Kreuz im Regen | Bildquelle: dpa

EKD-Synode in Würzburg Evangelische Kirche will Missbrauch aufarbeiten

Stand: 11.11.2018 05:00 Uhr

Die evangelische Kirche will sich auf ihrem Jahrestreffen dem Thema sexueller Missbrauch widmen. Mehrere hundert Opfer wurden bereits anerkannt. Die Dunkelziffer könnte deutlich höher sein.

Von Tilmann Kleinjung, BR

Dass die evangelische Kirche das Thema sexueller Missbrauch lange Zeit für eher zweitrangig hielt, lässt sich an der Tagesordnung der Würzburger Synode ablesen. Nicht einmal zwei Stunden sind am Dienstag für den Bericht über die "Aufarbeitung bei sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche" vorgesehen. Doch nach der Missbrauchsstudie der katholischen Kirche wird der EKD Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm immer häufiger gefragt: Gibt es auch in der evangelischen Kirche einen Missbrauchsskandal?

Auch wenn wir als evangelische Kirche nochmal andere Kulturen haben als die katholische Kirche und man das nicht gleichsetzen kann, ist es für uns Grund noch einmal genau hinzuschauen: Was gibt es in der evangelischen Kirche an Mechanismen, die so was befördern oder nicht genug tun, um es zu verhindern. Und wenn es dann doch passiert, was müssen wir tun, um die Prozesse zu verbessern, um die Opfer zu schützen", sagt Bedford-Strohm.

Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm spricht im April auf der Landessynode der evangelischen Kirche in Bayern. | Bildquelle: dpa
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Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm.

Mehrere hundert bekannte Fälle

Vor der Synode wurde in allen 20 evangelischen Landeskirchen nachgefragt: Wie viele Fälle gab es seit den 50er Jahren? Insgesamt wurde 479 Mal ein Antrag auf Anerkennung erlittenen Leids gestellt. Die meisten Fälle haben sich laut EKD zwischen 1950 und Ende der 1970er vor allem im diakonischen Bereich ereignet.

Die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann hält diese Zahl für nicht aussagekräftig. "Man kann ja nicht einfach nur die bekannt gewordenen Fälle addieren und sagen: So viele waren es. Das ist ja gar nicht so viel. Sondern man muss schon ein bisschen in die Tiefe gucken und auch versuchen zu erfahren: Was ist den insgesamt passiert in den Landeskirchen? Wo sind die Risikofaktoren? Wo müssen wir aufpassen?", sagt sie.

Die Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs, der Bergmann angehört, empfiehlt auch der evangelischen Kirche, eine wissenschaftliche Studie in Auftrag zu geben. Dazu müssten unabhängige Forscher Einblick in Akten und Archive bekommen. Außerdem solle die Kirche einen gezielten Aufruf an Betroffene starten.

Andere Linie gefordert

Ob es eine evangelische Missbrauchsstudie geben wird, das muss die EKD Synode entscheiden. Die Vorsitzende des Kirchenparlaments, Irmgard Schwaetzer, empfiehlt, nicht in allen Punkten der katholischen Linie zu folgen. "Zum Beispiel würden wir eine Aufarbeitung nur bei Pfarrerinnen und Pfarrern für nicht zielführend halten, sondern in die Aufarbeitung müssen alle bei der Kirche Beschäftigten, Haupt- und Ehrenamtlichen einbezogen werden", sagt sie. "Ich glaube, dass das schon einmal ein sehr grundlegender Unterschied ist."

Sicher ist, so Schwaetzer, dass sich die Synode der Schuld stellen wird, die die evangelische Kirche in der Vergangenheit auf sich geladen habe.

Themenfeld Digitalisierung

Es geht in Würzburg nicht nur um die Vergangenheit. Auch um die Zukunft. Wie wird Kirche attraktiv für Jugendliche? "Der Glaube junger Menschen" ist ein Schwerpunktthema der Synode. Und das hänge eng zusammen mit einem weiteren Tagesordnungspunkt: Digitalisierung, sagt der bayerische Landesbischof Bedford-Strohm.

"Die Leute, die heute 15, 16, 20 sind, die sind völlig normal mit den Möglichkeiten des Internets aufgewachsen. Und für uns als Kirche ist es von zentraler Bedeutung, dass wir dort auch zu Hause sind, wo Menschen viel Zeit ihres Lebens verbringen", so der Bischof. "Und deswegen wollen wir eine Offensive in Richtung Digitalisierung der Kirche starten. Auch davon erwarte ich mir viel bei der EKD Synode."

Der Ratsvorsitzende der EKD sucht einen Mittelweg: Die Kirche dürfe Digitalisierung nicht verteufeln. Aber auch nicht euphorisch feiern. Die Kirche will sich nicht ins Netz zurückziehen, sondern die virtuelle und die echte Welt zusammenbringen.

Synode der EKD beginnt am Sonntag in Würzburg
Tilmann Kleinjung, ARD Rom
11.11.2018 01:10 Uhr

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