Eine Frau geht morgens durch die nahzu menschenleere Innenstadt von Frankfurt/Main. | Bildquelle: dpa

Debatte über Corona-Maßnahmen "Lebensfremder Unsinn"

Stand: 17.01.2021 14:46 Uhr

Bund und Länder werden am Dienstag wohl Verschärfungen der Corona-Maßnahmen beschließen. Im Vorfeld mehren sich aber auch mahnende Stimmen. Schon jetzt seien die Einschränkungen mitunter "lebensfremd", sagt etwa die Theologin Käßmann.

Angesichts weiterhin hoher Infektionszahlen und Todesfälle beraten die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in der kommenden Woche über eine mögliche Verschärfung der Corona-Beschränkungen. Im Vorfeld warnt der Deutsche Städte- und Gemeindebund vor überzogenen Corona-Maßnahmen.

Zwar sei eine Verlängerung des Lockdowns angesichts der Infektionslage notwendig, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Der vielfach geforderte "Mega-Lockdown" sei allerdings "keine Lösung und könnte die unverzichtbare Akzeptanz der Menschen für die zahlreichen Maßnahmen gefährden", sagte er. 

Gestern hatten unter anderem Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus und der der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans gefordert, den Lockdown deutlich zu verschärfen. "Jetzt lieber einmal richtig - anstatt eine Endlosschleife bis in den Sommer hinein", sagte Brinkhaus.

"Zumindest eine Notbetreuung"

Landsberg lehnte unter anderem eine generelle Schließung von Schulen und Kitas ab. Da der Lockdown nun schon Wochen anhalte, solle "zumindest eine Notbetreuung" sichergestellt werden, sagte er. Zudem mahnte er bessere Schutzkonzepte für Alten- und Pflegeheime an. Nur Besucher mit einem negativen Schnelltest sollten ein Zutrittsrecht bekommen, forderte Landsberg.

"Dafür brauchen wir in diesen Einrichtungen zusätzliche Freiwillige, die vor Ort die Testverfahren für Besucher, aber auch für die Bewohnerinnen und Bewohner und das Pflegepersonal durchführen." Außerdem sollten Heimbesucher grundsätzlich verpflichtet werden, eine FFP2-Maske zu tragen, sagte Landsberg. Menschen mit niedrigem Einkommen sollten diese Masken unentgeltlich zur Verfügung gestellt bekommen.

Käßmann: Familien inzwischen am Limit

Die Theologin Margot Käßmann kritisierte die bereits bestehenden Corona-Regeln zur Einschränkung von Kontakten und warnte in einem Beitrag für die "Bild am Sonntag" vor weiteren Verschärfungen. Dass sich nur Menschen aus zwei Haushalten treffen sollten, sei noch nachvollziehbar, schrieb die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). "Aber die neue Ein-Personen-Regel ist lebensfremder Unsinn. Nach einer Woche ist klar: Das funktioniert nicht."

Merkel und die Ministerpräsidenten hätten offenbar keinerlei Vorstellung vom Alltag, schrieb Käßmann. "Kitas und Schulen dicht, niemanden mehr treffen, aber weiterarbeiten - das funktioniert im wirklichen Leben nicht." Die Familien seien inzwischen am Limit. Bei Entscheidungen über Corona-Maßnahmen müssten ab sofort genauso viele Familienexperten mit am Tisch sitzen wie Virologen, forderte die Theologin. "Sonst werden Maßnahmen verabschiedet, die Familien endgültig fix und fertig machen."

Margot Käßmann | Bildquelle: dpa
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Die Theologin und frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, hier auf einem Bild im Juni 2018, kritisiert die Corona-Beschränkungen. Vor allem Familien seien inzwischen am Limit, sagt sie. Aber gerade diese stünden laut dem Grundgesetz unter besonderem Schutz des Staates.

Kein Verständnis für flächendeckende Schulschließungen

Der Verantwortliche für die internationalen Pisa-Studien, der OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher, spricht sich für die Öffnung von Grundschulen und Kindergärten aus. "Selbst in der gegenwärtigen Infektionslage habe ich wenig Verständnis dafür, dass Grundschulen und Kindergärten flächendeckend geschlossen werden", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Schulschließungen hätten "langfristig schwerwiegende Folgen, vor allem in den ersten Schuljahren und vor allem für Kinder aus sozial benachteiligtem Umfeld", erklärte er.

