Interview

Eindämmung von Corona im Modell

Corona-Pandemie "... dann geht alles von vorne los"

Stand: 31.03.2020 11:41 Uhr

Die aktuellen Maßnahmen verschaffen uns Zeit zur Vorbereitung auf die Folgen der Corona-Pandemie. Doch sie lösen das Problem nicht, sagt Epidemiologe Eichner im tagesschau.de-Interview. "Sie verschieben es nur nach hinten."

tagesschau.de: Wie effektiv sind die momentanen Kontaktbeschränkungen?

Martin Eichner: Die aktuelle massive Kontaktbeschränkung führt dazu, dass sich deutlich weniger Leute anstecken. Das ist erstmal gut. Denn zuletzt ist die Zahl der Neuinfektionen exponentiell gewachsen, was innerhalb kürzester Zeit dazu führt, dass unser Gesundheitssystem völlig überfordert wäre.

Das Problem ist allerdings, wenn wir die Ansteckungen aufhalten, wird auch kaum jemand immun. Wir brauchen aber aus epidemiologischer Sicht wohl etwa zwei Drittel Immunität in der Bevölkerung oder etwas mehr, um die Epidemie dauerhaft in den Griff zu bekommen.

alt Martin Eichner | Bildquelle: Martin Eichner

Zur Person

Martin Eichner ist Epidemiologe an der Universität Tübingen und hat zusammen mit dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg das interaktive Simulationsmodell CovidSIM entwickelt. Damit können Szenarien der Epidemie unter verschiedenen Voraussetzung durchgespielt werden.

tagesschau.de: Warum schätzen Sie, dass es zwei Drittel Immune braucht?

Eichner: Das schließen wir aus der Basisreproduktionszahl. Die besagt, wie viele Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt, wenn es noch keine Immune gibt. Forscher gehen davon aus, dass diese Zahl beim neuen Coronavirus zwischen zwei und fünf liegt. Wenn sie drei ist, dann steckt ein Infizierter im Schnitt also drei Personen an.

Wenn nun 50 Prozent der Bevölkerung immun wären, würde ein Infizierter im Schnitt also nur noch eineinhalb Personen anstecken. Das würde zwar die Steigerung der Infektionszahlen verlangsamen, aber sie würden eben immer noch steigen. Erst, wenn ein Infizierter nur noch eine weitere Person ansteckt, hört die Kurve auf zu wachsen. Das wäre bei zwei Dritteln Immunität der Fall.

"Wenn wir zum normalen Leben zurückkehren, geht alles von vorne los"

tagesschau.de: Die aktuellen Kontaktvermeidungen bringen also gar nichts bei der Bekämpfung der Epidemie?

Eichner: Wir gewinnen Zeit, aber die momentane Kontaktvermeidung verschiebt das Problem nur. Wenn wir nach ein paar Wochen zum normalen Leben zurückkehren, ohne dass wir eine nennenswerte Immunität in der Bevölkerung aufgebaut haben, stehen wir genau am gleichen Punkt, an dem wir vorher standen.

Die Folge: Die gleiche Entwicklung würde wieder ihren Lauf nehmen: Ein Infizierter steckt drei weitere an. Diese dann wieder drei, das sind es schon neun. Und in kurzer Zeit wächst die Kurve wieder exponentiell. Wir haben also lediglich Zeit gewonnen. Aber wir haben die Kurve nicht abgeflacht, sondern verschoben.

tagesschau.de: Was würde passieren, wenn man die Kontaktbeschränkungen noch weiter verlängern würde?

Eichner: Dann schieben wir die epidemische Welle noch weiter vor uns her. Und das wird eine Gesellschaft kaum über einen sehr langen Zeitraum aufrechterhalten können. Jedenfalls nicht so lange, bis es einen Impfstoff gibt.

"Bei 50 Prozent Kontaktvermeidung würde alles sehr lange dauern"

tagesschau.de: Was, wenn die Kontaktbeschränkungen lediglich ein wenig gelockert würden, aber nicht ganz aufgehoben? Beispielsweise, indem man Schulen und Kitas wieder öffnet, Restaurants und Bars aber noch geschlossen lässt.

