Einem Probanden an der Universität von Maryland wird ein möglicher Corona-Impfstoff injiziert. (Archivbild) | Bildquelle: AP

Corona-Impfstoffentwicklung Geht schnell und sicher?

Stand: 07.08.2020 06:21 Uhr

Normalerweise dauert die Entwicklung eines Impfstoffs mindestens zehn Jahre. Um das neue Coronavirus zu bekämpfen, soll nun aber alles viel schneller gehen. Doch wie kann das funktionieren?

Von Oda Lambrecht und Christian Baars, NDR

Um die Corona-Pandemie besser bekämpfen zu können, wartet die ganze Welt auf einen wirksamen Schutz gegen das neue Virus. Normalerweise dauert die Entwicklung von Impfstoffen mindestens zehn Jahre. Wegen der schwerwiegenden Folgen der Pandemie wird dieser Prozess derzeit stark beschleunigt. 

Behördenchef hält Bedenken für unbegründet

Bedenken, ein möglicher Corona-Impfstoff könne dadurch nicht sicher sein, hält der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, für unbegründet. Die Bundesbehörde bewertet auch mögliche Corona-Impfstoffe im Auftrag der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) vor der Zulassung und muss klinische Prüfungen in Deutschland genehmigen. 

"Was die Beschleunigung betrifft, so kann ich versichern, dass sie nicht auf Kosten der Sorgfalt geht," sagt Behördenchef Cichutek dem NDR. Erfahrene Expertinnen und Experten am Paul-Ehrlich-Institut, die schon lange Jahre Impfstoffe bewertet hätten, wüssten genau, worauf sie zu achten hätten, so Cichutek. Man könne die Impfstoffentwicklung aber durch verschiedene Schritte verkürzen.

Klaus Cichutek. | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Die Beschleunigung gehe nicht auf Kosten der Sorgfalt, sagt Behördenchef Klaus Cichutek.

Erfahrung mit Forschung zu anderen Coronaviren

"Wir profitieren im Fall der Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen davon, dass wir bereits Erfahrung mit MERS-Impfstoffen haben", erklärt der Biochemiker. MERS ist eine Krankheit, die durch andere Coronaviren ausgelöst wird. Sie wurden 2012 entdeckt. Seitdem versuchen Forscher, einen MERS-Impfstoff zu entwickeln. Nun können Wissenschaftler darauf aufbauen, um ein Mittel gegen das neue Coronavirus zu finden und konnten sich so mehrjährige Forschungsarbeiten sparen.

Grundsätzlich seien in den vergangenen Jahren mehrere sogenannte Plattform-Technologien für Impfstoffe entwickelt worden, sagt Rolf Hömke, Sprecher für Arzneimittelsicherheit beim Verband forschender Arzneimittelhersteller (VfA) in Berlin. Diese würden es erlauben Impfstoff-Prototypen schnell an einen neuen Erreger anzupassen, so Hömke.

Klinische Prüfungen werden kombiniert

Außerdem spare man Zeit, indem klinische Prüfungen, die sonst nacheinander laufen würden, kombiniert würden, erklärt der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Cichutek. Ein Impfstoff wird in der Regel in drei Phasen geprüft. In der ersten Phase bekommen nur sehr wenige gesunde Menschen das Mittel verabreicht, um einen ersten Eindruck zu bekommen, wie verträglich es ist und ob das Immunsystem reagiert.

In der zweiten Phase erhalten mehrere hundert Menschen den Impfstoff. In diesem Schritt versuchen die Forscher unter anderem herauszufinden, wie hoch eine sinnvolle Dosis sein muss. Erst in der dritten letzten Phase wird das Mittel mehreren tausend Personen gegeben, um zu prüfen, ob der Impfstoff wirklich einen wirksamen Schutz bietet und keine gravierenden Nebenwirkungen verursacht.

Rolf Hömke vom Arzneimittelverband VfA betont aber, die kombinierten Prüfungen seien in Teilabschnitte untergliedert. Wenn also etwa zweite und dritte Phase kombiniert würden, sei die Voraussetzung für den Beginn des Phase-3-Abschnitts, dass sich zuvor die Sicherheit des Impfstoffs bestätigt habe, so Hömke.

Behörden frühzeitig eingebunden

Um möglichst schnell einen Impfststoff gegen das neue Coronavirus zur Verfügung stellen zu können, gehe man auch neue Wege bei der wissenschaftlichen Beratung, sagt Cichutek. Die Behörden würden  bestimmte Daten schon vorab anfordern und könnten so Rückfragen früher klären, so dass sie einen Impfstoff am Schluss schneller bewerten könnten.

Grundsätzlich ist dieses enorme Tempo nur möglich, weil auch sehr viel Geld zur Verfügung steht. Staaten und private Investoren stecken derzeit etliche Milliarden in die Entwicklung. So können beispielsweise die abschließenden großen Studien parallel an vielen verschiedenen Kliniken laufen. Normalerweise dauert es mindestens ein bis zwei Jahre, bis genügend freiwillige Probanden gefunden und geimpft werden. Jetzt soll dies in wenigen Monaten gelingen.

Sorge vor zu schnellem Prozess

Doch es gibt auch Kritiker der schnellen Corona-Impfstoffentwicklung. "Aus meiner Sicht ist eine gewisse Sorge schon berechtigt, wenn der Entwicklungsprozess von zehn bis fünfzehn Jahren auf wenige Monate verkürzt wird," sagt der Arzt und Apotheker Wolfgang Becker-Brüser, der die Fachzeitschrift Arznei-Telegramm herausgibt.

Es gehe hier ja nicht nur um einen einzigen neuen Impfstoff, sondern um verschiedene, die nach ganz unterschiedlichen Prinzipien funktionieren sollen, so der Pharmaexperte. Mit einigen habe man zumindest schon bei anderen Erkrankungen Erfahrungen gesammelt, andere seien noch völlig neu - etwa die sogenannten mRNA-Impfstoffe. 

Auch die Nicht-Regierungsorganisation Buko Pharma-Kampagne in Bielefeld mahnt, den Prozess kritisch im Auge zu behalten. Das gelte gerade bei den neuen Verfahren, sagt Claudia Jenkes von Buko Pharma. Denn da seien langfristige Wirkungen noch weitgehend unbekannt.

Und um in der letzten Prüfphase einen echten Wirksamkeitsnachweis zu erbringen, benötige man eigentlich viele Monate, sogar eher ein Jahr oder mehr, so Becker-Brüser von der Fachzeitschrift Arznei-Telegramm. Er sagt: "Es müssen genügend Menschen in Regionen getestet werden, wo sich das Virus gerade stark verbreitet. Das muss dann auch über einen längeren Zeitraum gewährleistet sein, um zu wissen, ob und wie gut der Impfstoff tatsächlich vor einer Covid19-Erkrankung schützt."

Behörden versichern, Standards einzuhalten

Hans-Georg Eichler, leitender Mediziner der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) erklärte gegenüber dem NDR: "Die Forschung hört nicht an dem Tag auf, wo dieser Impfstoff zugelassen ist." Man werde Geimpfte weiter beobachten und dokumentieren, was nach einem oder zwei Jahren passiere, um auch die Langzeitsicherheit zu verfolgen. 

Der Druck sei natürlich enorm hoch wegen der steigenden Infektionszahlen und der wirtschaftlichen Konsequenzen, sagt Eichler, der auch Professor für Klinische Pharmakologie an der Medizinischen Universität Wien ist. Deshalb solle es schnell gehen, aber ohne Standards zu senken. Damit ein Mittel zugelassen werde, müssten sowohl die Sicherheit als auch die Wirksamkeit nachgewiesen sein, so Eichler, der Schutz gegen die Infektion also im Feldversuch belegt sein.

Über dieses Thema hat NDR Info am 6.8.2020 um 12:35 Uhr berichtet.

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