Modellprojekt in Brandenburg Wo Hausärzte bereits gegen Corona impfen

Stand: 04.03.2021 15:04 Uhr

Bereits in wenigen Wochen könnte es die Corona-Impfungen endlich auch in Hausarztpraxen geben. Bis es soweit ist, gilt es aber noch einiges zu klären. Helfen könnte der Blick nach Brandenburg: Dort hat ein Modellprojekt begonnen.

Von Mirja Fiedler, RBB

"So viel Blitzlicht und Kameras!" Werbewirksam spritzt Allgemeinmedizinerin Claudia Richartz einem Krankenpfleger den Impfstoff des Herstellers AstraZeneca. "Die Aufregung war riesig", erzählt die Hausärztin. "Ich impfe sonst im Schlaf, aber vorhin habe ich gezittert." Ihre Gemeinschaftspraxis im Kreis Oberspreewald-Lausitz ist eine von vier Hausarztpraxen in Brandenburg, die ab sofort gegen das Coronavirus impfen dürfen - zunächst aber nur im Modellprojekt.

Denn die Impfverordnung des Bundes verbietet niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten momentan, ihre Patienten regelhaft gegen das Virus zu immunisieren. Zuständig sind extra eingerichtete Impfzentren, Krankenhäuser und mobile Impfteams, zum Beispiel in Pflegeheimen. Dabei hätten allein in Brandenburg mehr als 1000 Praxen signalisiert, dass sie ihre Patientinnen und Patienten gegen das Coronavirus impfen wollten, erklärt der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB), Peter Noack.

"Wenn nicht in Arztpraxen geimpft wird, dann ist die Herdenimmunität nicht bis zum Ende des Sommers zu erreichen. Deshalb müssen so schnell wie möglich die Arztpraxen ans Netz, damit dieses politische Ziel Ende des Sommers - im September soll alles durch geimpft sein - erreicht werden kann."

Bund und Länder wollen Impfverordnung ändern

In der jüngsten Bund-Länder-Schalte haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten nun entschieden, die Verordnung zu ändern, so dass die Länder ab der zweiten Märzwoche niedergelassene Ärztinnen und Ärzte mit dem Impfen beauftragen könnten - innerhalb eines festen Rahmens. "Dieser beinhaltet explizite Regelungen für die Vergütung für die entsprechenden ärztlichen Leistungen, für die vorzunehmende digitale Impfquotenerfassung und für die Abrechnung über die Kassenärztlichen Vereinigungen", heißt es in dem Beschluss.

Hausärzte könnten 27 Euro pro Impfung erhalten

27 Euro pro Impfung sind laut Kassenärztlicher Vereinigung im Gespräch. In Brandenburg wird das Impfen derzeit in vier Arztpraxen getestet - neben Senftenberg in Bad Belzig im Kreis Potsdam-Mittelmark sowie in Pritzwalk und Wittenberge im Kreis Prignitz. "Diese Kreise verfügen über keine Impfzentren und liegen dezentral, in der Fläche", sagt KVBB-Sprecher Christian Wehry.

"In Stadtstaaten können Sie Impfwillige per Taxi abholen. Wir können in der Prignitz oder Uckermark weder einen solchen Shuttle anbieten noch in der Pandemie viele Menschen wegen des mangelnden Abstands in einem Wagen unterbringen, um sie zu Impfzentren zu transportieren." Auch in anderen Flächenländern wie Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen gibt es bereits Modellprojekte für das Impfen in Hausarztpraxen.

Sichere Meldewege und Platzmangel

Doch die Projekte zeigen auch Schwachstellen auf: Die Impfungen müssten dem Robert Koch-Institut elektronisch und anonymisiert gemeldet werden, erläutert der KVBB-Sprecher. "Das ist alles andere als trivial." Die IT dafür müsse extra eingerichtet werden, die Sicherheitsstandards für Gesundheitsdaten seien hoch.

"Außerdem sollen Patienten bis zu einer halben Stunde nach der Impfung warten, damit niemand umkippt", so Wehry. Viele Praxen hätten allerdings nicht so viel Platz wie Impfzentren. In der Senftenberger Gemeinschaftspraxis hätten sie deshalb Stühle und Bänke auf der Terrasse und im Garten aufgebaut, erzählt Hausärztin Richartz.

Verband fordert Impfungen bei allen Hausärzten

Der Bundesvorsitzende des Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, kritisiert, dass zurzeit nur Medizinerinnen und Mediziner in ausgewählten Praxen gegen das Coronavirus impfen dürften. "Das sorgt für Verunsicherung bei unseren Patientinnen und Patienten", erklärt der Verbandsvorsitzende.

"Zudem ist auch weiterhin noch vieles unklar. Logistik wie auch Bürokratie dürfen die routinierten Prozesse in den Hausarztpraxen nicht unnötig belasten." Die Senftenberger Hausärztin Richartz hat eine frühere Arzthelferin aus dem Ruhestand geholt, damit diese Impftermine vereinbart.

Ärzte dürfen auch zuhause impfen

Für das Modellprojekt in Brandenburg vergeben die vier Praxen Termine telefonisch und online. Die Ärzte dürfen ihre Patientinnen und Patienten auch zuhause impfen. Zusammen erhalten sie maximal 100 Impfdosen die Woche. In der Senftenberger Gemeinschaftpraxis haben sie Dosen der Hersteller AstraZeneca und BioNTech bekommen.

"Selbst die AstraZeneca-Impfungen haben wir heute unter die Leute gebracht", freut sich Hausärztin Richartz angesichts der Imageprobleme des Impfstoffs. Ihr Team habe Patienten ausführlich aufgeklärt. "Viele haben sich aber auch gegen die Impfung entschieden", räumt die Impfbefürworterin ein.

Noch fehlen bundesweit Impfdosen

Es fehlen aber nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums weiter Impfstoffe, um alle 50.000 Hausarztpraxen in Deutschland damit auszustatten. "Dafür ist aus Sicht - auch der Ärzteschaft selbst, aber auch aus unserer Sicht - mindestens ein Volumen von drei bis vier Millionen Impfungen für eine Woche angezeigt", so Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. "Ich glaube, es ist den Ärzten andersherum auch schwer zuzumuten, dass sie nur zehn Dosen in der Woche kriegen, weil die Entscheidung zu treffen, wer von den Patientinnen und Patienten denn jetzt die Dose kriegen soll, ist ja auch keine leichte", betonte der CDU-Politiker auf einer Pressekonferenz.

Ministerium erwartet im April ausreichend Impfstoffe

Noch verhandelt das Bundesgesundheitsministerium nach eigenen Angaben mit Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung, der Apothekerverbände und des pharmazeutischen Großhandels. "Wir gehen davon aus, dass die Zahl der verfügbaren Impfdosen im April die Impfkapazität der Zentren übersteigt und man dann auch die Hausärzte in die Impfkampagne einbeziehen kann", erklärt eine Ministeriumssprecherin tagesschau.de.

Claudia Richartz | Bildquelle: Phillipp Manske / RBB
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Hausärztin Richartz freut sich über das Modellprojekt: "Das nächste Impfzentrum ist über eine Stunde Autofahrt entfernt."

Ältere Patienten können Impfzentren oft nicht erreichen

In der Senftenberger Gemeinschaftspraxis haben sie an diesem Tag 40 Patienten gegen das Coronavirus geimpft - vom Krankenpfleger bis zu über 80-Jährigen. "Ich habe so etwas schon viel eher erwartet", meint Krankenpfleger Uwe Weidlich. "Früher wurden alle Impfungen größtenteils auch in den Hausarztpraxen gemacht. Dass man heute in der Zeit erst einmal Impfzentren aufbauen sollte und diesen ganzen Vorgang verschleppt, das tut mir leid für die anderen Leute."

Hausärztin Richartz betont, ihre Praxis sei für viele ältere Menschen die einzige Chance, sich immunisieren zu lassen: "Das nächste Impfzentrum in Brandenburg ist eine Stunde Autofahrt entfernt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen."

Korrespondentin

Mirja Fiedler | Bildquelle: rbb/Gundula Krause Logo rbb

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