Stühle stehen im Halbkreis im Gruppenraum einer Kindertagesstätte. | Bildquelle: picture alliance/dpa

Kritik an Corona-Beschlüssen Beim Fußball konkret, bei Kitas vage

Stand: 07.05.2020 09:19 Uhr

Die Bundesliga darf Mitte Mai wieder loslegen - aber was ist mit Kitas? Hier bleiben die Bund-Länder-Beschlüsse schwammig. Von einem "fatalen Signal an die Familien" spricht die SPD-Chefin. Auch die Grünen sind unzufrieden.

Es gibt Pläne und damit Perspektiven für die Gastronomie, für den Tourismus, für Geschäfte jeder Größe, es gibt sogar ein konkretes Anpfiffdatum für die Bundesliga - aber für Schulen und Kitas bleibt der Weg aus dem Corona-Lockdown schwammig. Von einem Regelbetrieb sind sie weit entfernt. Eltern und Kindern sei keine Perspektive gegeben worden, kritisieren SPD und Grüne die jüngsten Bund-Länder-Beschlüsse.

Von einem "fatalen Signal an die Familien" sprach SPD-Chefin Saskia Esken. Und Grünen-Fraktionsvize Katja Dörner kritisierte: "Die Pläne zur Öffnung der Kitas bleiben vage, Familien wissen weiterhin nicht, worauf sie sich einstellen müssen."

"Eltern muss das zynisch erscheinen"

Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder hatten sich gestern grundsätzlich darauf verständigt, dass jeder Schüler und jedes Vorschulkind vor den Sommerferien möglichst noch mindestens einmal die Schule oder die Kita besuchen soll. Details regeln die Länder. Die Notbetreuung in den Kitas soll spätestens ab dem 11. Mai überall ausgeweitet werden. Einige Länder haben dies bereits getan und auch weitergehende Kita-Öffnungspläne bekanntgegeben.

SPD-Chefin Esken ist dies zu unkonkret. Für die Fußball-Bundesliga gebe es ein konkretes Konzept, für die Bildung und Betreuung von Kindern dagegen nicht, monierte sie. "In diesem Zusammenhang ist die Fortsetzung der Bundesliga für viele Fans eine gute Nachricht - vielen Eltern muss sie zynisch erscheine", sagte sie der Nachrichtenagentur dpa.

Anspruch auf Arbeitszeitreduzierung?

Ähnlich klingt die Kritik bei Grünen-Familienpolitikerin Dörner: "Weiterhin werden die Bedürfnisse von Kindern nicht angemessen aufgegriffen." Es gehe um Kinderbetreuung und Erwerbstätigkeit, aber auch um die Situation der Kinder selbst.

Für Kinder, die weiterhin nicht in die Kita können, sollten Eltern eine familiäre Kinderbetreuung im sehr kleinen Rahmen mit festen Personen organisieren können, forderte sie. "Wichtig wäre ein Rechtsanspruch auf Arbeitszeitreduzierung in Kombination mit einem Corona-Elterngeld, denn Homeoffice und Kinderbetreuung geht auf Dauer nicht zusammen."

Vorzugsbehandlung für den Profisport?

Ist der Start der Bundesliga also wichtiger als die Öffnung von Kitas und Schulen? Gibt es gar eine Vorzugsbehandlung für den Profisport? Entsprechende Kritik war in den vergangenen Tagen immer wieder laut geworden - zumal die Zweifel an der Einhaltung des Hygienekonzepts der DFL auch durch ein Video eines Hertha-Profis genährt wurden.

So warnte denn auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, vor falschen Prioritäten. "Es kann nicht sein, dass die Wiederöffnung der Bundesliga mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhält als Eltern und Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf", sagte die CDU-Politikerin kürzlich der "Rheinischen Post". Dauerhaftes Homeschooling sei vor allem für Kinder aus bildungsfernen Familien und Elternhäusern mit geringen Deutschkenntnissen ein Problem.

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, rechnet damit, dass die Folgeschäden der Corona-Krise die Gesellschaft noch über Jahre beschäftigen werden. "Denken Sie mal an die Kinder von suchtkranken Eltern. Die sitzen plötzlich ganz alleine mit dem betrunkenen Vater oder Mutter da - ohne Hilfe von außen im schlimmsten Fall", sagte die CSU-Politikerin der "Welt".

Eine rasche Öffnung von Kitas und Grundschulen forderte auch der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Thomas Fischbach. Dies werde Lehrern und Erziehern "einiges abverlangen", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". "Aber es ist allemal besser, als die Kinder in ihren vier Wänden verkümmern zu lassen."

Flickenteppich kostet Zeit

Dass die Länder, aber auch zahlreiche Kommunen und Städte eigene Regeln erstellten, bezeichnete Fischbach als "behördliche Willkür", die abgestellt werden müsse. Durch einen Flickenteppich gehe "wertvolle Zeit" verloren - "zum Schaden der Kinder und Jugendlichen und ohne jeden epidemiologischen Sinn". Auch das Deutsche Kinderhilfswerk forderte, die Perspektive von Kindern und Jugendlichen zu stärken.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hatte Eltern gestern Hoffnung gemacht und von einer schrittweisen Öffnung von Kitas im Mai gesprochen. Eine bundesweit einheitliche Lösung könne es jedoch nicht geben, weil sich die Infektionszahlen in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich entwickelten, sagte die SPD-Politikerin im NDR.

Berlin fährt hoch

Für gestresste Eltern in Berlin kam inzwischen ein positives Signal der Landesregierung. Sie kündigte an, die Kitas wieder Zug um Zug in Betrieb zu nehmen. "Wir sind schon bei einer Versorgung von rund 40 Prozent des Normalbetriebs und gehen jetzt schrittweise auf 70 Prozent", sagte der Regierende Bürgermeister, Michael Müller, im RBB-Inforadio. Das sei bereits deutlich mehr als in anderen Bundesländern, die teilweise erst jetzt eine Notbetreuung einrichteten. Der Kita-Betrieb könnte Müller zufolge über kleinere Gruppen und zeitversetztes Betreuen in Gang kommen.

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