Kinderuhr in der Kita

Geschlossene Kitas Mehr Notbetreuung - aber für wen?

Stand: 16.04.2020 16:21 Uhr

Die Kitas bleiben geschlossen - und für viele Eltern wird die heimische Betreuung ihrer Kinder immer mehr zur Belastung. Nun könnte die Notbetreuung ausgeweitet werden. Aber für wen?

Von Uwe Jahn, ARD-Hauptstadtstudio

Je kleiner die Kinder, desto schwerer ist es mit den Hygiene- und Abstandsregeln. So argumentieren Epidemiologen dafür, dass Kindergärten geschlossen bleiben.

Die deutsche Wissenschaftsakademie Leopoldina hat diese Argumentation weitgehend übernommen - und auch die Beschlüsse von Bund und Ländern folgen ihr. Man habe beschlossen, die Kitas derzeit nicht zu öffnen, weil man das Risiko dort nach wie vor für zu hoch einschätze, sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer.

Diese Sichtweise räumt dem Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus höchste Priorität ein. Allerdings regt sich Widerspruch.

Debatte über Härtefälle

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey wirft noch andere Argumente in die Waagschale. Sie halte das "auch nicht für einen guten Weg", sagte sie und verwies auf erwerbstätige Alleinerziehende und jene Kinder, die jetzt vor der Einschulung in die Grundschule stünden. Man spreche auch über soziale Auswirkungen - "über die Frage von Kindern, die eher in einer schwierigen Lage zuhause leben. Das alles darf nicht hinten runterfallen".

Fragen, die nicht herunterfallen dürfen: Wen haben die Corona-Maßnahmen bisher am härtesten getroffen, wo wird Schaden angerichtet, wie steht es um das Kindeswohl? Auch Katja Kipping von der Linkspartei argumentiert so:

"Vielleicht muss man auch darüber reden, dass die Notbetreuung, die es ja für Menschen, die im Gesundheitssystem arbeiten, gibt - dass die ausgeweitet wird für Fälle, wo es zuhause eine gewisse Härte darstellt. Zum Beispiel für Alleinerziehende, die Homeoffice absolvieren müssen und zuhause drei Kinder haben."

Eine gewisse Härte kann auch sein, dass Eltern mit Überstundenausgleich, Resturlaub oder Provisorien bei der Kinderbetreuung nicht mehr weiterkommen. Nur: Wie können Kitas aufmachen ohne schwere Rückschläge bei der Corona-Bekämpfung? Familienministerin Giffey rechnet vor:

"Wenn wir überlegen, dass ja fünf Kinder pro Erzieherin in einem Raum empfohlen sind, dann könnten wir die Kapazität an Kitaplätzen - über drei Millionen haben wir - nicht voll nutzen. Dann könnte man etwa ein Drittel nutzen, also eine gute Million, 1,15 Millionen Plätze. Und das müsste dann überlegt werden, wer zunächst da mit hin kann."

Vorschulkinder zuerst?

Das ist die Frage: Nach welchen Kriterien können die Plätze vergeben werden, wenn es längst nicht für alle reicht? Antworten darauf müssen in den Ländern gefunden werden. Immerhin kann Giffey sich auf den Beschluss von Kanzlerin und Ministerpräsidenten berufen. Da heißt es nämlich: "Die Notbetreuung wird fortgesetzt und auf weitere Berufs- und Bedarfsgruppen ausgeweitet."

Eine Bedarfsgruppe könnten Vorschulkinder sein. "Einem Vorschulkind kann man auch erklären, wie Händewaschen geht", sagte Giffey. "Das geht sehr wohl und das ist ja auch pädagogischer Auftrag."

Und schon die Leopoldina hatte - freilich ohne Termin - empfohlen, die Öffnung der Kitas mit den Kindern anzufangen, die auf den Schulanfang im Herbst vorbereitet werden müssen.

Kontroverse um Notbetreuung in Kitas
Uwe Jahn, ARD Berlin
16.04.2020 15:09 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 16. April 2020 um 16:13 Uhr.

Korrespondent

Uwe Jahn  | Bildquelle: Tanja Schnitzler Logo MDR

Uwe Jahn, MDR

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