Auch Frankreich schränke das Leben ein und habe die zweite Corona-Welle gebrochen, ohne die Schulen zu schließen, sagte Schleicher. Er wandte sich gegen Vorschläge, an das Ende der Schulzeit ein Jahr anzuhängen. "Das hieße ja, wir setzen jetzt nicht alles daran, Lernverluste aufzuholen, sondern schreiben das Schuljahr einfach ab."

Folgen des Lockdowns gerade für Kinder fatal

Dass vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien unter den Corona-Beschränkungen leiden, kritisiert auch das Kinderhilfsprojekt Arche. "Die Folgen des Lockdowns sind fatal", sagte der Hamburger Projektleiter Tobias Lucht. Schon beim ersten Lockdown im Frühjahr seien durch die Schulschließungen die Defizite bei vielen Kindern so groß gewesen, dass sie kaum mehr aufgeholt werden konnten.

Bahn prüft offenbar FFP2-Maskenpflicht

Die Deutsche Bahn prüft offenbar die Einführung einer FFP2-Maskenpflicht in Regional- und Fernzügen. Wie die "Bild am Sonntag" berichtet, hat die Bahn deswegen bereits vorsorglich zehn Millionen Masken bestellt.

Bislang gilt in den Zügen der Deutschen Bahn nur die Verpflichtung zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung. FFP2-Masken haben jedoch einen höheren Sicherheitsstandard und schützen anders als die sogenannten Alltagsmasken oder auch einfache OP-Masken nicht nur die Umgebung, sondern auch die Trägerin oder den Träger selbst.

Ver.di fordert kostenlose FFP2-Masken

Die Gewerkschaft ver.di sieht bei möglichen weiteren Vorgaben zum Tragen von FFP2-Masken auch die Arbeitgeber in der Pflicht. "In jedem Fall müssen die Unternehmen ihren Beschäftigten FFP2-Masken kostenfrei und in ausreichender Stückzahl zur Verfügung stellen", sagte ver.di-Chef Frank Werneke.

Arbeitnehmern müsse es zudem möglich sein, zusätzliche bezahlte Kurzpausen einzulegen, um die Maske absetzen und durchatmen zu können. Von kommender Woche sind in Bayern im öffentlichen Nahverkehr und beim Einkaufen FFP2-Masken Pflicht.

"Lockdown ist kein Dauerinstrument"

Die Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, Christiane Woopen, kritisierte das Konzept der Bundesregierung im Kampf gegen das Coronavirus als "eindimensional". Nur auf das Reduzieren der Kontakte zu setzen, sei "ein kurzfristiges, reaktives Denken in Beschränkungen", sagte die Medizinethikerin dem Nachrichtenmagazin "Spiegel".

"Gute Strategien, um Dinge wieder zu ermöglichen und gleichzeitig die Zahlen niedrig zu halten, werden nicht realisiert." Woopen sprach sich für Massentests aus, um die Infizierten ohne Krankheitssymptome zu finden, die unwissentlich das Virus verbreiten. "Im Moment werden 100 Prozent der Bevölkerung enorme Freiheitseinbußen zugemutet, damit weniger als ein Prozent andere nicht ansteckt", sagte Woopen. Die Inzidenzwerte ließen sich schnell senken, wenn fast alle Bundesbürger binnen zwei, drei Wochen einmal durchgetestet würden; diese sollten sich danach immer wieder selbst testen oder in Schulen und Büros getestet werden.

RKI meldet fast 14.000 Neuinfektionen

Zugleich äußerte Woopen Bedenken in Bezug auf das weitere Vorgehen bei den Einschränkungen. Ein Lockdown sei "kein Dauerinstrument". Eine freiheitlich-demokratische Grundordnung verlange Transparenz und Partizipation. "Wenn man einen Lockdown verhängt, muss man in derselben Sekunde Konzepte entwickeln und kommunizieren, unter welchen Umständen man ihn mit welchen Schritten und begleitenden Schutzmaßnahmen wieder aufhebt", mahnte die Ethikerin.

Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland ist weiterhin hoch. Die deutschen Gesundheitsämter meldeten dem Robert Koch-Institut (RKI) 13.882 Corona-Neuinfektionen binnen eines Tages. Am Sonntag sind die vom RKI bekannt gegebenen Zahlen meist niedriger, unter anderem weil am Wochenende weniger getestet wird. Am Vortag hatte das RKI von 18.678 Neuinfektionen berichtet, am Sonntag vergangener Woche von 16.946.

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