Ein Mann erntet Spargel | Bildquelle: dpa

Fehlende Erntehelfer Gemüseauswahl könnte knapper werden

Stand: 01.04.2020 10:05 Uhr

Weniger Auswahl, teils steigende Preise: Das Einreiseverbot für Erntehelfer könnte sich laut Bauernpräsident bald auf die Supermarkt-Regale auswirken. Die Landwirtschaftsministerin befürchtet Engpässe. Unionspolitiker schlagen bei der Kanzlerin Alarm.

Wegen des Einreisestopps für Saisonarbeiter könnten laut Deutschem Bauernverband einige Obst- und Gemüsesorten in den kommenden Wochen und Monaten knapp werden. "Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist nicht gefährdet, dennoch kann es durchaus bei verschiedenen Kulturen im Obst- und Gemüsebereich zu Versorgungslücken kommen", sagte Verbandspräsident Joachim Rukwied der Nachrichtenagentur dpa. Die Verbraucher müssten zudem mit höheren Preisen etwa für Spargel und Beeren rechnen: "Diese Verknappung wird auch Auswirkungen auf den Preis haben."

Pro Jahr arbeiten dem Bauernverband zufolge normalerweise rund 300.000 Saisonarbeiter in den deutschen Agrarbetrieben. Das Bundesinnenministerium hat allerdings vergangene Woche einen Einreisestopp erlassen, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus einzudämmen. Das treffe vor allem Obst-, Gemüse- und Weinbauern, aber auch größere Betriebe in der Tierhaltung "sehr hart", sagte Rukwied. Der Einreisestopp müsse daher "so kurz wie möglich" gehalten werden.

"Landwirte sind in großer Not"

"Wir werden auf Saisonarbeitskräfte nicht verzichten können", sagte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) im ARD-Morgenmagazin. Sie sei mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) im Gespräch, um den "Zielkonflikt zwischen dem Infektionsschutz der Bevölkerung auf der einen Seite und der Erntesicherung auf der anderen" zu lösen. Unter anderem solle es höhere Auflagen und Standards bei der Hygiene für die Erntehelfer geben.

Klöckner kündigte an, es werde viele Erleichterungen für Saisonkräfte aus osteuropäischen Staaten geben. Arbeitskräfte, die bereits in Deutschland seien, dürften statt 70 nunmehr 115 Tage bleiben. Die Zuverdienst-Grenzen seien zudem angehoben worden. "Wir können die Bauern jetzt nicht hängen lassen", sagte Klöckner. Sie seien systemrelevant.

Die Ministerin betonte, dass die Landwirte in "großer Not" seien. Eine Ernte, die heute nicht stattfinde, könne nicht nachgeholt werden. Sie befürchte daher Engpässe bei Sonderkulturen wie Spargel, Erdbeeren oder Salate. Denn dort sei der Personalaufwand besonders hoch. "Die Versorgung von Grundnahrungsmitteln wie Getreide oder Kartoffeln ist allerdings gesichert", stellte sie klar.

Nächsten Tage entscheidend für Anbau und Ernte

Eine Gruppe Unionspolitiker fordert in einem Brandbrief Kanzlerin Angela Merkel zum sofortigen Handeln auf. Das Einreiseverbot für Saisonarbeitskräfte müsse unverzüglich aufgehoben werden, heißt es in dem Schreiben der Arbeitsgruppe Ernährung und Landwirtschaft der Fraktion, das der dpa vorliegt.

Die deutschen Landwirte müssten in den nächsten Tagen entscheiden, welche Obst- und Gemüsesorten noch angebaut und geerntet werden könnten, daher sei keine Zeit zu verlieren.

Die von der EU-Kommission empfohlene bevorzugte Abfertigung von Saisonarbeitskräften für die Landwirtschaft müsse in Deutschland schnellstens umgesetzt werden, schreiben die Abgeordneten Albert Stegemann und Gitta Connemann in dem Brief, der auch an Bundesinnenminister Seehofer und Landwirtschaftsministerin Klöckner gerichtet ist.

Saisonkräfte kaum ersetzbar

In der Bundesregierung gibt es Überlegungen, statt ausländische Saisonarbeiter Asylbewerber oder Arbeitslose auf den Feldern einzusetzen. Dies aber würde "den Arbeitskräftemangel nur lindern", sagte Rukwied der "Osnabrücker Zeitung".  Die Mitarbeiter aus Osteuropa seien zum Teil seit Jahren oder Jahrzehnten in den einzelnen Betrieben tätig und hätten entsprechende Erfahrung, betonte der Bauernpräsident. Er forderte die Bundesregierung auf, die Grenzen für Erntehelfer so schnell wie möglich wieder zu öffnen. Doch selbst wenn dies geschehe, sei unklar, ob die Saisonkräfte tatsächlich zurückkämen.

Innenminister Seehofer hatte am Mittwoch vergangener Woche im Kampf gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie ein Einreiseverbot für Saisonarbeiter angeordnet. Die Regelung gilt für die Einreise aus Drittstaaten, aus Großbritannien, für EU-Staaten wie Bulgarien und Rumänien, die nicht alle Schengen-Regeln vollumfänglich anwenden, sowie für Staaten wie Österreich, zu denen Binnengrenzkontrollen vorübergehend wieder eingeführt worden sind.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 01. April 2020 um 07:43 Uhr.

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