Aus mehreren Hochsitzen zusammengefügt ist diese "Trutzburg", die Waldbesetzer auf einer Lichtung im Dannenröder Forst errichtet haben. | Bildquelle: dpa

Vor möglichem Rodungsbeginn Der Dannenröder Forst als neuer "Hambi"?

Stand: 30.09.2020 13:51 Uhr

Die einen kämpfen für das Waldgebiet, die anderen für eine bessere Anbindung: Im Dannenröder Forst schwelt der Streit um den Ausbau eines Autobahnstücks seit Jahrzehnten - jetzt könnte es ernst werden.

Von Sandra Scheuring, hr

Die Protest-Camps mitten im Wald haben auf den ersten Blick etwas von Robin-Hood-Romantik. In selbstgezimmerten Baumhäusern und Zelten campieren Aktivisten seit fast einem Jahr im Dannenröder Forst. Sie haben Barrikaden errichtet, um die Polizei von der Räumung abzuhalten. Vor ein paar Tagen kam prominenter Neuzugang: Die Umweltaktivistin und als Seenotretterin bekannt gewordene "Sea Watch"-Kapitänin Carola Rackete ist eingezogen und will auch erst einmal bleiben. "Ich finde es einfach katastrophal, dass 2020 ein so alter Wald abgeholzt werden soll für eine Autobahn", sagt sie. "Ich denke, wir brauchen wirklich ein ganz anderes Verkehrskonzept in Deutschland, vor allem eins, das sich mit den Klimazielen von Paris in Einklang bringen lässt."

Ausbau der A49: Proteste gegen die Rodung im Dannenröder Forst
tagesschau 16:00 Uhr, 01.10.2020, Steffen Clement, HR

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Unter den Aktivisten sind viele aus der Region. Hinzugekommen sind aber auch Gruppen, die schon für den Hambacher Forst gekämpft haben, der dem Braunkohletagebau weichen sollte. Unterstützung bekommen sie von radikalen linken Aktivisten, einige aus dem europäischen Ausland, die eine anti-kapitalistische Gesellschaftsordnung durchsetzen wollen.

Eine Aktivistin klettert 15 Meter über dem Boden auf eine zwischen Bäumen errichtete Plattform. | Bildquelle: dpa
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Aktivistin im Dannenröder Forst: Befürworter und Gegner des Autobahnausbaus streiten sich seit Jahren.

Erbitterter Streit

Der Autobahnbau hat eine lange Vorgeschichte, der Protest auch: Teile des Dannenröder Forsts sollen gerodet werden, um die A49 weiter auszubauen. Die Autobahn soll Kassel und Gießen besser verbinden und die mittelhessische Region zusammenführen. Befürworter und Gegner streiten sich erbittert. Ab Donnerstag könnten die ersten Rodungen beginnen, doch vorher müssten die Camps geräumt werden.

Schon vor 40 Jahren wurden die ersten Pläne entworfen, seitdem wurden mehrere Trassen geplant, wieder verworfen und neu geplant. Endgültig abgewiesen wurden die Klagen von Umweltschützern und Anwohnern erst im Juli, als das Bundesverwaltungsgericht entschied, dass der Weiterbau der A49 realisiert werden darf.

Von insgesamt rund 60 Kilometern Autobahn ist etwa die Hälfte bereits fertig gestellt. Im aktuellen Konflikt geht es um die beiden letzten Bauabschnitte zwischen Schwalmstadt und dem Ohmtal-Dreieck an der A5. Bei Homberg (Ohm) müssen Teile des Dannenröder Forstgebiets gerodet werden - das ist besonders umstritten. Denn der Forst ist ein alter, intakter Laub- und Mischwald. Seit Jahrhunderten ist er im Besitz der Freiherren Schenck zu Schweinsberg.

Um den Lückenschluss der A49 zu realisieren, sollen im Dannenröder Forst 27 Hektar gerodet werden - das sind rund drei Prozent der Gesamtfläche in einem Bereich, der als besonders schützenswert gilt. Auch ein Wasserschutzgebiet soll durch die Trasse überbaut werden. Insgesamt sollen für den Ausbau laut Baugesellschaft DEGES rund 85 Hektar Wald gerodet werden. Im Gegenzug dazu sind Ausgleichsmaßnahmen auf einer Gesamtfläche von 750 Hektar geplant, aufgeforstet werden 85 Hektar Wald.

Befürworter des Autobahnbaus

Viele lärmgeplagte Anwohner der Ausweichstrecken befürworten den Autobahnausbau. Sie hoffen schon seit Jahrzehnten auf eine Entlastung vor allem vom Schwerlastverkehr. Im Gegensatz zu den Aktivisten im Wald, die viel Aufmerksamkeit bekommen, sehen sie sich als stille Mehrheit. Durch Neustadt, Kirchhain oder Niederklein beispielsweise fahren die Laster tags wie nachts. Auch Unternehmer aus der Region warten dringend auf den Lückenschluss.

Die IHK Kassel-Marburg, die Interessen von 86.000 Mitgliedsunternehmen vertritt, erwartet eine Stärkung der regionalen Wirtschaft. "Für die Unternehmen bedeutet die A 49 deutlich bessere Erreichbarkeit, bessere Anbindung und dadurch eine massive Verringerung von Transportzeiten und damit Kosten in der Logistik", sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Ulrich Spengler. "Auch die kleinen und großen Betriebe in der Umgebung profitieren davon, denn auch die vielen Mitarbeitenden haben kürzere Pendlerwege."

Angst vor gewaltsamer Eskalation

Wie es nun weitergeht, ist unklar. Deutlich wurde aber: Freiwillig wollen die Aktivisten nicht abziehen. Beobachter befürchten gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei. Denn bevor die Rodungsarbeiten beginnen, müssen die Protestcamps geräumt sein. Ähnlich wie bei den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst könnten dazu mehrere tausend Polizisten aus dem ganzen Bundesgebiet eingesetzt werden.

Über dieses Thema berichtete hr-iNFO im Hörfunk am 30. September 2020 um 15:00 Uhr.

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