Grenze zwischen Luxemburg und dem Saarland | Bildquelle: sr

Luxemburg-Frust im Saarland Corona hat seine Grenze

Stand: 17.01.2021 11:52 Uhr

Zwischen Lockdown und Lockerungen liegt hier nur die Mosel: Im saarländischen Perl blicken viele mit Unmut hinüber zum luxemburgischen Ufer. Denn während sich die Deutschen einschränken, gehen die Nachbarn shoppen.

Von Emil Mura, SR

"Hier wächst Europa zusammen" - mit diesem Wahlspruch wirbt die 8500-Einwohner-Gemeinde Perl im Nordwesten des Saarlandes für ihre zentrale Lage. Und zu kaum einer anderen Kommune in Deutschland passt dieser Satz so gut wie zu Perl. Umgeben von Weinbergen liegt das Örtchen im Dreiländereck von Deutschland, Luxemburg und Frankreich. Einzig sichtbare Grenze ist die Mosel, die alle paar Kilometer von einer Brücke überspannt wird.

Zu Stoßzeiten tobt auf diesen Brücken der Verkehr. Deutsche fahren nach Luxemburg, um zu arbeiten. Außerdem kaufen sie dort Kaffee und Zigaretten. Die sind dort günstig, ebenso wie der Sprit. Umgekehrt kaufen auch viele Luxemburger in Deutschland, Lebensmittel zum Beispiel. Was das Kaufen im Einzelhandel angeht, sind die Verhältnisse ausgeglichen - normalerweise. Corona allerdings wirft alles durcheinander.

Einzelhändler sorgen sich um Umsatz

In Deutschland ist der Einzelhandel geschlossen, in Luxemburg hingegen dürfen Händler ihre Läden seit Montag wieder öffnen. Geschäftsleuten in Perl bereitet das Sorgen. Zu ihnen zählt Schuhmachermeister Volker Felten, der seit fast 30 Jahren im Ortskern einen kleinen Laden führt. Im Schaufenster warten Schuhe aus braunem Wildleder und Winterstiefel auf ihre Käufer. Von Letzteren gäbe es zwar genug zu dieser Jahreszeit, doch die Eingangstür ist verschlossen.

Felten hält sich an die Corona-Regeln, aber mit Zähneknirschen. Dass Schuhgeschäfte auf der gegenüberliegenden Seite der Mosel jetzt öffnen dürfen, ärgert ihn. "Wenn man einen Lockdown macht, sollte man das europaweit gleich behandeln. Es kocht ja jedes Land so sein eigenes Süppchen und die Grenzschließungen im Frühjahr haben schon gezeigt, dass das nicht gut ist", sagt er. "Also wenn man schon etwas beschließt, sollte man das für alle Länder gleich durchziehen. Gerade für Menschen hier an der Grenze hat alles andere keinen Sinn."

Schuhmachermeister Volker Felten | Bildquelle: sr
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Schuhmachermeister Volker Felten: "Man sollte das europaweit gleich behandeln"

"Schön für die luxemburgischen Läden"

Dabei hat Felten noch Glück, dass er auch orthopädische Schuhe anfertigt. Weil diese als medizinisches Produkt weiterverkauft werden dürfen, kann er sich über Wasser halten. Geschäfte wie das von Vanessa Klein haben diesen Vorteil nicht. Keine 100 Meter neben dem Schuhgeschäft betreibt sie ihre Mode-Boutique. Notgedrungen bietet sie einen Abholservice an, trotzdem macht sie sich große Sorgen wegen der Geschäftsöffnungen in Luxemburg.

"Das ist schön für die luxemburgischen Läden, aber für uns ist es schwierig, und wir haben Angst, dass wir auf unseren Waren sitzen bleiben", sagt Klein. "Mit den offenen Grenzen haben wir ein ganz tolles Abkommen getroffen und das sollte man mit den Geschäftsschließungen genauso tun."

Modeboutiquebetreiberin Vanessa Klein | Bildquelle: sr
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Boutique-Betreiberin Vanessa Klein: "Ein ganz tolles Abkommen getroffen"

Menschen wünschen sich mehr Abstimmung

Egal wen man fragt, der Tenor ist der gleiche: Die Einzelhändler in Perl hätten sich mehr grenzüberschreitende Abstimmung gewünscht. Das ist ein Punkt, den auch Bürgermeister Ralf Uhlenbruch den Regierungen ankreidet: "Auf kommunaler Ebene sind wir mit Luxemburg in ständigem Austausch und stimmen jegliche Entscheidungen, die auch die Nachbargemeinde betreffen, miteinander ab, und meiner Meinung nach sollte auch auf nationalstaatlicher Ebene ein Maximum an Abstimmung erreicht werden."

Erfreut ist in Perl also niemand über die einseitigen Lockerungen in Luxemburg. Aber für die Einzelhändler gibt es einen Grund zur Hoffnung: Die Bundespolizei kann bisher keine verstärkten Kundenströme nach Luxemburg feststellen. Warum, ist nicht ganz klar. Möglicherweise befürchten viele Menschen, dass sich das Virus durch die Lockerungen in Luxemburg schneller wieder ausbreitet.

Die Rentnerin Monika Lehnet jedenfalls verzichtet deswegen auf große Shopping-Touren über die Grenze, auch wenn sie theoretisch wieder möglich wären. "Ich denke, es liegt an der Bevölkerung, was sie daraus macht", sagt Lehnet. "Ich meide ja auch alle Geschäfte, in die ich nicht unbedingt rein muss." Sie ist offenbar nicht die einzige, die vorsichtig ist: Ihre Argumente decken sich mit Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr. Nach Angaben des luxemburgischen Außenministeriums führten auch frühere Unterschiede bei den Corona-Maßnahmen zu keinen größeren Ausweichbewegungen.

Freundschaft bleibt unbeschadet

Aber was ist mit dem deutsch-luxemburgischen Verhältnis? Hat die Freundschaft Schaden genommen? Nach den Grenzschließungen im Frühjahr glaubte das ein gutes Drittel der Saarländer, wie eine repräsentative Umfrage von infratest dimap im Auftrag des SR ergab. Zwei Drittel sahen die Beziehungen allerdings nicht belastet. Und dieser Meinung sind auch die meisten Menschen in Perl. Einzelhändler wie Felten und Klein sehen die deutsch-luxemburgische Freundschaft durch die unterschiedlichen Regeln nicht in Gefahr.

Was den Zusammenhalt der Menschen angeht, ist Europa in Perl tatsächlich schon eng miteinander verwachsen.

Über dieses Thema berichtete SR Fernsehen am 06. Januar 2021 um 19:20 Uhr in der Sendung "aktueller bericht".

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