wieder nach Hause zu gehen. Von Zastrow gibt es eine klare Ansage: "Wer hier unangemeldet reinkommt, wird sofort wieder rausgeschickt." Patienten müssen sich telefonisch melden.

Zastrows strenge Türpolitik führt dazu, dass sein Wartezimmer fast leer ist. Nur wenige Menschen sitzen dort an diesem Vormittag, jeweils in großem Abstand voneinander. Die Praxis versucht, die Zahl der Wartenden auf bis zu vier Personen zu beschränken, um Ansteckungsgefahr zu vermeiden. Eigentlich hätte das Wartezimmer doppelt so viele Plätze. "Je weniger Patienten hier sind, umso besser ist es für alle Beteiligten", sagt Zastrow.

Corona-Hinweis-Schild
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Das Schild in Zastrows Praxis.

85.000 Anrufe an einem Tag

Stattdessen hat die Praxis ihren Telefondienst hochgefahren. Patienten mit Corona-Verdacht sind aufgefordert, sich per Telefon zu melden. Alternativ steht dafür der ärztliche Bereitschaftsdienst zur Verfügung, der unter der Nummer 116117 telefonisch erreichbar ist. Alleine am vergangenen Samstag seien hier 85.000 Anrufe eingegangen, teilt die Kassenärztliche Bundesvereinigung mit. Damit ist das Aufkommen fast doppelt so hoch wie an einem durchschnittlichen Samstag vor der Corona-Welle.

In der telefonischen Beratung wird entschieden, ob ein Patient auf das Coronavirus getestet wird oder nicht. Einige Praxen testen selbst, Zastrow schickt seine Patienten dafür in das in Köln eigens eingerichtete Infektionsschutzzentrum. Dieses wird vom Gesundheitsamt der Stadt gemeinsam mit der Uniklinik und den Kassenärzten betrieben. Derzeit werden dort pro Tag jeweils etwa 100 Menschen auf Corona getestet - mit steigender Tendenz.

Jürgen Zastrow
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Auch Zastrow selbst hat sich auf das Coronavirus testen lassen.

Krankschreibung per Telefon

Aber nicht jeder Patient, der gerne möchte, bekommt einen Test. Symptome wie Husten und Fieber reichen nicht aus. Die entscheidenden Zusatzkriterien des Robert Koch-Instituts sind der Kontakt zu bestätigten Covid-19-Fällen und der Aufenthalt in einem Risikogebiet. Wer längere Zeit mit einer infizierten Person verbracht hat, sollte auch ohne Symptome getestet werden, erklärt Johannes Nießen, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes. Auf dieser Grundlage trifft der Arzt die Entscheidung - manchmal zum Unmut von Patienten, die trotzdem einen Test machen wollen.

Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, verteidigt dieses Vorgehen: "Es wäre ein unglaublicher Ansturm, wenn sich jeder testen lassen könnte, der sich testen lassen will. Die Tests sind kein Konsumgut." Stahl appelliert deshalb an die Patienten, der Einschätzung ihres Arztes zu vertrauen. Trotz dieser Einschränkungen wurden alleine in der vergangenen Woche 35.000 Corona-Tests in deutschen Arztpraxen durchgeführt. Hinzu kommen noch Tests aus Kliniken.

Um die Praxen zu entlasten, haben sich die Kassenärzte und die gesetzlichen Krankenkassen auf einen besonderen Schritt geeinigt: Patienten mit leichten Erkältungssymptomen können sich jetzt auch per Telefon krankschreiben lassen. Das gilt aber ausdrücklich nicht für Corona-Verdachtsfälle.

Stresstest für das Gesundheitssystem

Für die kommenden Wochen wird ein starker Anstieg der Corona-Infizierten in Deutschland erwartet. Das bedeutet einen Stresstest für das Gesundheitssystem. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung sieht die Praxen "gut aufgestellt".

Wie heftig die Corona-Welle in Deutschland ausfallen wird, kann aber niemand vorhersehen. Umso wichtiger ist in diesen Zeiten, dass das medizinische Personal fit bleibt und seine Patienten nicht ansteckt. Zastrow hat sich deshalb auf das Coronavirus testen lassen. Heute kam das Ergebnis. Der Test ist negativ. Zastrow kann weiterarbeiten.

Über dieses Thema berichtete MDR Sachsenradio am 10. März 2020 um 13:00 Uhr.

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