Ein Hörsaal aus der Hubschrauberperspektive.

Bilanz der Exzellenziniative Keine Eins mit Sternchen

Stand: 22.04.2016 01:41 Uhr

Forschungsförderung ja, aber wie? Nach rund zehn Jahren ist es Zeit, ein Nachfolgemodell für die Exzellenzinitiative zu finden. Dazu äußert sich heute Bildungsministerin Wanka. Die Bilanz von Experten und Betroffenen fällt durchwachsen aus.

Von Ute Welty, tagesschau.de

250.000 Einwohner, 43.000 Studierende, fast 6000 forschende und lehrende Mitarbeiter: Dieser kurze Zahlencheck verdeutlicht bereits, dass die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule in Aachen und darüber hinaus eine herausragende Rolle spielt. Die RWTH ist die größte deutsche Hochschule ihrer Art in Deutschland, und sie ist als eine von elf Unis "exzellent" - gefördert durch die Exzellenzinitiative.

Vor rund zehn Jahren einigten sich Bund und Länder darauf, den Wissenschaftsstandort Deutschland durch einen Wettbewerb zu stärken. In drei "Disziplinen" sollten sich die Hochschulen unter Beweis stellen: Wie steht es um die Erforschung eines speziellen Themenfeldes? Was wird getan, um Doktoranden zu unterstützen? Und welches Zukunftskonzept kann die Uni vorweisen?

Milliardenbeträge sind seitdem verteilt worden. In den ersten beiden Runden 2006 und 2007 standen insgesamt 1,9 Milliarden Euro zu Verfügung. Bis 2017 sind noch einmal 2,7 Milliarden Euro im Topf. Dagmar Simon, Leiterin der Forschungsgruppe Wissenschaftspolitik am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, relativiert die Summen: "Wenn Sie sich international umschauen - da sprechen wir nicht über fünf Milliarden in zehn Jahren für ein ganzes Land, sondern über fünf Milliarden im Rahmen des Jahresetats einer einzelnen Uni."

RWTH Aachen
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Die RWTH genießt national und international hohe Reputation. In den Rankings der Personalchefs landet Aachen regelmäßig auf den beiden vordersten Plätzen.

Am Ende bleibt also ein überschaubarer Betrag. Beispiel Fuel Design Center: Hier lässt die RWTH fachübergreifend nach maßgeschneiderten Kraftstoffen aus Biomasse suchen, und hier fließen fünf Millionen Euro pro Jahr in die tatsächliche Forschung. 75 Prozent des Geldes kommen vom Bund, die Länder steuern 25 Prozent bei.

Gefördert werden bundesweit zurzeit 43 Forschungsprojekte als Exzellenzcluster und 45 Doktorandenausbildungen als Graduiertenschulen. Nur wer mit Exzellenzcluster und Graduiertenschule punkten konnte, hatte die Chance auf ein gefördertes Zukunftskonzept. Aachen war mit einem Konzept namens "Meeting Global Challenges" erfolgreich und entwickelt die "integrierte interdisziplinäre technische Universität, also eine Hochschule, die mit ihrer Forschung die großen Herausforderungen unserer Zeit adressiert". Den Begriff "Elite-Uni" nimmt hier niemand gern in den Mund. Lieber spricht man von "Leuchttürmen der Wissenschaft".

Gewinner und Verlierer

Ausgerechnet Hamburg hat es bisher nicht zu einem solchen Leuchtturm gebracht. Die Uni der Hansestadt konnte sich 2012 mit ihrem Zukunftskonzept nicht durchsetzen. Präsident Dieter Lenzen sparte nach dem Finale nicht mit Kritik und forderte ein Wettbewerbsmoratorium: Viele Universitäten hätten sich fast "zu Tode gesiegt" oder an den Rand der Erschöpfung "geantragt". Frust auch in Freiburg: Nach der zweiten Phase der Förderung verlor die Albert-Ludwigs-Universität den begehrten Status, konnte aber, wie Hamburg auch, zwei Cluster einwerben und damit eine Teilförderung durch die Exzellenzinitiative sicherstellen. Für die Zukunft sieht sich Freiburg gut aufgestellt, man gehe "mit Ehrgeiz und hochmotiviert" in einen neuen Wettbewerb. Auch Hamburg ist bereit, neue Anträge zu stellen.

Elite-Universitäten in Deutschland
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Noch bis 2017 werden elf Universitäten in Deutschland wegen ihrer Zukunftskonzepte gefördert.

So sehr die Exzellenzinitiative sich um die Forschung kümmert, so wenig tut sie es für die Lehre. Studierende hätten wenig davon, meint Achim Meyer auf der Heyden, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, wo man sich für bessere soziale Rahmenbedingungen im Studium einsetzt: "Mein Verständnis von Exzellenz ist: Wo die Forschung exzellent sein soll, muss auch die Lehre exzellent sein – und die Studienbedingungen erst recht. Wir brauchen Exzellenz auch für die Wohnraumversorgung und Beratung der Studierenden."

