Interview

Spahn (Mitte) und Merkel bei einer Pressekonferenz | Bildquelle: REUTERS

Corona-Krisenkommunikation "Die Politik lernt auf die harte Tour"

Stand: 22.09.2020 09:21 Uhr

In dieser Corona-bedingten Situation maximaler Unsicherheit muss Politik nicht auf alles Antworten haben. Aber sie muss transparent kommunizieren, sagt Gesundheitswissenschaftlerin Cornelia Betsch. Sie wünscht sich eine "Erklär-Taskforce".

tagesschau.de: Sie erheben seit März regelmäßig, wie die Menschen in Deutschland die Corona-Pandemie wahrnehmen. Angesichts der steigenden Infektionszahlen - wie ist denn das momentane Risiko-Empfinden?

Cornelia Betsch: Als im August die Fallzahlen erstmals wieder gestiegen sind, ist auch die Risikowahrnehmung wieder hochgegangen. Die Angst hat also wieder zugenommen. Inzwischen pendelt sich das aber wieder auf einem niedrigen Niveau ein.

alt Prof. Dr. Cornelia Betsch | Bildquelle: Universität Erfuirt

Zur Person

Cornelia Betsch ist Psychologin und Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt. Zudem ist sie die Initiatorin des Projekts Covid-19 Snapshot Monitoring (COSMO), in dem durch regelmäßige Befragungen erhoben wird, die die Gesellschaft die Coronakrise wahrnimmt. Dabei geht es u.a. um Fragen der Risikowahrnehmung, der Akzeptanz von Corona-Beschränkungen und des Vertrauens in die Politik.

Der Angstmuskel erschlafft

tagesschau.de: Es gibt also einen Gewöhnungseffekt?

Betsch: Ja, und das ist auch natürlich. Man kann ja nicht 24 Stunden am Tag Angst haben. Das ist ein bisschen so wie ein Muskel, der irgendwann erschlafft. Und wir lernen ja auch, dass wir die Pandemie mit unserem Verhalten kontrollieren können. Man könnte sagen: Zu Anfang hat das Virus unser Verhalten kontrolliert. Mittlerweile kontrollieren wir mit unserem Verhalten die Pandemie.

tagesschau.de: Der Gewöhnungseffekt birgt aber auch die Gefahr, dass wir das Virus unterschätzen ...

Betsch: Richtig, man sieht es am Beispiel von jüngeren Leuten. Unter 30-Jährige haben seit Beginn - zu Recht - eine geringere Risikowahrnehmung und zeigen daher auch weniger Schutzverhalten. Das betrifft nicht Dinge, die Pflicht sind, wie etwa das Tragen von Masken. Aber als das Feiern ab Mai wieder erlaubt war, sind viele Jüngere eben auch schneller wieder feiern gegangen. Also: Wenn die Risikowahrnehmung gering ist und Dinge wieder erlaubt sind, muss man auch davon ausgehen, dass sie gemacht werden.

Furcht-Appelle sind falsch

tagesschau.de: Jetzt steigen aber die Fallzahlen wieder. Muss die Politik also wieder mehr regulieren oder die Risikowahrnehmung anderweitig erhöhen?

Betsch: Nicht, indem sie Angst verbreitet. Furcht-Appelle sind der falsche Weg. Das stößt auf Ablehnung und die Menschen machen "dicht".

tagesschau.de: Offenbar macht die Bundesregierung aber vieles richtig bei der Risikokommunikation - das Vertrauen in ihre Arbeit ist gleichbleibend hoch laut DeutschlandTrend. Gilt das auch für die Behörden, wie Gesundheitsämter oder Robert Koch-Institut?

Betsch: Wir messen auch stabil hohe Werte, vor allem für das RKI.

Schubladendenken schadet

tagesschau.de: Nun gibt es aber auch Menschen, die der Politik ganz offensichtlich misstrauen und gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren. Ist diese Gruppe noch für Argumente erreichbar?

Betsch: Ich warne vor Schubladen. Wenn wir dies gesellschaftlich akzeptieren und von "den Aluhüten" oder "Querdenkern" sprechen, geben wir der Gruppe einen Namen und stiften Identität. Sie wird als größer wahrgenommen, als sie eigentlich ist. Und es ist sehr schwer, da wieder rauszukommen. Vorsicht also vor Gruppenbildung.

Steile Lernkurve

tagesschau.de: Was raten Sie?

