Ein Mund-Nasen-Schutz liegt in Magdeburg im Herbstlaub. | Bildquelle: dpa

Corona-Winter Deutschlands zweite Bewährungsprobe

Stand: 25.11.2020 05:04 Uhr

Hohe Infektionszahlen und Pandemie-Müdigkeit machen den Umgang mit der zweite Welle schwieriger als es im Frühjahr war. Die Politik ringt um das richtige Maß aus Gebot und Verbot - doch am Ende kommt es auf jeden Einzelnen an.

Eine Analyse von Georg Mascolo, NDR/WDR

Deutschland steht vor der zweiten, der größten Bewährungsprobe in dieser Pandemie. Im Frühjahr hatte dieses Land auch Glück: Es gab die frühen Warnungen aus Italien, dann kamen der Frühling und der Sommer zur Hilfe. Deutschland wird bis heute weltweit dafür respektiert, ja bisweilen bewundert, wie es bisher durch die Krise kam. Viele andere Staaten, denen dies in der ersten Welle ähnlich gut gelang, kamen später in große Schwierigkeiten. Es sind Österreich, Israel, Tschechien, die Liste ließe sich fortsetzen.

Triumph oder Tragödie

Triumph und Tragödie können nah beieinander liegen in einer Pandemie. In den kommenden Wochen und Monaten wird sich entscheiden, wo Deutschland am Ende dieser Gesundheitskatastrophe stehen wird.

Die zweite Welle hat in ihrer Heftigkeit sowohl die Politikerinnen und Politiker als auch die Menschen überrascht. So geht es dem ganzen Kontinent. Hans Kluge, der Europa-Direktor der Weltgesundheitsorganisation, rechnete gerade vor, dass es in einer Novemberwoche in der WHO-Region Europa alle 17 Sekunden zu einem Toten kam. Ein Sommer der Sorglosigkeit fordert seinen Preis ein. Auch, weil die notwendigen Vorbereitungen auf Herbst und Winter hinter den Möglichkeiten und Erfordernissen zurückblieben.

Geduld wird so knapp wie Intensivbetten

Die Herausforderung für Deutschland ist nun größer, als es dies in der ersten Welle war. Dies liegt nicht nur an den höheren Infektionszahlen. Die Erschöpfung greift um sich, die WHO hat einen Fachbegriff dafür: Pandemie-Müdigkeit. Oder, wie Kanzlerin Angela Merkel es in einer der Runde mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten sagte: Man möchte, dass das Ding endlich verschwindet. Geduld kann in einer Pandemie ebenso knapp werden wie Intensivbetten. Zudem richten sich alle Einschränkungen auf das, was Spaß macht: Arbeiten und Lernen sind möglich, der Besuch im Restaurant, in einem Museum, Urlaub und Party aber ist verboten.

Die jüngsten Zerwürfnisse zwischen der Kanzlerin und einigen Bundesländern machen die Sache nicht einfacher. Merkel wollte schon immer härtere Maßnahmen, so war es bereits im Frühsommer. Vielen Lockerungen stand sie skeptisch gegenüber. 15 Jahre ist sie nun Kanzlerin, ausgerechnet in der aus ihrer Sicht schwersten und ihrer vermutlich letzten Krise aber kann sie nicht so, wie sie will. Zuständig sind vor allem die Länder. Was sie früher nur intern kritisierte, macht sie jetzt für jeden hörbar - inzwischen sogar mit nicht abgestimmten Vorschlägen.

Merkel war es, die immer darauf bestand, dass in dieser schwierigen Lage eine "gemeinsame Erzählung" für die Bürgerinnen und Bürger notwendig sei. Darum muss auch sie sich bemühen. "Die Bürgerinnen und Bürger sollen von Bund und Ländern eine geschlossene, gemeinsame Antwort bekommen", versprach sie an diesem Sonntag. "Darauf haben sie eigentlich ein Recht." So ist es.

Gesucht: Eine Strategie für den Winter

Heute soll nun eine Strategie für den Winter gefunden werden. Eigentlich stehen die Aussichten hierfür noch immer gut: Deutschland hat die Finanzkraft, jenen zu helfen, die in Not geraten sind und jenen - etwa Hotels und Restaurants -, die nun im "Lockdown light" für alle besondere Lasten zu tragen haben. Jedenfalls solange die Europäische Union keinen größeren Widerstand gegen die immer weiter steigenden staatlichen Beihilfen leistet.

Früher, als man hoffen und erwarten durfte, stehen wohl auch Impfstoffe zur Verfügung. Gesundheitsminister Jens Spahn stellte erste Impfungen noch in diesem Jahr in Aussicht. Ein kleiner Stich wird helfen, ein großes Problem in den Griff zu bekommen. Das von vielen Politikern benutzte Wort von der "neuen Normalität", in der wir nun leben, war immer falsch. Es suggerierte, als würde der Ausnahmezustand ewig so weitergehen. Doch das Licht am Ende des Tunnels kann man schon sehen. Die Länge des Tunnels aber bleibt unbekannt.

