Erstürmung der Spicherer Höhen bei Saarbrücken am 6. August 1870 | Bildquelle: picture alliance / akg-images

150 Jahre Spichern-Schlacht Wo der Deutsch-Französische Krieg begann

Stand: 07.08.2020 10:47 Uhr

1870 schlägt der Norddeutsche Bund im lothringischen Spichern Napoleon III. Der Sieg befeuert den deutschen Nationalismus - doch heute steht das Gedenken im Zeichen der deutsch-französischen Freundschaft.

Von Brigitte Henkes, SR

Gläserklirren und entspanntes Gemurmel im Biergarten am Rande des einstigen Schlachtfeldes auf der Spicherer Höhe, nur einen Steinwurf entfernt von der Grenze zum Saarland. Im Gasthaus Woll treffen sich Lothringer und Saarländer in Eintracht nach Feierabend mit Blick auf das Kriegerdenkmal - ein schlichtes, hoch in den Abendhimmel ragendes, weißes Kreuz aus Beton.

Es erinnert an die blutige Schlacht am 6. August 1870, als die Preußen den Norddeutschen Bund anführen und mit Hilfe der südlichen Staaten überraschend die Franzosen unter Kaiser Napoleon III. schlagen. Dieser Sensationssieg führt zu einem wahren Heldenkult. Propagandistisch ausgeschlachtet und zum Mythos verklärt, befeuert er die nationale Bewegung, die schließlich zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs unter Wilhelm I. führt.

Magnet für Schlachtentourismus

Durch die legendäre Schlacht von Spichern ist Saarbrücken plötzlich - auch von Berlin aus gesehen - mehr als nur ein weißer Fleck auf der Landkarte. Spichern wird zum Magneten einer Art Schlachtentourismus. Und auch die Haltung der Menschen an der Saar gegenüber Preußen, so der Historiker und Leiter des saarländischen Landesarchivs, Paul Burgard, ändert sich durch die nachträgliche Glorifizierung der Schlacht:

"In der Bevölkerung der Industrieregion, die geprägt war von den Arbeitermassen und einem überwiegend unternehmerischen Bürgertum, gab es plötzlich einen deutlichen Wandel: weg von einer eher preußisch-skeptischen Haltung, weg vom liberalen und nationalliberalen Flügel - hin zu einem dezidierten preußisch-deutschen Patriotismus."

Die Schmach der Niederlage

Für das französische Kaiserreich von Napoleon III. ist die verheerende Niederlage von Spichern der Anfang vom Ende. Nach der verlorenen Schlacht von Sedan wird Frankreich zur Republik, muss hohe Kriegsentschädigungen zahlen und Elsaß-Lothringen an Deutschland abtreten. Eine Demütigung, die die "Erbfeindschaft" vertieft und auch bei den beiden Weltkriegen eine Rolle spielt. Zur heute viel gerühmten deutsch-französischen Freundschaft ist es da noch ein weiter Weg.

Etwas abgekämpft, aber wissbegierig nähert sich eine bunt gemischte Besuchergruppe dem Mahnmal auf dem grünen Hügel vorm Gasthaus Woll. Die 20 Männer und Frauen sind von Saarbrücken aus in der Sommerhitze den Berg hochgekraxelt, genau wie die deutschen Soldaten damals. Die Katholische Erwachsenenbildung Saarpfalz hat am 150. Jahrestag der Schlacht von Spichern zum Rundgang auf dem Schlachtfeld eingeladen.

Führung über die Gräber auf der Spicherer Höhe | Bildquelle: Brigitte Henkes
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Führung über die Gräber auf der Spicherer Höhe

Der Berg ist übersät von Gräbern, Gedenksteinen und Denkmälern für die deutschen und französischen Soldaten. Das stimmt auch den 28-jährigen Kurt Becker nachdenklich:

"Da kann man viele Lehren daraus ziehen. Krieg ist kein valides Mittel der Politik, die Antwort lautet Europa, denn die europäische Einigung hat uns bislang die längste Periode des Friedens beschert."

Sein Begleiter Jonas Abel, mit 22 der jüngste Teilnehmer, stimmt ihm zu. Mit Krieg seien keine Problem zu lösen. Er wünscht sich offene Grenzen und meint, auch die jüngsten Grenzschließungen wegen der Corona-Pandemie könnten die deutsch-französische Freundschaft nicht gefährden.

Kurt Becker und Jonas Abel | Bildquelle: Brigitte Henkes
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Die jüngsten Teilnehmer Kurt Becker und Jonas Abel

Lehren aus dem Krieg

Auf deutscher Seite verloren am 6. August 1870 insgesamt 850 Soldaten ihr Leben, 4000 wurden verwundet. Die Franzosen zählen 320 Tote und 1660 Verwundete, 2100 Soldaten wurden gefangengenommen.

Heiner Klein hat das Kriegstagebuch seines Urgroßvaters Wilhelm zum Rundgang mitgebracht. Der hat, bewaffnet mit einer Lanze, als Ulan der Kavallerie an der blutigen Schlacht teilgenommen und überlebt. "Mein Urgroßvater hat nach dem Krieg weiter als Schmied, Landwirt und Bergmann gearbeitet. Er hat das scheinbar gut überwunden. Aber so einen Krieg darf es nie wieder geben, und auch keine Einzelstaaterei", sagt Klein.

Tagebuch von Wilhelm Klein | Bildquelle: Brigitte Henkes
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Tagebuch von Wilhelm Klein

Maria Peter ist am 150. Jahrestag aufs einstige Schlachtfeld mitgekommen, weil der Krieg von 1870 in ihrer Familie am Küchentisch immer Thema war: "Ich bin Saarländerin mit französischen Wurzeln. Meine Oma ist sehr alt geworden, 93, und sie hat immer erzählt vom Krieg 1870, das hat mich geprägt." So sehr, dass sie darüber einen historischen Roman geschrieben hat.

Spichern - ein Stiefkind der Geschichtsschreibung

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg sitzt die Schmach der militärischen Niederlage tief. Frankreich setzt von nun an alles daran, die Gebiete zurückzuerobern. Historiker sehen die Bedeutung der Schlacht von Spichern daher auch im Schatten der zwei Weltkriege. Paul Burgard hält eine weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema für längst überfällig: "Es müsste dringend eine historische Neueinschätzung der Schlacht von Spichern vorgenommen werden. Sie war schon immer ein Stiefkind auch der bundesdeutschen Geschichtsschreibung", sagt er. "Es geht darum, die Mythen- und Legendenbildung zu ergründen und die darauf folgende Nationalbewegung zu verstehen." Das sei nicht nur landesgeschichtlich relevant.

Von der voll besetzten Terrasse beim Gasthaus Woll schallt am späteren Abend Gelächter und Gläserklirren. Zwei Männer verabschieden sich voneinander, jeder spricht seine Mundart, man versteht sich. Der eine steigt in einen Peugeot mit französischem Kennzeichen, der andere in seinen Audi mit Saarbrücker Nummer. Schon bald werden sie sich wohl wieder auf der Spicherer Höhe treffen, im Biergarten "beim Woll".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Juli 2020 um 20:43 Uhr.

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