Ein Überweisungs-/Abrechnungsschein eines Arztes

Ärzte-Verband lehnt zentrale Terminvergabe ab "Jammern auf extrem hohem Niveau"

Stand: 30.07.2014 18:14 Uhr

Sechs Wochen Warten auf einen Termin beim Facharzt - das soll es künftig nicht mehr geben. Die Bundesregierung denkt über eine zentrale Terminvergabe nach. Beim Verbandschef der Kassenärzte lösen solche Pläne bestenfalls Kopfschütteln aus.

Von Peter Mücke, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

Im Koalitionsvertrag ist es so vereinbart. Und auch Gesundheitsminister Hermann Gröhe hat gerade erst bekräftigt, dass er noch in diesem Jahr das Thema Termingarantie für Kassenpatienten angehen will. Für Deutschlands obersten Kassenarzt, Andreas Gassen, ist das ein Un-Thema: Es werde von Politikern gerne hochgespielt, "weil die alle einen Brief aus dem Wahlkreis kriegen", sagt Gassen. Er nennt die Diskussion um die Wartezeiten populistisch. Und sie werde auf einem Niveau geführt, "das in anderen Ländern Kopfschütteln auslösen würde".

"Sie kriegen in drei Tagen auch keinen Frisör-Termin"

Der neue Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung KBV sieht sich durch eine von seiner Organisation in Auftrag gegebenen Studie bestätigt. Demnach haben 72 Prozent der Befragten angegeben, innerhalb von drei Tagen einen Termin bekommen zu haben. Das sei bei den meisten anderen "Dienstleistungen" schwierig, meint Gassen. "Sie werden wahrscheinlich keinen Klempner kriegen in drei Tagen und auch keinen Frisörtermin und den Platz in der beliebten Pizzeria kriegen sie meist auch nicht. Einen Arzttermin kriegen Sie aber", so Gassen.

Die Fachärzte sind das Problem

Es sei denn, es handelt sich um einen Facharzt-Termin, sagt der Autor der Studie, Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Die Fachärzte seien ganz eindeutig das Problem. Beim Hausarzt, der allerdings auch oft Anlaufstelle für akute Fälle sei, fielen sehr viel weniger Termine an, sagt Jung. So zeigt die Umfrage, dass 24 Prozent länger als drei Wochen auf einen Termin beim Facharzt warten mussten.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen
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In der überweigenden Zahl der Fälle, sei es ein "Komfortproblem", sagt KBV-Chef Gassen.

Trotzdem sagt KBV-Chef Gassen: "Das ist aus meiner Sicht in weiten Teilen ein Jammern auf extrem hohem Niveau. An anderer Stelle habe ich es schon ein 'Komfortproblem' genannt - und das ist es meiner Meinung nach in der überwiegenden Zahl der Fälle."

Dabei zeigt die Studie auch: Privatpatienten sind von langen Wartezeiten weit weniger betroffen als gesetzlich Versicherte. Kein Wunder, dass auch 65 Prozent der Kassenpatienten eine Servicestelle zur Vermittlung von Facharzt-Terminen, wie sie von der Politik geplant ist, befürworten.

Bedeutet die Servicestelle das Ende der Wahlfreiheit?

Ganz im Gegensatz zu Gassen. "Wenn ich das alles anders haben will, dann geht das nur mit Abschaffen der Wahlfreiheit des Arztes. Dann geht es auch nur mit einer wirklich koordinierten Steuerung des Patienten. Und dann geht es möglicherweise auch nur mit einer deutlich stringenteren Leitung von Patienten: Was Patienten haben dürfen, was sie sollen, was sie bekommen."

Nach dem Willen der Bundesregierung sollen die Kassenärztlichen Vereinigungen auf Landesebene sicherstellen, dass Patienten innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Facharzt bekommen. Was jedoch nicht heißt, dass die freie Arztwahl abgeschafft werden soll. Denn natürlich kann sich ein Versicherter auch weiterhin selbst um einen Termin beim Wunscharzt kümmern.

Termin versäumen: Ein bisschen peinlich, kostet aber nichts

Gassen jedoch versucht, den Spieß herumzudrehen: Das Problem seien nicht die Wartezeiten, sondern die Unzuverlässigkeit der Patienten. Es gebe da eine gewisse "Flatrate-Problematik": Man könne mit seiner Versichertenkarte überall hin gehen. "Wenn sie dann einen Termin versäumen, dann ist das allenfalls ein bisschen peinlich, aber nicht wirklich schlimm, weil es kostet ja nichts."

In der Vergangenheit hatte die KBV deshalb Strafzahlungen für Patienten ins Spiel gebracht, die einen Arzttermin nicht wahrnehmen können. Davon war heute nicht mehr die Rede. Aber von mehr Steuerung. Auch wenn sich die Praxisgebühr nicht bewährt habe, müsse man diese Diskussion wieder aufnehmen.

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