Kommentar

Pandemie in Deutschland Die Corona-Erschöpfung

Stand: 22.01.2021 15:44 Uhr

Selten war die Kanzlerin so präsent wie in der Corona-Pandemie - und dennoch sinkt die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem Krisenmanagement. Helfen würde, gemachte Fehler auch mal einzugestehen.

Ein Kommentar von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

"Bitte machen Sie mit! Lassen Sie jetzt nicht nach!" Auch Gesundheitsminister Jens Spahn hat es wieder mit 'Verbal-Doping' versucht: Er probiert, die zunehmend von Corona-Maßnahmen ermatteten Deutschen noch einmal zu motivieren.

Daran, dass die Politik-Elite nicht genügend mit den Menschen kommuniziert, liegt es jedenfalls nicht. Selten haben wir eine Regierung, eine Kanzlerin mit so viel Redebedarf erlebt. Und das ist auch richtig so. Hätte Angela Merkel ab 2015 ihre Flüchtlingspolitik genauso ausführlich der Bevölkerung dargelegt und erklärt, wie sie das jetzt mit ihrer Corona-Politik tut - vielleicht wäre die AfD nie so stark geworden.

Zufriedenheit mit dem Krisenmanagement sinkt

Nun aber ist die vor fünf Jahren noch viel zu wortkarge Kanzlerin allgegenwärtig. Innerhalb eines Jahres hat sie sich schon vier Mal vor die versammelte Hauptstadtpresse gesetzt. Hat sich in Fernsehansprachen an die Nation gewandt, hat im Bundestag - bisweilen ungewohnt emotional - Rede und Antwort gestanden.

Trotzdem sinkt die Zufriedenheit mit dem Krisenmanagement von Bund und Ländern. Werden die - trotz allem ja unvermeidlichen und notwendigen - Anti-Corona-Maßnahmen als "zunehmende Zumutung" empfunden.

Das liegt zum einen daran, dass sie das natürlich auch sind: Die Künstlerin, die seit fast einem Jahr nicht auftreten kann, der Restaurantbesitzer, der nicht weiß, ob er je wieder wird öffnen können; die Eltern, für die der Küchen- zum Schreibtisch geworden ist und die mit Hausaufgaben und Hausarbeit, mit Kindern und Videokonferenzen jonglieren müssen.

Bund und Länder müssen Fehler eingestehen

Doch zum anderen hat erfolgreiches Krisenmanagement auch viel mit Vertrauen zu tun. Und das ließe sich stärken, wenn Bund und Länder gemachte Fehler endlich auch mal eingestehen würden:

Zum Beispiel, dass man im Oktober und November die Gefahr nicht voll erfasst und den Eindruck erweckt hat, mit ein paar Wochen "Pobacken-Zusammenkneifen", wie es der Präsident des Robert Koch-Instituts einst ausdrückte, sei die Sache dann auch wieder ausgestanden. Zum Beispiel, dass man es innerhalb nun fast eines Jahres nicht geschafft hat, einen vernünftigen Fahrplan zu erarbeiten, mit dem man nicht nur die Fenster in den Schulen, sondern auch deren Tore wieder öffnen könnte.

Und schließlich: Die Erkenntnis, dass es zwar natürlich richtig war, den Impfstoffkauf an die verhandlungsmächtige EU auszulagern und nicht national-egoistisch zu organisieren. Aber die Glaubwürdigkeit Brüssels wie Berlins würde es doch erheblich steigern, wenn man in beiden Hauptstädten mal in klaren Worten eingestehen würde, dass man im Rennen um die richtigen Impfstoffe mit viel zu wenig Geld viel zu spät zum Teil auf die falschen Pferde - sprich: Hersteller - gesetzt hat. Und dass dies auch ein Grund dafür ist, dass über 80-Jährige in diesen Tagen vergeblich und zunehmend verzweifelt einen Impftermin zu bekommen versuchen.

Die Bundesregierung, die Landesregierungen haben so viel richtig gemacht in dieser Pandemie - bis zum Sommer 2020 fast alles - dass sie nun auch mal Fehler eingestehen könnten. Das wäre ein viel besserer Muntermacher, würde den Deutschen über ihre zunehmende Corona-Erschöpfung viel eher hinweghelfen als immer neue Durchhalteparolen.

Kommentar: Die Corona-Erschöpfung und ihre Gründe
Kai Küstner, ARD Berlin
22.01.2021 14:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Januar 2021 um 17:08 Uhr.

Korrespondent

Kai Küstner | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo NDR

Kai Küstner, NDR

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