Auf einer Schultafel steht Abitur | Bildquelle: dpa

Bessere Abiturnoten Trotz Einser-Abi nicht fit für die Uni

Stand: 16.09.2019 17:17 Uhr

Die Zahl der Einser-Abiturienten wächst. Das klingt erstmal nach einer guten Nachricht. Doch es gibt Hinweise darauf, dass nur die Noten besser werden - nicht aber die Leistungen.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Mehr als jeder vierte Abiturient (25,8 Prozent) hatte im Jahr 2018 eine Eins vor dem Komma. Das sind deutlich mehr als noch im Jahr 2008, wo nur jeder fünfte (20,2 Prozent) ein Einser-Abi schaffte. In 15 von 16 Bundesländern ist der Anteil der Einser-Abiturienten gestiegen, einzig in Baden-Württemberg ging er zurück - von 25,8 im Jahr 2008 auf 24,0 im Jahr 2018. Erhoben hat diese Zahlen die "Rheinische Post" durch eine Umfrage unter allen Bundesländern, wobei alle bis auf Schleswig-Holstein aktuelle Zahlen aus 2018 liefern konnten.

Am besten schnitten die Schüler in Thüringen ab, wo die Einser-Quote bei 37,9 Prozent lag. Gefolgt von Sachsen (34,6 Prozent) und Bayern (31,5 Prozent). Die wenigsten Einser-Abiturienten gab es 2018 mit 21,7 Prozent in Niedersachsen.

Infografik Anteil der Einser-Abiturienten
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Bei der Umfrage werden unter "Einser-Abitur" alle Noten gefasst, die eine Eins vor dem Komma haben, also 1,0 bis 1,9.

Quantität statt Qualität?

Was für die Absolventen selbst ein Grund zu feiern sein dürfte, wird nicht überall positiv gesehen. Der Deutsche Hochschulverband spricht von einer "Noteninflation", der Einhalt geboten werden müsse. "Wir sehen es mit Sorge, dass die Abiturnoten besser werden", sagte DHV-Sprecher Matthias Jaroch der "Rheinischen Post". "Qualität muss Vorrang vor Quantität haben." Schon heute fehlten den Studienanfängern häufig wichtige Grundkenntnisse, etwa in Mathematik.

Der Vorwurf, der dahinter steckt: Durch leichtere Prüfungen oder ein Senken der Anforderungen können Abiturnoten künstlich nach oben justiert werden, ohne dass sich die Leistungen der Schüler verbessern. Denn Noten sind erst einmal nur Zahlen, über die tatsächliche Kompetenz sagen sie noch nichts aus.

Zahl der Abiturienten wächst

Dieser Verdacht sei nicht ganz von der Hand zu weisen, meint Marko Neumann vom DIPF Leibnitz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation. "Es gibt einen politischen Willen, die Zahl der Hochqualifizierten ständig zu erhöhen und die Zahl der Schulabbrecher zu verringern." Ob dabei auch Kriterien für Prüfungen heruntergesetzt werden, sei zumindest eine offene Frage.

Und auch die wachsende Zahl an Abiturienten spreche nicht unbedingt für eine tatsächlich steigende Leistung: "Wir haben heute einzelne Bundesländer, in denen mehr als die Hälfte der Schüler ein Abitur anstrebt. Vor 20 bis 25 Jahren war das eher ein Viertel oder ein Drittel", sagt Neumann im Gespräch mit tagesschau.de. Wenn so viel mehr Schüler heute Abitur machen, wäre es schon ein Erfolg, wenn die Leistungen im Vergleich zu früher stabil blieben. Eine solche Verbesserung der Noten mache da eher skeptisch.

Bildungsforscher: "Stochern im Nebel"

Die Klage der Universitäten über mangelnde Grundkenntnisse bei Studierenden sei allerdings noch kein Beweis für eine Verwässerung der Noten. Man müsse das zwar ernst nehmen, aber: "Es gibt diese Klage schon seit der Einführung des Abiturs zu Humboldts Zeiten", sagt Bildungsforscher Neumann.

In einem Gymnasium bereiten sich die Abiturienten in der Aula auf den Beginn der schriftlichen Englisch-Prüfung vor. | Bildquelle: dpa
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Bildungsforscher Neumann plädiert für standardisierte Tests, um die Kompetenzen der Schüler zu prüfen.

Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wiederum sieht keinen Qualitätsverlust. "Mein Eindruck ist, dass die Jugendlichen heute zielstrebiger sind", sagte sie gegenüber der "Rheinischen Post".

"Das große Problem ist, dass wir bei der Interpretation dieser Daten im Nebel stochern", sagt Neumann. Denn es gebe keine vergleichende Kompetenzerfassung kurz vor dem Abitur. "Standardisierte Leistungstests wie etwa PISA oder IGLU gibt es für diese Altersstufe nicht und sie sind auch nicht in Planung." Der einzige Anhaltspunkt für Bildungsforscher seien die Noten und die seien anfällig für allerlei Verzerrungen. Er plädiert deshalb dafür, auch für Abiturienten Bildungsstandards empirisch zu prüfen, so wie es bereits am Ende der Grundschule und beim mittleren Schulabschluss geschieht.

Große Unterschiede zwischen Bundesländern

Auch die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern sind laut Neumann bemerkenswert - auch wenn diese Tendenz schon lange beobachtet wird. Bei 37,9 Prozent Einser-Abis in Thüringen und 34,6 Prozent in Sachsen steht durchaus die Frage im Raum, ob die Schüler beziehungsweise die Schulsysteme in diesen Ländern so viel besser sind als anderswo. "Diese Länder liegen zwar auch bei den üblichen Kompetenzvergleichen zwischen den Bundesländern weit vorne, doch ob die Unterschiede so groß sind, ist fraglich."

Anteil der Einser-Abiturienten in Prozent
20082018
TH30,537,9
SN22,434,6
BY24,031,5
BB25,030,2
ST19,329,9
MV24,428,9
HB24,727,4
BE17,926,4
HE22,227,2
HH19,326,0
SL21,425,8
NRW16,824,3
BW25,824,0
RP15,422,5
NI16,121,7
SH14,917,3 (2017)

FDP will einheitliche Anforderungen

Gerade aus diesen Unterschieden zwischen den Ländern ergibt sich ein Gerechtigkeitsproblem für die Absolventen. Denn die konkurrieren mittels Numerus Clausus deutschlandweit um begehrte Studienplätze. Stimmt der Verdacht vom geringeren Anforderungsniveau speziell in einzelnen Bundesländern, hätten die dortigen Absolventen einen echten Standortvorteil. Die FDP fordert deshalb bundesweit einheitliche Standards für das Abitur. "Die Zukunftsperspektiven von Schülerinnen und Schülern dürfen nicht länger von ihrem Wohnort abhängen", sagt die stellvertretende FDP-Vorsitzende Katja Suding. Abiturnoten müssten endlich eine bundesweit gültige Aussagekraft über die tatsächliche Schülerleistung bekommen.

Der Bildungsökonom Jan Marcus vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht noch weiter. Auch er warnt laut einem Bericht der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vor einer weiteren Inflation der Abiturnoten und prognostiziert, dass der Anstieg zur Einführung von Aufnahmeprüfungen an Hochschulen führen könne. "Die Abiturnote ist ein wichtiges Kriterium bei der Vergabe von Studienplätzen. Durch die Noteninflation wird hier die Aussagekraft der Abiturnote verwässert", sagte er.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. September 2019 um 13:00 Uhr.

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