Ein Mann mit einer Heroinspritze | Bildquelle: ARD-aktuell/Retzlaff

Drogenberatung "Mehr und bessere Angebote"

Stand: 25.11.2019 05:49 Uhr

Bei ihrer Jahrestagung will die Drogenbeauftragte diskutieren, wie sich Sucht bekämpfen lässt. Was sagen diejenigen, die täglich mit dem Problem zu tun haben?

Von Alexander Steininger, tagesschau.de

Arthur Coffin wirkt aufgewühlt - gerade erst hatte der Leiter des "LogIn" in Berlin-Charlottenburg einen besonders drastischen Fall in seiner Beratungsstelle. "Ein Mann, der mehrere Drogen gleichzeitig genommen hatte und in einer akuten Krise steckte. Ich bin froh, wenn er das Wochenende übersteht", sagt der 44-Jährige.

Zu wenige Beratungsstellen

Beratungsstelle des Drogennotdienstes in Berlin
galerie

Arthur Coffin arbeitet seit fast 15 Jahren in der Drogenberatung in Berlin.

Dennoch ist er froh, dass der Mann es überhaupt in die Beratungsstelle des Drogennotdienstes geschafft hat - viele Abhängige würden daran bereits scheitern. "Eines der größten Probleme ist, dass die Betroffenen nicht den Einstieg ins Hilfssystem finden", so Coffin.

Zum einen, weil Drogenkonsum und Sucht in unserer Gesellschaft immer noch stark stigmatisiert werde und viele Abhängige sich schämten, Hilfe anzunehmen. Zum anderen aber auch, weil es schlicht zu wenig Anlaufstellen gebe, die dazu noch nicht gut ausgestattet seien.

Mehr und bessere Beratung

Deshalb fordert Coffin von der neuen Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Daniela Ludwig, vor allem eine Aufwertung der Beratungs- und Präventionsarbeit. "Wir müssen den Menschen unbürokratisch und schnell helfen, zum Beispiel wenn es darum geht, einen Platz in einer Therapieeinrichtung zu bekommen. Wenn sie darauf mehrere Wochen warten müssen, fallen sie oft zurück in ihre Sucht. Und wir müssen digitale Beratungsangebote schaffen, denn hier ist die Hemmschwelle, diese anzunehmen, viel niedriger."

Beratungsstelle des Drogennotdienstes in Berlin
galerie

Im "LogIn" in Berlin-Charlottenburg sollen die Klienten vor allem dazu ermutigt werden, selber ihre Sucht zu beenden.

Der Sozialarbeiter wünscht sich außerdem eine pragmatischere und ehrlichere Debatte über die Ziele und Möglichkeiten von Drogenberatung. Es müsse beispielsweise nicht immer die völlige Abstinenz das Ziel sein. Bei vielen Junkies, die schon jahrzehntelang Drogen nehmen, sei das seiner Erfahrung nach schlicht unrealistisch. "Hier kann es schon ein Erfolg sein, wenn der Betroffene nicht mehr kriminell ist, eine Wohnung und eine Arbeit hat", sagt Coffin.

"Cannabis entkriminalisieren"

Der Geschäftsführer des Drogennotdienstes Berlin, Michael Frommhold, hat noch eine weitere Forderung. Er appelliert an die neue Drogenbeauftragte - so wie viele andere Sucht-Experten und der Bund deutscher Kriminalbeamter auch - Cannabis zu entkriminalisieren. "Das könnte bedeuten, dass man Cannabis künftig unter bestimmten Bedingungen legal erwerben kann", so Frommhold.

Die Argumente liegen für ihn auf der Hand: Der Schwarzmarkt werde ausgetrocknet, es gäbe zusätzliche Steuereinnahmen und die Konsumenten würden vor verunreinigtem Gras geschützt - auf dem Schwarzmarkt ist es bisweilen mit Blei gestreckt, was katastrophale Gesundheitsfolgen haben kann.

In ersten Statements zeigt sich Daniela Ludwig offen für eine Debatte. Allerdings müsste die CSU-Frau dafür radikal von der Linie ihrer Vorgängerin abrücken: Die bisherige Drogenbeauftragte Marlene Mortler hatte eine eher restriktive Politik verfolgt beim Thema Cannabis.

Die Drogenbeauftrage der Bundesregierung Daniela Ludwig | Bildquelle: dpa
galerie

Von Daniela Ludwig - hier bei der Vorstellung des Suchtberichts 2019, wünscht sich Coffin, dass sie weniger politischen Programmen folgt und stattdessen mehr auf die Erfahrungen von Beratern hört, die täglich mit Drogensüchtigen zu tun haben.

Familienberatung als Schlüssel

Auch Drogenberater Coffin brennt das Thema unter den Nägeln. Denn die allermeisten seiner Klienten haben Probleme mit Cannabis, gefolgt von Kokain und Heroin. Und: Sie sind sehr jung, meist Anfang 20. Deshalb plädiert er auch für den Ausbau der Familienberatung, denn obwohl das persönliche Umfeld meist Grund für die Probleme ist, "geht nichts ohne die Familie".

Trotz aller Probleme würde Coffin keinen anderen Job wollen. "Es ist ein gutes Gefühl, Menschen mit Problemen helfen zu können." So wie beispielsweise dem Klienten, der mithilfe der Drogenberatung seine Kokainsucht überwinden konnte und bald einen gutbezahlten Job im Managementbereich antritt. Und auch dem Härtefall vom Morgen konnte Coffin einen Therapieplatz vermitteln. "Allerdings erst drei Tage später - hoffentlich ist das nicht zu spät."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. November 2019 um 23:46 Uhr.

Darstellung: