Mitarbeiter in Schutzanzügen in einem Forschungslabor in Nordrhein-Westfalen. | Bildquelle: dpa

Halbes Jahr Corona-Krise Pandemie im Crashkurs

Stand: 18.09.2020 07:35 Uhr

"Es ist ernst": Am 18. März warnte die Kanzlerin eindringlich vor der Corona-Pandemie. Zeitgleich startete ein nie dagewesener Wettlauf in der Wissenschaft. Sechs Monate später: Welche Erkenntnisse liegen vor?

Von Janne Kieselbach, tagesschau.de

Nie zuvor in ihrer Zeit als Bundeskanzlerin hat es so etwas gegeben: Am Abend des 18. März wendet sich Angela Merkel in einer Fernsehansprache an die Menschen in Deutschland. Die Corona-Pandemie hat nun auch Deutschland mit Wucht erfasst. Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote treten in Kraft. "Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst", sagt die Kanzlerin.

Nicht nur leere Toilettenpapier-Regale und geplünderte Gemüseabteilungen machen in diesen Tagen die allgemeine Verunsicherung deutlich. Die Bedrohung ist unmittelbar - und doch unsichtbar und unbekannt: Der Erreger - vom Internationalen Komitee für die Taxonomie von Viren (ICTV) als Sars-CoV-2 bezeichnet - ist erst zweieinhalb Monate zuvor in China entdeckt worden.

Hohes Tempo und gebrochene Tabus

So schnell, international vernetzt und unter hohem Druck wie nie zuvor beginnen Virologen, Epidemiologen, Infektiologen und andere Wissenschaftler im Winter mit ihrer Forschung zu dem neuartigen Virus. Forschungsgelder werden kurzfristig bewilligt, erste Ergebnisse ohne vorherige Prüfung durch die Wissenschaftsgemeinde in sogenannten Pre-Prints, also Vorabdrucken, digital veröffentlicht. Große Wissenschaftsverlage brechen ein Tabu und stellen Studien kostenfrei abrufbar ins Netz. In enorm hohem Tempo können auf diese Weise grundlegende Erkenntnisse über Sars-CoV-2 gesammelt werden.

Forscher stehen plötzlich im Rampenlicht

Und doch: Für viele Laien geht die Forschung im Frühjahr nicht schnell genug. Dass die Forscher immer wieder Unsicherheiten betonen, einander widersprechen, ihre Aussagen teils revidieren, sorgt in der Öffentlichkeit für Irritationen und mitunter zu lautstark geäußertem Frust. So spielen die Boulevard-Zeitungen die Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck gegeneinander aus, ihre Arbeit wird medial kritisiert, Drosten erhält sogar Morddrohungen.

Es ist eine Zeit des Lernens: Die Forscher stehen plötzlich im Rampenlicht und kommen teils besser, teils schlechter mit der überbordenden Aufmerksamkeit zurecht. Politiker, Medien und Öffentlichkeit wiederum müssen im Crashkurs lernen, dass wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn auch in Zeiten der Krise nicht in wenigen Tagen gelingt und dass der Widerspruch kein Zeichen von Schwäche, sondern ein zentrales Prinzip wissenschaftlichen Arbeitens darstellt.

"Warum habt ihr uns solchen Quatsch erzählt?"

Besonders deutlich wird dieser Konflikt der Erwartungshaltungen und Grundsätze, als es um Sinn oder Unsinn einer Maskenpflicht geht: Deutschlands oberste Seuchenbehörde, das Robert Koch-Institut (RKI), hat bis Anfang April von einer Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes für symptomfreie Menschen abgeraten, ändert seine Haltung dann jedoch. Mit Verwunderung und Zorn wird der angebliche Kursschwenk kommentiert: "Warum habt ihr uns solchen Quatsch erzählt?", fragt etwa die "Bild". "Ja, was denn nun?", heißt es in einem Kommentar auf tagesschau.de. Der Aufschrei mag gemessen an den üblichen Standards des Politikbetriebs plausibel sein. Aber ist er es auch aus wissenschaftlicher Sicht?

In dieser Radikalität wohl kaum. Denn tatsächlich lagen noch im März nur sehr wenige aussagekräftige Studien zur Wirksamkeit einfacher Stoffmasken vor - die vielleicht seriöseste stammte aus Nepal und kam zu dem Ergebnis, dass der Textilschutz Virentröpfchen nur sehr bedingt abhalten könne. Professionelle Schutzmasken hingegen waren nicht flächendeckend verfügbar. Und das RKI machte damals noch eine andere, nämlich psychologische Rechnung auf: Das Tragen einer Schutzmaske könne dazu führen, dass die als wichtiger erachteten Maßnahmen wie Abstandhalten und Händewaschen nicht mehr streng genug eingehalten würden. Wer heute im öffentlichen Nahverkehr unterwegs ist oder shoppen geht, könnte auf die Idee kommen, dass das RKI mit dieser Befürchtung richtig lag.

Masken allein reichen nicht aus

Mittlerweile hat sich die Maskenpflicht im Einzelhandel sowie in Bussen und Bahnen etabliert. In vielen Bundesländern gilt sie eingeschränkt auch in Schulen. Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht handelt es sich um eine sinnvolle Ergänzung zu anderen Maßnahmen, weil auch Alltagsmasken einen Teil der Virentröpfchen abhalten. Experten vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) erinnern aber daran, dass nur professionelle Masken einen verlässlichen Schutz bieten. Hinzu kommt, dass Masken eben nur im Zusammenspiel mit anderen Maßnahmen wie dem Abstandhalten Wirkung zeigen.

