Passanten, welche teilweise einen Mund-Nasen-Schutz tragen, laufen durch eine Fußgängerzone in Hamburg | Bildquelle: dpa

Corona-Krise Virologen warnen vor Strategie der Herdenimmunität

Stand: 19.10.2020 22:21 Uhr

Zuletzt wurden Stimmen laut, in der Pandemie sollten Risikogruppen isoliert werden und eine unkontrollierte Durchseuchung stattfinden. Der Virologe Drosten und Kollegen widersprechen dieser Strategie vehement. Sie sei unethisch und hochriskant.

Der Berliner Virologe Christian Drosten und andere Kollegen stellen sich entschieden gegen Forderungen, Corona-Beschränkungen aufzuheben und gleichzeitig den Schutz besonders gefährdeter Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.

"Mit Sorge nehmen wir zur Kenntnis, dass erneut die Stimmen erstarken, die als Strategie der Pandemiebekämpfung auf die natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsteile mit dem Ziel der Herdenimmunität setzen", heißt es in einer Stellungnahme der Gesellschaft für Virologie (GfV) mit Sitz in Heidelberg, an der auch Drosten beteiligt war. Herdenimmunität bedeutet, dass ein großer Teil der Bevölkerung nach einer Infektion oder Impfung immun geworden ist, und sich das Virus dadurch nicht mehr so gut ausbreiten kann.

"Risikogruppen zu heterogen"

Eine unkontrollierte Durchseuchung würde zu einer eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen, schreiben die Virologen. Denn selbst bei strenger Isolierung älterer Menschen gebe es noch weitere Risikogruppen, die viel zu zahlreich, zu heterogen und zum Teil auch unerkannt seien, um aktiv abgeschirmt werden zu können.

"Ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf ergibt sich beispielsweise bei Übergewicht, Diabetes, Krebserkrankungen, einer Niereninsuffizienz, chronischen Lungenerkrankungen, Lebererkrankungen, Schlaganfall, nach Transplantationen und während einer Schwangerschaft."

Laut GfV weiß man noch nicht zuverlässig, wie lange eine durch eine Infektion erworbene Immunität anhält. Das Anstreben der Herdenimmunität ohne Impfung sei unethisch sowie medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochriskant.

Warnungen der WHO

Die Virologen beziehen sich in ihrem Text auf die sogenannte Great-Barrington-Erklärung, die drei Forscher aus den USA und Großbritannien verfasst haben. Die Wissenschaftler fordern, die meisten Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie umgehend einzustellen, da diese verheerende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben würden.

Dafür solle man sich auf den Schutz gefährdeter Gruppen konzentrieren und so eine Herdenimmunität aufbauen, auch ohne auf einen Impfstoff zu warten. Laut einer eigenen Webseite haben bereits viele Hunderttausend Menschen die Erklärung unterzeichnet.

Schon vor Drosten hatte bereits Martin Eichner, Professor am Institut für klinische Epidemiologie und angewandte Biometrie der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, kritisiert, dass die Autoren äußerst vage blieben, wie die Maßnahmen umgesetzt werden sollen. WHO-Chef Tedros Ghebreyesus sagte, niemals in der Geschichte des Gesundheitswesens sei eine Strategie der Herdenimmunität gegen einen Ausbruch oder eine Pandemie eingesetzt worden.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 19. Oktober 2020 um 22:01 Uhr.

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