Meyer auf der Heyden räumt ein, die Exzellenzinitiative habe weltweit den Fokus auf den Hochschul- und Forschungsstandort Deutschland gelenkt. Davon habe auch Deutschland als Ganzes profitiert, sagt Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion: "Deutschland als Wissenschaftsstandort mit allen positiven Effekten auf Innovationskraft und Beschäftigung steht heute auch deshalb so gut dar, weil mit der Exzellenzinitiative, aber auch mit der Stärkung der außeruniversitären Forschung vor rund zehn Jahren, die richtigen Weichen gestellt wurden."

Ziel noch nicht erreicht

Planungssicherheit verspricht Alexandra Dinges-Dierig, zuständige Berichterstatterin in der Unionsfraktion, denn Planungssicherheit schaffe Verlässlichkeit. Immerhin sei der Weg an die Weltspitze ein Marathon und kein Sprint.

Auf diesem Weg will Bundesbildungsministerin Johanna Wanka vorankommen: "Unser Ziel ist es, deutsche Spitzenforschung im internationalen Wettbewerb noch erfolgreicher, noch sichtbarer zu machen. Ich bin zuversichtlich, dass uns das mit der neuen Bund-Länder-Initiative gelingen kann - nicht zuletzt, weil der Bund dank der neuen grundgesetzlichen Regelungen die Möglichkeit hat, Hochschulen an verschiedenen Stellen auch dauerhaft zu unterstützen."

Das Ministerium selbst hat die Exzellenzinitiative von der so genannten Imboden-Kommission untersuchen lassen. Die Experten unter Leitung des Schweizer Umweltphysikers und Wissenschaftsmanagers Dieter Imboden konstatierten Anfang des Jahres, die Exzellenzinitiative habe eine neue Dynamik in das deutsche Universitätssystem gebracht.

Bildungsministerin Wanka mit wehenden Haaren
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Seit 2013 im Amt, will Bundesbildungsministerin Johanna Wanka für mehr frischen Wind an deutschen Hochschulen sorgen.

Die Experten stellten aber auch fest: Das Ziel ist noch nicht erreicht. Um international bestehen zu können, braucht es an den Universitäten offenbar mehr differenzierte Forschung und mehr starke Führungspersönlichkeiten. Simon vom Wissenschaftszentrum Berlin fragt sich vor allem, woran internationale Strahlkraft einer Universität gemessen werden soll: "Dass deutsche und ausländische Wissenschaftler miteinander sprechen und publizieren, versteht sich ja wohl von selbst. Hier fehlt es an belastbaren Instrumenten der Evaluierung."

Die Imboden-Kommission empfahl darüber hinaus, die Graduiertenschulen aus der Förderung herauszunehmen. Im Rahmen der Exzellenzinitiative seien mehr befristete Stellen für junge Wissenschaftler mit Promotion geschaffen worden. Dies verzögere aber eine Entscheidung für eine wissenschaftliche Laufbahn, als diese Entscheidung zu beschleunigen. Bezogen auf die Nachwuchsförderung wirke die Exzellenzinitiative also mindestens ambivalent, wenn nicht kontraproduktiv.

Mehr Kontinuität, weniger Dynamik?

Die Befristung von Arbeitsverhältnissen im wissenschaftlichen Bereich sind der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft ohnehin ein Dorn im Auge. Vorstandsmitglied Andreas Keller ist überzeugt, dass die Exzellenzinitiative das Hire-and-Fire-Prinzip befördert: "Mit befristet eingeworbenen Projekt- oder Exzellenzgeldern stellen die Hochschulen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch nur befristet ein. Läuft die Förderung aus, werden die Beschäftigten auf die Straße gesetzt." Keller fordert deswegen eine "Entfristungsoffensive".

Auch die Linksfraktion und ihre hochschulpolitische Sprecherin Nicole Gohlke wollen einen Perspektivwechsel, "weg von der Politik der kurzatmigen Pakte und des ständigen Wettbewerbs um knappe Fördermittel, hin zu einer stabilen Grundfinanzierung, damit die Hochschulen ihre Aufgaben in Lehre und Forschung verlässlich erfüllen können". Ähnlich äußert sich Kai Gehring von den Grünen, Sprecher für Hochschule. Wissenschaft und Forschung. Sein Blick in die Zukunft sieht eher düster aus: "Statt eine exklusive Bundesliga für die Ewigkeit einzuführen, wäre es besser, bei der Exzellenzinitiative das System aus Auf- und Abstieg zu erhalten."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. April 2016 um 14:36 Uhr.

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