Wie wichtig gerade diese Mindestabstände sind, zeigt der Blick auf die Erkenntnisse zu den Übertragungswegen von Sars-CoV-2: Schon sehr früh sind sich die Forscher sicher, dass die sogenannte Tröpfcheninfektion - wie auch bei Erkältungsviren - eine bedeutende Rolle spielen dürfte. Dabei fliegen virushaltige Flüssigkeitspartikel, die beim Atmen, Husten, Sprechen oder Niesen entstehen, direkt auf die Schleimhäute des Gegenübers. Diese Tröpfchen können laut einer "Science"-Studie von Ende Juni beim Niesen sogar mehr als sechs Meter weit katapultiert werden.

Als weniger begründet gilt hingegen bis heute die Sorge, dass solche Partikel auch über den Umweg kontaminierter Oberflächen aufgenommen werden können, also zum Beispiel durch Berühren von Türgriffen oder Tastaturen. Das RKI stellt dazu lediglich fest, dass eine solche Schmierinfektion "insbesondere in der unmittelbaren Umgebung der infektiösen Personen nicht auszuschließen" sei.

Ungelüftete Räume bergen Gefahr

Der zweite Hauptübertragungsweg neben der Tröpfcheninfektion wird erst im Verlauf der Pandemie belegt: Es handelt sich um die sogenannten Aerosole. Immer wieder werden Berichte über Veranstaltungen bekannt, bei denen sich die Teilnehmer trotz des Einhaltens von Mindestabständen massenhaft infizieren. So treffen sich Anfang März rund 80 Mitglieder eines Chores in der Berliner Domkantorei zum Singen - später werden 30 Musiker positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Die Forscher finden heraus, dass sich winzige virushaltige Schwebeteilchen auch über lange Zeit in der Luft geschlossener Räume halten können. Vor allem für die kühle Jahreszeit dürfte das eine der wichtigsten und folgenreichsten Erkenntnisse des vergangenen halben Jahres sein: Überall dort, wo nicht gut gelüftet werden kann, sind größere Menschenansammlungen riskant.

Ob dieses Risiko minimiert werden kann, dürfte unter anderem davon abhängen, wie sich die Testverfahren für das neuartige Coronavirus entwickeln. Bislang sind vor allem sogenannte PCR-Tests für den direkten Nachweis des Erregers in Gebrauch, deren Ergebnisse allerdings bis zu zwei Tage auf sich warten lassen. Außerdem kommen Antikörpertests zum Einsatz, die aber nur eine vergangene Infektion nachweisen können. Hoffnungen werden aktuell auf sogenannte Antigentests gesetzt: Sie weisen nicht das Erbmaterial des Virus nach, sondern dessen Proteine. Antigentests befinden sich zwar noch in der Erprobung, könnten aber bei erfolgreicher Entwicklung sehr schnelle Ergebnisse innerhalb von einer Stunde liefern.

Eine Ampulle des Ebola-Medikaments Remdesivir wird während einer Pressekonferenz im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg gezeigt | Bildquelle: REUTERS
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Das Medikament Remdesivir kann die Behandlungszeit bei schweren Covid-19-Verläufen verkürzen.

180 Projekte zur Entwicklung von Impfstoffen weltweit

Die bei weitem größten Hoffnungen ruhen jedoch auf der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen gegen die vom neuartigen Coronavirus ausgelöste Krankheit Covid-19. Während viele Menschen trotz einer Infektion gar keine oder nur milde Erkältungssymptome ausbilden, müssen andere mit schwerer Atemnot auf Intensivstationen behandelt werden. Von vielen Arzneien hat sich das Medikament Remdesivir als geeignet erwiesen, die Dauer der stationären Behandlung immerhin zu verkürzen. Es hemmt die Replikation des Erbguts von RNA-Viren, zu denen auch Sars-CoV-2 zählt. Andere Forschungsansätze verfolgen zum Beispiel das Ziel, Mittel gegen die lebensbedrohliche Entzündungsreaktion des Immunsystems zu finden.

Eine Rückkehr zu gesellschaftlicher Normalität dürften aber erst Impfstoffe erlauben, die eine künstliche Immunität gegen Sars-CoV-2 erzeugen: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) laufen derzeit etwa 180 Projekte zur Entwicklung von Vakzinen, 35 Impfstoffkandidaten befinden sich bereits in klinischen Studien (Phase I bis III). In Deutschland haben das Mainzer Unternehmen BioNTech und die Tübinger Firma CureVac mit klinischen Prüfungen im Menschen begonnen.

Ob und wann ein Impfstoff für die breite Bevölkerung verfügbar sein wird, ist allerdings offen. Denn trotz eines sehr hohen Tempos bei der Entwicklung gilt auch hier: Wissenschaft kann und darf irren. Erst wenn die Zweifel durch viele unabhängige Prüfungen minimiert worden sind, steht am Ende ein praxistaugliches Ergebnis. Mit Gewissheit lässt sich heute daher nur eines sagen: Auf Deutschland wartet ein Herbst, der neue Unsicherheiten und Herausforderungen mit sich bringen wird. Die Pandemie ist nicht vorbei.

Über dieses Thema berichteten am 18. März 2020 das Erste in einem "ARD-extra" um 20:15 Uhr und die tagesthemen um 22:40 Uhr.

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