Radfahrerin und LKW | Bildquelle: dpa

Abbiegeassistenten Vermeidbares Risiko

Stand: 11.02.2020 01:29 Uhr

Elektronische Abbiegeassistenten können Leben retten. Deshalb sind sie ab 2024 für neue Lastwagen und Busse vorgeschrieben. Einigen Spediteuren geht das nicht schnell genug.

Von Jenni Rieger, SWR

Wenn der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) und die Grünen heute in Berlin ihr Positionspapier zur "Verhütung von tödlichen Abbiegeunfällen mit Lkw" vorstellen, dann hat das auch etwas mit einem elfjährigen Mädchen aus Hannover zu tun, mit einem 13-jährigen Jungen aus Oldenburg oder einer 37-jährigen Radfahrerin aus Berlin. Sie alle wurden beim Abbiegen von einem Lkw erfasst und dabei getötet.

Elektronische Abbiegeassisten ab 2024 Pflicht: Deutschem Fahrrad-Club und Grünen geht das nicht schnell genug
tagesschau 16:00 Uhr, 11.02.2020, André Kartschall, RBB

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Durchschnittlich 3200 Kollisionen von Lkw und Fahrradfahrern pro Jahr hat die Unfallforschung der Versicherer (UDV) ermitteln. Das heißt konkret: 70 Radfahrer sterben jährlich im Straßenverkehr, ein Drittel von ihnen bei sogenannten Abbiegeunfällen mit Lkw.

Ein zerstörtes Fahrrad liegt zu Anschauungszwecken anlässlich des Auftakts einer Verkehrserziehungswoche für Schulen unter den Hinterrädern eines Lkw. | Bildquelle: picture alliance/dpa
galerie

Im Schnitt sterben jedes Jahr mehr als 20 Radfahrer nach Abbiegeunfällen mit Lkw.

Der Fall Beatrix Willburger

Andere überleben schwer verletzt. So wie Beatrix Willburger. Sie war 13 Jahre alt, als sie 1994 mit dem Rad zur Schule fuhr und von einem tonnenschweren Betonmischer erfasst wurde. Die Doppelzwillingsreifen des Lkw überrollten das Kind, der Fahrer merkte davon nichts. Beatrix hatte sich in seinem toten Winkel befunden, war für den Fahrer quasi unsichtbar.

14 Jahre saß sie danach im Rollstuhl. Und ihr Vater wurde aktiv. "Der Unfalltypus ist zum Kotzen", sagte Ulrich Willburger einmal in einem Interview. "Und er bringt so viel Leid mit sich."

"Trixi"-Spiegel retten Leben

Heute hängt der von ihm erfundene und nach seiner Tochter benannte "Trixi"-Spiegel an einigen schwer einsehbaren Kreuzungen in Deutschland. Aber nur an einigen. Gerade mal 1000 solcher Spiegel wurden in der Bundesrepublik angebracht. Denn gesetzlich vorgeschrieben ist der "Trixi"-Spiegel nicht.

Freiburg hat ihn trotzdem aufgehängt - 160 Spiegel, um genau zu sein - immer dort, wo aufgrund der Unübersichtlichkeit Lkw Gefahr laufen könnten, Radfahrer oder Fußgänger zu überfahren. Das passierte in Eigenregie der Stadt und nicht etwa auf Initiative oder mit Geld des Bundesverkehrsministeriums - darauf wollte man hier nicht warten.

Ein Trixi-Spiegel hängt an einer Straßenkreuzung. | Bildquelle: dpa
galerie

Rund 160 sogenannte Trixi-Spiegel wurden in Freiburg angebracht.

Feldversuch mit Abbiegeassistenten

Überhaupt scheint Baden-Württemberg eigene Wege zu gehen: In einem bundesweit einmaligen Feldversuch wurden dort 500 Lkw mit Abbiegeassistenten ausgestattet.

Abbiegeassistenten informieren die Fahrer von Lkw über die Anwesenheit anderer Verkehrsteilnehmer, auch über diejenigen, die sich gerade im sogenannten "toten Winkel" aufhalten. Dabei werden Ultraschall- oder Radarsysteme oder auch Kameras eingesetzt. Verschiedene dieser Systeme hat der "Verband der Spedition und Logistik" (VSL) gemeinsam mit dem Verkehrsministerium Baden-Württemberg an Speditionen verteilt.

