Außenansicht eines Wolfsburger Pflegeheims. | Bildquelle: dpa

Wolfsburger Pflegeheim Verfahren nach Corona-Ausbruch vor Einstellung

Stand: 23.12.2020 18:08 Uhr

In einem Wolfsburger Pflegeheim waren bei einem Corona-Ausbruch im Frühjahr 47 Bewohner gestorben. Die Staatsanwaltschaft will nun das Verfahren gegen die Verantwortlichen nach Informationen von WDR, NDR und SZ einstellen.

Von Sonja Kättner-Neumann, NDR, Arnd Henze und Lena Kampf, WDR

Bei einem Corona-Ausbruch im Frühjahr waren 47 Bewohner des Wolfsburger Hanns-Lilje-Heims gestorben. Nach fast neunmonatigen Ermittlungen will die Braunschweiger Staatsanwaltschaft das Verfahren nun einstellen. Ein strafbares Fehlverhalten habe nicht festgestellt werden können. Das erfuhren WDR, NDR und "Süddeutsche Zeitung" (SZ) aus Justizkreisen und von Angehörigen, die sich an die Behörde gewandt hatten.

Die Katastrophe in der diakonischen Einrichtung für demenziell erkrankte Menschen hatte im März und April international für Schlagzeilen gesorgt. Von den etwa 160 Bewohnern waren damals 112 an Corona erkrankt, 47 von ihnen verstarben. Auch mehr als 40 Pflegekräfte hatten sich infiziert.

Auswertung sämtlicher Krankenakten

Ein Wolfsburger Rechtsanwalt hatte daraufhin Strafanzeige gestellt und diese mit vermeintlichen Hinweisen auf katastrophale Hygiene- und Arbeitsbedingungen im Heim begründet. Die Vorwürfe wurden in vielen Medien breit aufgegriffen und trugen zum Image der Einrichtung als "Horrorheim" bei.

Das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung richtete sich gegen den Vorstandsvorsitzenden der Diakonie Wolfsburg, die Trägerin des Heims ist. Im Raum stand, ob bei der Behandlung der Corona-Fälle im Heim rechtswidrig - auch durch Unterlassen - gehandelt wurde. Die Staatsanwaltschaft hatte nicht nur Angehörige und Pflegekräfte befragt, sondern auch sämtliche Krankenakten ausgewertet.

Erleichterung bei den Pflegekräften

In vergleichbaren Fällen waren Ermittlungen bereits nach einigen Wochen eingestellt worden, wenn kein offensichtliches Fehlverhalten erkennbar war. Der Braunschweiger Justizsprecher hatte immer wieder argumentiert, dass man es bei einer solchen Tragödie allen Beteiligten schuldig sei, sämtlichen Vorwürfen auf den Grund zu gehen und damit mitzuhelfen, am Ende zwischen berechtigter Kritik und unhaltbaren Unterstellungen unterscheiden zu können.

In einer ARD-Dokumentation schilderten Pflegekräfte, wie stigmatisierend diese Vorwürfe für das Heim gewirkt haben. Entsprechend erleichtert zeigten sich Mitarbeitende aus dem Hanns-Lilje-Heim angesichts einer geplanten Einstellung des Strafverfahrens: "Jetzt zeigt sich, dass wir zu Unrecht an den Pranger gestellt wurden", sagt eine Pflegerin. Ein Kollege ergänzte: "Es ist gut, wenn wir diesen Druck nicht ins neue Jahr mitnehmen müssen."

Der Rechtsanwalt und die Angehörigen, die die Strafanzeige gegen die Diakonie gestellt hatten, haben nun zwei Wochen Zeit, Widerspruch gegen die Einstellung einzulegen. Erst dann kann der Abschluss des Verfahrens rechtskräftig werden.

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung "Ich weiß nicht mal, wie er starb" am 12. Oktober 2020 um 23:35 Uhr.

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