Eichner: Ich gehe davon aus, dass wir momentan einen sehr großen Teil der Kontakte vermeiden. Nehmen wir an, wir würden nur 50 Prozent vermeiden, würde ein Infizierter immer noch mehr als eine weitere Person anstecken. Die Fallzahlen würden also wieder wachsen. Zwar wäre die Kurve dann leichter zu handhaben. Aber sie würde sich auch sehr in die Länge ziehen, bis die Zahlen schließlich runter gehen.

Wenn man das in den Simulator eingibt, würde es von heute an etwa sieben Monate dauern, bis die Epidemie einigermaßen ausgestanden ist. Das wäre furchtbar und die Kollateralschäden in Gesellschaft und Wirtschaft wären so groß, dass man überlegen muss: Will man das überhaupt?

Die schnellste Variante: Infektionsausbreitung in Wellen

tagesschau.de: Was wäre die Alternative?

Eichner: Um schneller eine hohe Immunisierung der Gesellschaft zu erreichen, müsste man die Kontakte wieder zulassen und zwar so lange, bis die Infektionszahlen wieder so stark ansteigen, dass es gesellschaftlich und für das Gesundheitssystem fast untragbar wird. Dann, wenn die Infektionswelle in vollem Gange ist, müsste man noch einmal intervenieren und die Kontakte unterbrechen, vielleicht sogar noch stärker als jetzt.

Diese Welle wird sich dann nicht mehr ganz aufhalten lassen. Sie würde aber deutlich flacher und länger verlaufen, weil bis dahin durch die zusätzliche Zahl an Infektionen schon eine größere Immunität aufgebaut wäre. Die erneute Intervention müsste man wieder so lange aufrechterhalten, bis die Situation gesellschaftlich wieder erträglich ist.

Wenn die Immunität in der Bevölkerung dann aber noch nicht ausreicht, werden die Fallzahlen wieder wachsen und es kommt eine neue Welle. Und immer so weiter bis bei geschätzt zwei Dritteln der Menschen die Immunität aufgebaut ist.

"Für die Bevölkerung extrem belastend"

tagesschau.de: Das heißt, man würde Schulen, Kitas und Restaurants öffnen, dann nach kurzer Zeit wieder schließen, dann wieder öffnen und immer so weiter?

Eichner: Ja. Die große Frage dabei ist, ob die Bevölkerung das aushält und da mitmacht. Oder ob viele nicht die falsche Schlussfolgerung ziehen und sagen würden: "Wir haben's doch gesehen, das bringt nichts mit der Kontaktbeschränkung."

All diese angesprochenen Szenarien wären sicher gesellschaftlich extrem belastend. Viel wichtiger wird es deshalb sein, die Erkrankung von denjenigen fernzuhalten, die ein großes Risiko für Komplikationen haben, also von den Älteren und denjenigen mit Vorerkrankungen.

Aber gerade Alleinstehende können natürlich nicht vollständig isoliert werden. Viele der besonders gefährdeten Personen brauchen auch deshalb Kontakt, weil sie gepflegt werden müssen. Andere leben in ihren Familien, wo die Jüngeren wiederum das Virus nach Hause tragen könnten. Da braucht es jetzt kreative Lösungen.

"Wir brauchen viele verschiedene Ansätze"

tagesschau.de: Welche könnten das sein?

Eichner: Vermutlich brauchen wir nicht einen, sondern viele verschiedene Ansätze. Gesichtsmasken für alle beispielsweise oder spezielle Schutzkleidung für Ältere. Wobei aber diejenigen Masken, die am stärksten vor Ansteckung schützen, auch das Atmen erschweren. Oder: Durch Antikörpertests, die bald zur Verfügung stehen werden, diejenigen zu finden, die bereits immun sind, und die deswegen in Alten- und Pflegeheimen gefahrlos eingesetzt werden können.

Das Problem bei all den Überlegungen ist aber: Es gibt noch viel zu viele Unbekannte: Wir wissen noch immer nicht, wie viele der angesteckten Personen eigentlich erkranken, wie viele zum Arzt oder ins Krankenhaus müssen. Für genauere Modellrechnungen ist die Datenlage noch viel zu diffus.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de.

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