Mehrheit der Spediteure für Einführung

Das Ergebnis des Tests: Nach dem ersten Einsatz im Sommer 2019 gaben 77 Prozent der teilnehmenden Unternehmen an, sie würden eine Nachrüstung ihres Fuhrparks mit Abbiegeassistenten befürworten. Um die Sicherheit von Radfahrern und Fußgängern zu verbessern, aber auch zum Schutz ihrer eigenen Fahrer.

"Einen Radfahrer oder Fußgänger fast zu übersehen, gehört mit zu den heftigsten Erfahrungen, die ein Fahrer machen kann", erklärt Andrea Marongiu, Geschäftsführer des VSL. "Man hört es immer wieder von Lokführern, die nach einem tödlichen Unfall ihren Job nie mehr machen können. Das ist bei Lkw-Fahrern nicht anders. Da ist die Frage, ob man sich jemals wieder in die Fahrerkabine traut."

Eine Frage der Kosten

Doch 40 Prozent der Unternehmen im Feldversuch gaben ebenfalls an, die hohen Kosten für Abbiegeassistenzsysteme würden sie abschrecken. "Das System alleine, dann noch der Einbau, dann der Ausfall des Lkw für die Dauer des Einbaus, das kann sich schon auf 2500 Euro belaufen", rechnet Marongiu vor.

Seit 2019 fördert der Bund die Nachrüstung mit Abbiegeassistenten mit bis zu fünf Millionen Euro pro Jahr. Damit werden jedoch nicht alle Kosten der Spediteure für die Umrüstung gedeckt. Und so wird der Einbau eines Abbiegeassistenten für die Speditionen immer mehr zu einer Gewissensfrage.  

Ein Fahrradfahrer fährt während einer Demonstration des neuen Abbiegeassistenten neben einem Lastwagen. | Bildquelle: dpa
galerie

Das elektronische System informiert den Fahrer, wenn andere Verkehrsteilnehmer sich im "toten Winkel" aufhalten.

Vorteil beim Werben um Fachkräfte

Auch bei der Firma Bullinger Speditions in Stuttgart stellt sich mehr und mehr die Frage, wie und wann die Flotte umgerüstet werden kann, auch aus einem ganz anderen Grund: "Es ist heutzutage unheimlich schwer, Fahrer zu bekommen. Die muss man schon richtig locken", sagt Geschäftsführer Stephan Möbus. Zum Beispiel mit modernen Assistenzsystemen.

Im Feldversuch, an dem sich seine Firma beteiligte, habe man nur positive Erfahrungen gemacht, sagt Möbus. Die Fahrer seien begeistert. Nun denke die Firma darüber nach, selbst Abbiegeassistenzsysteme anzuschaffen - allerdings nach und nach und nicht auf einen Schlag. "Wir können nicht unsere gesamte Flotte nachträglich umrüsten", so Möbus, "das rentiert sich bei der geringen Laufzeit unserer Lkw nicht. Aber bei Neuanschaffungen werden wir auf jeden Fall darüber nachdenken."

Ab 2024 Pflicht - bei Neuzulassungen

Seit dem 1. Januar müssen bereits alle Lang-Lkw, also solche mit bis zu 25 Metern Länge, verpflichtend mit einem Abbiegeassistenten versehen sein, so sieht es eine EU-Richtlinie vor. Bis 2024 sollen dann alle übrigen Lkw und Busse nachziehen - zumindest die Neuzulassungen.

Marongiu geht das nicht schnell genug. "Wenn ich 2023 noch einen neuen Lkw ohne Abbiegeassistenzsystem kaufe, und der läuft dann sieben Jahre, heißt das, dass wir bis 2030 noch Risiken eingehen, die vermeidbar wären."

Tatsächlich könnten elektronische Abbiegeassistenten laut der Unfallforschung der Versicherer (UDV) mehr als 40 Prozent aller Unfälle zwischen Lkw und Radfahrern verhindern und mehr als jedem dritten Unfallopfer das Leben retten - wenn sie denn flächendeckend vorgeschrieben wären.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 11. Februar 2020 um 07:45 Uhr.

Korrespondent

Jenni Rieger | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR

Jenni Rieger, SWR

Darstellung: