Luftaufnahme des Strandes Hooksiel. | Bildquelle: picture alliance/dpa

Corona-"Coldspots" Die letzten "Gallischen Dörfer"

Stand: 30.10.2020 16:31 Uhr

Die Karte der Neuinfektionen färbt Deutschland fast vollständig dunkelrot. Es gibt nur noch wenige helle Flecken. Auch diese "Coldspot"-Regionen müssen die harten Beschlüsse zur Bekämpfung der Pandemie umsetzen.

Von Iris Marx, tagesschau.de

Es ist vor allem der Süden Deutschlands: Dort ist tatsächlich keine einzige Kommune mehr zu finden, die auf weniger als 50 Neuinfektionen mit dem Coronavirus auf 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen kommt. Etwas lichter wird es erst in Richtung Norden. An einem der äußersten Ränder liegt Friesland. Die Inzidenz der vergangenen Woche liegt bei 18,2. Das Wattenmeer gehört hier zum UNESCO-Weltnaturerbe. Es ist das Gegenteil einer dichtbesiedelten Metropole. Abstände einzuhalten, dürfte auf den ersten Blick hier tatsächlich nicht schwer fallen. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum Corona sich hier nicht oder zumindest noch nicht stark ausbreitet.

"Unheimlich diszipliniert"

"Es sind zwar nur 100.000 Einwohner, aber wir haben 660.000 Übernachtungsgäste pro Jahr, die für über vier Millionen Übernachtungen insgesamt sorgen", erklärt der zuständige Landrat Sven Ambrosy im Gespräch mit tagesschau.de. Es liege also nicht nur an der eher ländlich geprägten Region, dass die Zahlen im Verhältnis niedrig sind. "Die Menschen hier sind unheimlich diszipliniert. Die wissen, was der Lockdown bedeutet", sagt der Landrat. Die Gemeinde habe auch schon mal an der "50er-Marke gekratzt". Doch es sei dem Gesundheitsamt gelungen, rechtzeitig die Infektionsketten zu orten und zu unterbrechen, ist sich Ambrosy sicher.

Bevölkerung teilweise geschockt über die Maßnahmen

Bei diesen Nachverfolgungen habe sich ergeben, dass die Infektionen fast ausschließlich durch Reiserückkehrer aus dem Ausland und im familiären Bereich stattgefunden hätten. Der Tourismus in der Region sei daher nicht für Ausbrüche verantwortlich zu machen. "Einige Betroffene fühlen sich richtig in Mithaftung genommen. Die sind geschockt und fühlen sich ungerecht behandelt", sagt Ambrosy, der die Maßnahmen seiner Landesregierung unmittelbar vor Ort durchsetzen und den Menschen erklären muss. Sie hätten hart an Konzepten gearbeitet. Viele hätten schlicht Angst. Bei den bisherigen Rettungsschirmen der Regierung waren viele wohl auch leer ausgegangen. "Bei den jetzt versprochenen 75 Prozent müssen wir sehen, wie passgenau es dieses Mal ist."

Ungerecht, aber man macht mit

Klagen wolle man aber gegen die Maßnahmen zunächst nicht, heißt es in Friesland. Es sei zwar irgendwie ungerecht, aber es überwiege am Ende die Vorsicht der Menschen, die zum Teil auch nicht mehr ganz so jung seien.

Kaum Infektionen trotz Pendelverkehrs

Die mit Abstand wenigsten Infektionen gibt es allerdings mitten in Deutschland. Der helle Fleck auf der Karte liegt in Holzminden. Ebenfalls Niedersachsen und mit 70.000 Einwohnern auch sehr überschaubar. "Es ist aber auch nicht so, dass hier nur drei Wildschweine und zwei Rehe über die Auen laufen", sagt der Sprecher des Landkreises, Peter Drews, zu tagesschau.de. In der Stadt Holzminden befinden sich zwei große Betriebe: Stiebel Eltron und der Zulieferer Symrise. "Wir haben um die 15.000 Arbeitsplätze im Ort", so Drews. Der Pendelverkehr dorthin sei enorm. Zudem "wenn sie einmal über die Weser spucken, dann ist man schon in Nordrhein-Westfalen. Da ist mit Höxter schon der nächste Hotspot", so der Sprecher.

"Wenn man einmal über die Weser spuckt, ist man schon im nächsten Hotspot", erklärt der Landrat von Holzminden.

Dass man hier das abgeschiedene "Gallische Dorf" sei, träfe nicht zu. Sicherlich sei der sehr niedrige Inzidenzwert von nur 8,5 Neuinfektionen nur eine Momentaufnahme: "Während wir hier telefonieren, kann die Inzidenz schon wieder eine ganz andere sein", sagt Drews. Doch die Menschen hielten sich hier an die Vorgaben. Es gebe sehr wenig bis gar keine Verstöße gegen die Maskenpflicht oder das Abstandsgebot. Dennoch seien vor allem die Menschen aus dem Bereich Kultur und Gastronomie teilweise "geschockt und entsetzt" über die Maßnahmen. "Es stellt sich schon die Frage, ob man das nicht hätte anders regeln können."

Neben diesen beiden Beispielen liegen nur noch wenige Städte beziehungsweise Kreise unter dem Wert von 50 Neuinfektionen im Sieben-Tage-Durchschnitt. Alles eher kleine Orte im ländlichen Raum. In einer dieser Gemeinden in Brandenburg wurden aufgrund einer technischen Panne zu wenige Fälle an das Robert Koch-Institut gemeldet.

So gut wie alle Großstädte über dem zulässigen Inzidenzwert

Neben diesen wenigen Orten findet sich also auf der Karte kaum mehr eine Großstadt, die nicht zu einem Corona-Hotspot in diesem Herbst geworden ist. Das gilt auch für den Norden und Nord-Osten von Deutschland. Daher mag es sicherlich zum einen an der Disziplin der Menschen liegen, dass es hier noch das ein oder andere "Gallische Dorf" gibt. Die Enge einer Großstadt mit Hunderttausenden bis zu mehreren Millionen Einwohnern scheint dennoch kein zu unterschätzenden Faktor bei dieser Pandemie zu sein.

Autorin

Iris Marx  | Bildquelle: Tanja Schnitzler Logo tagesschau.de

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