Betsch: Es gibt einfach viele Fragen in dieser Pandemie und viele Menschen suchen Antworten. Wir sind in einer Situation maximaler Unsicherheit. Da würde ich mir eine Taskforce wünschen, die sich genau darum kümmert. Und wenn die Antwort im Moment lautet: Wir wissen es nicht, dann ist das auch eine Antwort. Die Politik hat seit Beginn der Pandemie schon eine steile Lernkurve vollzogen. Sie musste quasi auf die harte Tour lernen, dass sie nicht mehr definitiv alles weiß. Aber natürlich gibt es auch noch Bereiche, in denen sie transparenter kommunizieren muss.

tagesschau.de: Zum Beispiel?

Betsch: Bei der Corona-Warn-App ist aus Sicht der Gesundheitskommunikation einiges schiefgegangen. Oder wenn man per Brief vom Gesundheitsamt aufgefordert wird, in Quarantäne zu gehen: Wie freundlich ist der formuliert - oder wird sofort gedroht? Wird mir gesagt, wo ich mich mit Sorgen hinwenden kann, wie ich einkaufen gehen soll? Es geht also darum, Ängste und Bedürfnisse wahrzunehmen und im Großen wie im Kleinen zuzuhören. Letztlich ist aber auch klar: Die Politik ist im Krisenmodus, es ist unglaublich viel zu tun und damit eine echte Herausforderung, genau jetzt, das Zuhören zu lernen.

Es kann zu sozialen Verwerfungen kommen, wenn die Politik das jetzt nicht angeht und offene Fragen nicht oder unzureichend beantwortet. Oder wenn sie bei Problemen keine Lösungsansätze erarbeitet, die oft hinter einer starken Ablehnung von politischen Maßnahmen liegen, wie Existenzangst oder die Angst vor Jobverlust.

Erklärer vom Dienst

tagesschau.de: Gibt es auch Beispiele für gelungene transparente Kommunikation?

Betsch: Die Impfstoffverteilung ist früh in die gesellschaftliche Diskussion eingebracht worden. Da kann langfristig ein Meinungsbildungsprozess entstehen. Aber insgesamt passiert mir hier noch zu wenig, Stichwort: Mythenaufklärung. Man kennt die Bewegung der Impfgegner, ihre Argumente, ihre Techniken - das ist alles erwartbar. Da muss die Politik jetzt einfach was tun, gegensteuern und Ressourcen mobilisieren. Es gibt diesen Job noch nicht, aber der ist nötig.

tagesschau.de: Also eine Art "Erklärer vom Dienst" oder eine Erklär-Taskforce der Bundesregierung?

Betsch: Es gibt ja auch schon kleine Erklärfilme über Social Media Kanäle. Das ist ein Anfang, der aber ausbaufähig ist.

tagesschau.de: Die öffentlichen Briefings, wie sie das RKI zu Anfang der Pandemie gemacht hat, könnte man ja auch wieder aufleben lassen ...

Betsch: Ja, das wäre bestimmt gut, wenn es Anlässe gibt. Wir sehen ja, dass das RKI höchste Vertrauenswerte hat. Daran haben die regelmäßigen Frage-Antwort-Runden sicherlich ihren Anteil gehabt.

Impfung als Kosten-Nutzen-Abwägung

tagesschau.de: Sie haben das Thema Impfung eben schon erwähnt. Es gibt noch keinen Impfstoff gegen Covid-19, aber Menschen lehnen eine Impfung schon jetzt ab. Warum?

Betsch: Einige sind unsicher, was die Sicherheit der Impfung angeht. Auch werden Kosten und Nutzen abgewogen. Viele schauen, wie schlimm die Pandemie und wie sicher die Impfung ist. Bei etablierten Impfstoffen wird weniger abgewogen. Aber hier ist es was Neues und das schaut man sich eben auch kritischer an.

tagesschau.de: Und die Angst vor möglichen Nebenwirkungen des Impfstoffes ist größer als die Angst vor dem Virus?

Betsch: Das lässt sich schwer sagen. Aber die Impfung gegen Corona muss nicht zwingend ein Selbstläufer werden. Das liegt auch daran, dass wir uns mit unserem Verhalten, also Maske und Abstand, aktiv schützen können. Hinzu kommt die eigene Erfahrung: Man geht auf eine Feier und es passiert nichts. Man steckt sich nicht an. Dadurch kann das Gefühl entstehen, dass alles gar nicht so schlimm ist. Wenn aber jetzt im Herbst die Zahlen weiter steigen und auch wieder mehr Menschen sterben, kann sich das wieder ganz schnell drehen.

Das Interview führte Wenke Börnsen, tagesschau.de

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