Soziale Folgen der Krise Wenn Corona arm macht

Stand: 26.02.2021 10:36 Uhr

Sie wissen nicht, wie sie ihre Miete bezahlen sollen. In der Corona-Krise ist für viele das Geld fürs Allernötigste knapp. Dabei könnte sich das ganze Ausmaß erst nach der Pandemie zeigen.

Von Peter Sonnenberg, SWR

Rosie O. und ihre Familie hat es erwischt. Obwohl die Familie für ihre prekäre Lage nichts kann, ist es ihnen unangenehm und sie möchten gerne anonym bleiben. Rosie O. ist Frisörmeisterin und arbeitete noch vor einem Jahr in einem Salon. Als der im ersten Lockdown pleite ging, stand sie erstmal auf der Straße. Doch sie fand schnell eine Anstellung als Verkäuferin - ihren Traumjob, wie sie sagt. Im zweiten Lockdown musste auch der Laden schließen und sie ging in Kurzarbeit.

"Mein Mann ist Signalgeber bei den Gleisarbeitern der Bahn. Seine Arbeit ist wetterabhängig. Im Dezember und Januar hat auch er nicht so viel Geld mit nach Hause gebracht", erzählt sie und rechnet vor: "Allein mir fehlen jetzt 400 Euro im Monat und dann noch das, was er weniger verdient, das bringt uns hart an die Grenze, dass wir überhaupt überleben können."

Die beiden haben einen kleinen Sohn. Als sie noch arbeiten ging, brachte Rosie O. ihn in die Kita. Die kann sie sich jetzt nicht mehr leisten. "Ich muss mich entscheiden", sagt die junge Mutter, "zahle ich Miete, die Kita oder kaufe ich Lebensmittel? Miete ist wichtiger, Lebensmittel sind wichtiger, also keine Kita, die ist nicht so wichtig".

Hunderttausende neue Arbeitslose

Ob es durch Corona mehr Armut gebe, hänge von der Definition ab, erklärt Markus Grabka, Armutsforscher beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Der von der Weltbank definierte Begriff von Armut trifft auf Menschen mit weniger als 1,90 Dollar am Tag zu, damit hätten wir es in Deutschland sehr selten zu tun.

Aber es gebe 500.000 neue Arbeitslose, außerdem hätten 850.000 Menschen ihre Minijobs verloren. "Das sind nicht nur Rentner, die ihre Rente aufbessern, sondern hauptsächlich Menschen zwischen 18 und 65, Aufstocker, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen und schon vor Corona nah dran waren, auf  staatliche Hilfe angewiesen zu sein."

Diese Menschen müssen von Gewohntem lassen. Eine billigere Wohnung suchen, das Auto verkaufen, die Einkaufsgewohnheiten ändern. 

Sonderangebote auf Vorrat

Rosie O. spart, wo sie kann. Sie ist es gewöhnt, denn ihre Familie hatte nie viel Geld. Auch die ihres Mannes nicht. Aber die beiden hatten sich gemeinsam da rausgearbeitet. Sie hatten beide ihre Einkommen, den Kleinen, die Welt sah zum ersten Mal gut aus für die Familie - bis Corona kam.

"Ich kaufe Sonderangebote und dann auf Vorrat, Konserven, Getränke ohne Pfand, das sind ja wieder Extrakosten, auch wenn man sie später zurückbekommt. Ich mache nur dem Kleinen Gemüse und für uns dann später etwas Eingefrorenes", erzählt sie und manchmal stockt ihr etwas die Stimme. "Aber unsere größte Angst ist, die Wohnung zu verlieren." Ihre Wohnung ist etwas zu groß, deshalb hat das Amt den Wohngeldantrag abgelehnt. Ihr Vermieter stundet schon einen Teil der Miete. 

Kommt das größte Problem erst?

Werena Rosenke von der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sieht das größte Problem erst in der Nach-Pandemie-Zeit aufkommen. "Kündigungen und Räumungsverfahren, die während der Pandemie ausgesetzt sind, werden nachgeholt, sowie sich die Pandemie abschwächt. Menschen, die durch Corona in Not geraten sind, werden aber nicht sofort wieder über volle Bankkonten verfügen. Deshalb befürchte ich, dass dann viele Menschen ihre Wohnungen verlieren werden."

Mehr Hilfesuchende

Zahlen, wie viele neue Obdachlose es während der Pandemie schon gibt, werden erst in einigen Wochen vorliegen. Eine Umfrage der Wohnungshilfe unter Hilfseinrichtungen für Obdachlose im November ergab allerdings, dass schon zu diesem Zeitpunkt ein Drittel aller befragten Einrichtungen mehr Nachfrage nach Hilfe verzeichneten, beziehungsweise Hilfesuchenden wegen Kapazitätsauslastung bereits kein Angebot mehr machen konnten.

Rosie O. und ihr Mann suchen auch Hilfe und haben entschieden, sich bei einer der Tafeln ihrer Stadt aufnehmen zu lassen. Die Stellen, die Lebensmittel an Bedürftige verteilen, verzeichnen sowohl mehr Kundschaft als auch andere Kundinnen und Kunden als vor der Krise.

Stefan Opitz von der Tafel Kaiserslautern sieht jetzt öfter auch Menschen in Kurzarbeit oder Studenten, die ihre Jobs verloren haben in der Warteschlange. Bei Tafeln muss man den Bedarf nachweisen. Wem es noch nicht schlecht genug geht, kann keine Lebensmittel bekommen. Rosie O. hat Glück. Zwar liegt das Einkommen, das sie durch ihr Kurzarbeitergeld noch zur Verfügung hat, knapp über der Grenze. "Aber wir haben ein Herz, sonst wären wir nicht hier", sagt Stephanie Zimmer, die Leiterin der Tafel. "Die Beträge sind auch nicht in Stein gemeißelt und Frau O. war wirklich sehr verzweifelt."

Angst vor der Obdachlosigkeit

Bleibt die Angst vor der Obdachlosigkeit: "In diesem Monat hat mir eine Freundin 200 Euro geschenkt, damit ich die volle Miete bezahlen kann", erzählt die Rosie O. Sie möchte unbedingt verhindern, dass ihre Familie aus der schönen Wohnung ausziehen muss. Aber dafür muss das Geschäft wieder öffnen in dem sie arbeitet, dafür braucht sie ihr volles Gehalt.

Armutsforscher Grabka sieht das Wohnungsproblem aber auch nicht mit Pandemieende als gelöst an. Das Problem sei auch nicht erst zu Pandemiezeiten entstanden. "Wenn jetzt jemand Schwierigkeiten bekommt, seine Wohnung zu bezahlen, dann wird dieses Problem nicht mit dem Ende der Pandemie einfach verschwinden", sagt der Armutsforscher.

"Denn was fehlt ist sozialer Wohnraum, bezahlbare Wohnungen, die habe man schon in den vergangenen zehn Jahren nicht geschaffen und die werde es nicht nach der Krise plötzlich geben." Wer jetzt aus seiner großen Wohnung ausziehen muss, weil er sie nicht mehr bezahlen kann, laufe Gefahr nur eine kleinere fürs gleiche Geld zu finden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. August 2020 zwischen 20:30 Uhr und 22:00 Uhr 16:00 Uhr.

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