FDP | Bildquelle: AFP

FDP-Parteitag Die Partei, die die Frauen liebte

Stand: 13.05.2018 16:19 Uhr

Die FDP hat ein Frauenproblem. War die Partei in der sozialliberalen Ära ein politischer Motor der Gleichberechtigung, ist sie inzwischen zur Männerpartei geworden. Jetzt macht sie zaghafte Schritte zu mehr Frauenförderung.

Von Thomas Kreutzmann, ARD-Hauptstadtstudio

Als "Innovation Nation" inszeniert sich die FDP bei ihrem Berliner Bundesparteitag - technikgläubig und fortschrittsoptimistisch, aber auch mit Sinn für die sozialen Konsequenzen aus "disruptivem Wandel" in der Gesellschaft. Das ist nicht ganz neu und gehört seit Jahren zum "ideologischen Sturmgepäck" der Liberalen.

Neu ist allerdings, dass sie mit einem zweiten Thema wieder dahin kommen wollen, wo sie schon einmal waren: dem Frauenthema. Die FDP ist unterhalb ihrer Führungsebene eine Männerpartei wie sonst nur die AfD. Dabei war sie in der sozialliberalen Ära ein politischer Motor von Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frauen. Mit Namen wie Hildegard Hamm-Brücher und Ingrid Matthäus-Meier verbindet sich der Kampf gegen den damaligen Abtreibungsparagraphen 218 in Westdeutschland, aber auch für gleichen Lohn für gleiche Arbeit.

Hildegard Hamm-Brücher | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Eine starke FDP-Frau aus längst vergangenen Zeiten: Hildegard Hamm-Brücher

Claudia Roth bei der FDP-Jugendorganisation

Auf allen Ebenen der Partei waren damals auffällig viele Frauen präsent. "Die Freien Demokraten waren 1972 die erste Bundestagspartei, die ein Programm für Frauengleichberechtigung beschlossen hat", erinnert sich noch heute Generalsekretärin Nicola Beer stolz. Da war es wohl kein Zufall, dass eine erklärte Feministin wie die heutige Grünen-Politikerin Claudia Roth zum Mitglied der früheren FDP-Jugendorganisation "Jungdemokraten" wurde. 1971 war das.

Doch an diesem Wochenende musste FDP-Generalsekretärin Beer konstatieren, dass der Frauenanteil der FDP mit 21,88 Prozent so niedrig ist wie nie zuvor in den vergangenen Jahren. Seit Anfang der 1980er-Jahre ist die FDP zur Männerpartei mutiert. Nur noch gut 18 Prozent der Neueintretenden sind Frauen. Und während die FDP bei der vergangenen Bundestagswahl zwölf Prozent aller Männerstimmen gewann, waren es bei den Frauen mit zehn Prozent signifikant weniger.

Lindner wirbt um Frauen

"Weil wir wachsen wollen, müssen wir bei Frauen stärker werden", rief FDP-Chef Christian Lindner den Delegierten zu. Und: "Die FDP ist die wirkliche Alternative für Frauen, die Vernunft und Selbstbestimmung wollen, die sich aber von jeder Form der Gender-Ideologie freimachen wollen."

Der Parteichef als Frauen-Förder-Freund? Der stellvertretenden Bundesvorsitzenden der "Liberalen Frauen", Katja von Maur-Reinhold, hat das sehr gefallen. "Das war kämpferisch sehr stark." Doch warum zieht das politische Angebot an die Frauen bisher nicht? Weil Frauen in der FDP noch zu häufig auf für sie angeblich typische Themen wie Bildung reduziert würden, meint von Maur-Reinhold. "Man fühlt sich vielleicht auch von der Sprache nicht genug angesprochen." Vor allem aber: Es sei lange nicht opportun gewesen, sich als weibliches FDP-Mitglied bei den 'Liberalen Frauen' zu engagieren, aus Angst, das könne der politischen Karriere schaden.

Sie hofft auf Besserung, denn gerade auf der kommunalen Ebene kommen Frauen bei der FDP nicht zum Zug. Derzeit sind gerade mal 15 Prozent der Funktionäre dort weiblich, das ist Lindner und Beer viel zu wenig.

"Netzwerke älterer Männer"

FDP-Frau Susanne Ficus aus Hessen konstatiert nüchtern: "Die FDP ist momentan leider immer noch eine Partei der Netzwerke älterer Männer." Die Partei weiß: Wenn nur wenige Frauen Macht haben, können sie eben auch keine anderen Frauen fördern, oder nachziehen, wie es sich etwa die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Katja Suding zum Prinzip gemacht hat.

Suding hält das für wichtiger als eine Frauenquote wie bei anderen Parteien: "Ich glaube, dass weibliche Vorbilder wirklich wichtig sind." Frauen wie sie streben einen "kulturellen Wandel" in der FDP an, also Frauenförderung auch durch Männer - aus Einsicht in die Notwendigkeit.

FDP-Generalsekretärin Nicola Beer präsentiert vor dem Parteitag neue Partei-Aufkleber. | Bildquelle: dpa
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Generalsekretärin Nicola Beer gehört zu den wenigen Frauen in der Parteiführung.

Die FDP und das Q-Wort

Jennifer Miksch, eine Startup-Unternehmerin aus dem FDP-Bezirk Berlin Mitte sieht das anders. "Das böse Q-Wort, also die Quote - da sind die meisten FDPler dagegen, weil sie Angst haben, dass es nicht mit dem liberalen Bild übereinstimmt."

Parteichef Lindner zeigt sich von einer Frauenquote bisher "nicht überzeugt", ist aber wie andere führende Liberale wie Katja Suding auch nicht grundsätzlich dagegen. Man müsse noch diskutieren und die Ergebnisse der neuen Arbeitsgruppe "Chancen durch Vielfalt" abwarten. Im FDP-Intranet befragte die Partei bereits weibliche Mitglieder, wie sie die Mitarbeit empfinden. Die "gläserne Decke" gegen den Aufstieg der Frauen durch Männerbünde benannten viele.

Aber mit Stammtischgebaren will die FDP ja Schluss machen. Ein unerwartetes Zeichen setzte sie beim Bundesparteitag: Sollten sich Delegierte Unverschämtheiten oder Zudringlichkeiten ausgesetzt sehen, könnten sie sich vertrauensvoll besonderen Ansprechpartnerinnen und -partnern anvertrauen, hieß es. Die Tutoren wurden effektvoll auf der Bühne präsentiert. Die Geschlechterdebatte ist offenbar mitten bei den Liberalen angekommen.

(Anm. d. Red.: In einer früheren Version dieses Artikels wurde ein Zitat falsch zugeordnet. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen. Er ist inzwischen korrigiert.)

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 13. Mai 2018 um 12:09 Uhr.

Korrespondent

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Thomas Kreutzmann, HR

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