Dass übrigens der erste Schnelltest für SARS-CoV-2 und jetzt vermutlich auch der erste Impfstoff in Deutschland entwickelt wurden, zeigt, wie leistungsstark die Wissenschaft hier ist.

Weihnachten ist nicht die größte Sorge

Schwierig wird es dennoch werden, weil die zu verkündenden Botschaften für die kommenden Wochen nicht gut sind: Die Zahlen sinken nicht schnell genug. Weitere Einschränkungen bleiben notwendig - vermutlich bis in das nächste Jahr hinein. Die größten Sorgen der Politikerinnen und Politiker betreffen weder Weihnachten und noch nicht einmal Silvester. Es sind die Ski-Ferien, es ist die Angst vor einem zweiten Ischgl, mit dem die Pandemie in diesem Frühjahr in Europa so richtig Fahrt aufnahm.

Nicht die ausgefeiltesten Verbote werden ausreichen, um die in den Wintermonaten drohenden Risiken auszuschalten. Risikoempfinden und Verantwortungsgefühl sind höchst unterschiedlich ausgeprägt: Die einen joggen nur noch mit Maske. Andere gehen feiern. Gesundheitliche Prävention aber lässt sich nicht mit Repression durchsetzen. Überzeugungskraft ist die wichtigste Ressource. Verantwortliches Handeln lässt sich weder durchgehend erzwingen und schon gar nicht kontrollieren. Nach Angaben der WHO übrigens ließen sich Lockdowns in Europa vermeiden, wenn über 90 Prozent der Menschen eine Maske tragen würden. Nach ihren Berechnungen liegt die Zahl aktuell bei rund 60 Prozent.

Verschwörungsmythen rund ums Infektionsschutzgesetz

Leider liegt auch in diesem Land der R-Wert der Verschwörungsmythen beständig über 1. Die AfD hat sich entschlossen, als politischer Arm auch jener zu agieren, die glauben wollen, dass der Staat mit dem Infektionsschutzgesetz dauerhaft Bürgerrechte außer Kraft setzen will. Dass er nur auf eine solche Gelegenheit gewartet habe.

Das ist infam, auch wenn der Staat durchaus sensibler agieren könnte und müsste: Dass mit dem gerade geänderten Infektionsschutzgesetz die Polizei die Gästedaten in Restaurants nicht mehr - wie es bisher geschah - für Ermittlungen nutzen darf, ist ein guter Schritt. Aber er kommt - trotz vielfältiger Mahnungen, darunter vom thüringischen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow - sehr spät.

Leider kommt es bei den Anti-Corona-Demonstrationen inzwischen immer wieder zu systematischen Verletzungen der Masken- und Abstandspflicht und sogar zu Gewalt. Von den bei der jüngsten Großdemonstration in Berlin eingesetzten 2523 Polizistinnen und Polizisten wurden 77 verletzt. An diesen Punkten endet der Versuch der Überzeugung - der Staat muss die Regeln durchsetzen.

Es bleibt viel Ungewissheit

Bleiben wird bis zuletzt in dieser Pandemie die Ungewissheit, ob und welche Maßnahmen angemessen, übertrieben oder unzureichend gewesen sind. Schaden und Nutzen werden sich erst mit großem zeitlichen Abstand endgültig beurteilen lassen. Infektionen und die Auslastung von Intensivstationen lassen sich gut messen. Verpasste Bildungschancen, der Verlust von Wohlstand oder Vereinsamung aber nicht. Niemand im Kanzleramt oder in den Staatskanzleien hat je geglaubt oder auch nur für möglich gehalten, einmal über solche Fragen entscheiden zu müssen.

Diese Pandemie, dafür spricht derzeit alles, wird im kommenden Jahr abflauen. Schwierige, vielleicht die schwierigsten Fragen, aber werden bleiben: Wie wird der Impfstoff gerecht verteilt, im eigenen Land, in Europa, aber auch in der Welt? Zugang muss es auch für jene geben, die einen solchen rettenden Stoff weder selbst produzieren noch ihn sich leisten können.

Neue Gerechtigkeitsfrage

Die Welt steht vor einer neuen, der vielleicht größten Gerechtigkeitsfrage. Auch weil viele Staaten darüberhinaus gehende finanzielle Hilfen benötigen werden. Denn sie können die Folgen dieser Gesundheitskatastrophe noch weniger verkraften, als das reiche Deutschland. Die Folgen und Auswirkungen dieser Pandemie werden uns auch dann noch begleiten, wenn ein Virus namens SARS-CoV-2 seinen größten Schrecken verloren hat.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. November 2020 um 09:00 Uhr.

Korrespondent

Georg Mascolo | Bildquelle: picture alliance / SvenSimon Logo NDR

Georg Mascolo, NDR

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