Ralph Brinkhaus | Bildquelle: dpa

Brinkhaus zur Wiedervereinigung "Respekt für Lebensleistungen fehlte"

Stand: 03.10.2018 11:13 Uhr

Die deutsche Einheit sei ein "Glücksfall", sagt der neue Unionsfraktionschef Brinkhaus. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer wandte sich gegen "Miesepeter". Nie sei es dem Osten besser gegangen.

Viele Ostdeutsche sind nach Ansicht des neuen Unionsfraktionschefs Ralph Brinkhaus nach 1990 nicht fair behandelt worden - und das sei lange nicht genug beachtet worden. "Gerade weil bei der Wiedervereinigung auch Fehler begangen wurden, muss es heute eine gesamtstaatliche Verpflichtung sein, die Entwicklung im Osten besonders zu unterstützen", verlangte der CDU-Politiker. "Dies kann helfen, emotionale Wunden zu heilen".

Brinkhaus: "Einheit immer noch ein Wunder"

Es sei zu wenig gesehen worden, dass die Menschen in Ostdeutschland von Grund auf neu hätten beginnen müssen, sagte Brinkhaus. Trotz der Freude über die Einheit sei die Wiedervereinigung für viele Bürger im Osten eine Stunde null gewesen. "Die Biografie vieler Menschen war von einem Tag auf den anderen scheinbar nichts mehr wert. Es fehlte an Respekt vor Lebensleistungen", sagte Brinkhaus. Auch die Geschichte des SED-Staats müsse weiter aufgearbeitet werden.

Trotzdem bleibe die Deutsche Einheit "ein Glücksfall unserer Geschichte", sagte Brinkhaus und ergänzte: "Es ist immer noch ein Wunder." Dank des Mutes, der Tatkraft und des Fleißes der Ostdeutschen und einer nationalen Kraftanstrengung sei seit der Wiedervereinigung viel erreicht worden: Die Wirtschaftsleistung der ostdeutschen Länder habe sich verdoppelt, die Einkommen seien gestiegen und die Arbeitslosigkeit liege auf niedrigem Niveau.

Kretschmer: "Das beste Deutschland jemals"

Auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer lobt die Wiedervereinigung als die größte patriotische Leistung des Landes: "Im Westen haben Menschen auf Wohlstandszuwachs verzichtet, in Ostdeutschland hat sich der überwiegende Teil der Bevölkerung ein neues Leben aufgebaut." Das müsse an einem solchen Tag gewürdigt werden, sagte er der "Rheinischen Post". Die heutigen Herausforderungen hätten sich die DDR-Bürger vor 1990 nur wünschen können, erklärte der CDU-Politiker. "Miesepetern sage ich: Es ist das beste Deutschland, das wir je hatten."

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer | Bildquelle: dpa
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Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer betont, wie gut die Lage in den ostdeutschen Bundesländern heute ist.

Allerdings beklagt Kretschmer zugleich eine Schieflage bei der Beurteilung der Deutschen Einheit in den ostdeutschen Bundesländern. "Nie ging es uns in den neuen Ländern so gut, nie war unsere Lebenserwartung so hoch und nie stand uns die Welt so offen wie heute." Die Diskussion habe aber "eine Schlagseite ins Negative bekommen", kritisierte Kretschmer. "Das müssen wir wieder geraderücken. Wir müssen die Freude zurückgewinnen."

Wissenschaftler: Unzufriedene Minderheit

Auch von wissenschaftlicher Seite kommt dafür Unterstützung: Die Erfolge der Einheit sollten viel stärker betont werden, fordert auch der Leiter des SED-Forschungsverbundes an der Freien Universität Berlin, Klaus Schroeder. Dies dürfe nicht propagandistisch geschehen, sondern mit dem ehrlichen Verweis auf die Lage im Jahre 1990 und der Frage: "Was haben wir erreicht, was haben wir nicht erreicht?", sagte der Wissenschaftler.

Für viele Menschen sei die deutsche Einheit Anlass zur Freude, das belegten seit vielen Jahren regelmäßige Umfragen. Dies werde aber eingetrübt durch die derzeitige politische und gesellschaftliche Situation. Immer noch sei es eine Minderheit, die unzufrieden ist. Diese sei allerdings recht groß mit einem Anteil von 40 bis 45 Prozent.

Objektiv gehörten viele der Ostdeutschen, die heute bei "Pegida" mitlaufen oder AfD wählen, der Mittelschicht an. Aber subjektiv würden sie denken, es könnte ihnen eigentlich viel besser gehen - besonders im Vergleich mit der Mittelschicht im Westen, sagte Schroeder. Dabei seien beispielsweise die faktischen Renten im Osten höher als im Westen, sagte der Politikwissenschaftler. Vergessen werde bei der Debatte auch das Erbe des SED-Staates, die kaputte Wirtschaft und die zerstörte Umwelt.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. Oktober 2018 um 22:15 Uhr.

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