Bilanz des Weißen Rings Mehr häusliche Gewalt in der Corona-Krise

Stand: 26.12.2020 16:38 Uhr

Im Jahr der Corona-Krise haben mehr Opfer häuslicher Gewalt beim Weißen Ring Hilfe gesucht. Die Organisation führt das auch auf den Druck und die Sorgen durch Lockdown und wirtschaftliche Unsicherheit zurück.

In den ersten zehn Monaten dieses Jahres haben sich mehr Opfer häuslicher Gewalt an den Weißen Ring gewandt. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum spricht die Organisation von etwa zehn Prozent mehr Fällen. Bislang liegen Zahlen bis Oktober 2020 vor.

Die Betroffenen wurden Opfer verschiedener Formen der Gewalt, darunter sexuelle Gewalt oder Körperverletzung. Der Weiße Ring führt den Anstieg der Opferzahl auch auf die wegen der Corona-Pandemie angeordneten Beschränkungen zurück.

"Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen"

Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr seien die Zahlen aber noch sehr verhalten gewesen, sagte der Bundesvorsitzende des Weißen Rings, Jörg Ziercke. Seit Juni hätten sie aber zugenommen - und mit Blick auf die im Herbst und Winter erneut in Kraft getretenen Auflagen "müssen wir leider mit dem Schlimmsten rechnen", so der frühere Chef des Bundeskriminalamtes. Darauf deuteten bereits Zahlen aus der zweiten Jahreshälfte hin.

"Unsere Erfahrung ist, dass sich häusliche Gewalttaten nicht sehr schnell in Zahlen niederschlagen. Das kommt erst nach und nach", sagte Ziercke weiter. Studien zeigten, dass Frauen bis zu sieben Versuche benötigten, um sich aus einer Beziehung zu befreien, in der sie Opfer von Gewalt würden.

Mehr Sorgen und Anforderungen durch Pandemie

Die Corona-Maßnahmen bringen aus Sicht von Ziercke mehrere Risiken mit sich. "Der Lockdown führt dazu, dass wir in einer Phase zunehmender Gereiztheit miteinander leben", führte er an. Zu den Beschränkungen im alltäglichen Leben kämen teils beengte Wohnverhältnisse hinzu, eventuell finanzielle Sorgen durch Kurzarbeit oder Jobverlust und zusätzliche Anforderungen, etwa weil Betreuungsmöglichkeiten für die Kinder fehlen. Ziercke sprach von einem wirtschaftlichen und psychischen Druck.

Des Weiteren komme in Zeiten des Lockdowns die Gefahr des unentdeckten Missbrauchs - gerade von Kindern - hinzu. Wenn Kitas, Schulen und Vereine schließen müssten, gebe es auch weniger Möglichkeiten hinzuschauen, wenn Jungen oder Mädchen Verhaltensauffälligkeiten zeigten. Darum appellierte Ziercke auch an die Bevölkerung, auf das eigene Umfeld zu achten: "Menschen, die Hilfe benötigen und sie sich selber nicht holen können, müssen wahrgenommen und ihnen muss von außen geholfen werden."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. Dezember 2020 um 13:06 Uhr in den Nachrichten.

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