Bund-Länder-Gipfel "Das Vertrauen ist erschüttert"

Stand: 22.03.2021 01:31 Uhr

Selbst einen Dauerlockdown könnten Menschen sehr lange durchhalten. Aber nur, wenn sie daran glaubten, dass es besser wird, sagt Psychologe Margraf im tagesschau.de-Interview. Das sprunghafte Agieren der Politik helfe dabei nicht.

tagesschau.de: Viele haben auf Lockerungen zu Ostern gehofft. Jetzt wird daraus wohl nichts, stattdessen drohen noch mehr Einschränkungen. Wie lange halten die Leute das noch durch?

Jürgen Margraf: Die Menschen können das erstaunlich lange durchhalten, aber unterschiedlich gut. Das hängt ganz stark davon ab, wie kommuniziert wird, welche Erwartungen geweckt werden und ob diese Erwartungen erfüllt werden. Wenn man zum einen das Gefühl hat, man kann einigermaßen voraussagen, was geschieht. Und zum anderen, dass man das Geschehen unter Kontrolle habe. Dann kann man unglaublich viel sehr lange aushalten. Wenn beides nicht der Fall ist, dann sind wir sehr dünnhäutig.

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Zur Person

Jürgen Margraf ist Professor für Klinische Psychologie & Psychotherapie an der Ruhr-Universität Bochum. Weitere Arbeitsschwerpunkte sind Prävention und Public Health.

"Inkohärente Kommunikation gefährdet das Mittun"

tagesschau.de: Sind diese beiden Kriterien - wahrgenommene Vorhersagbarkeit und Kontrollierbarkeit - derzeit erfüllt?

Margraf: Nun, die sind erschüttert. Wir haben zwar nach wie vor eine Mehrheit der Bevölkerung, die noch ganz gut dabei ist. Aber genau das ist jetzt in Gefahr, und zwar gerade durch die inkohärente Kommunikation, wie wir zurzeit erleben. Das begann nach dem ersten Lockdown mit dem vielstimmigen Chor der Ministerpräsidenten, die sich etablieren wollten, und ist seither nicht wirklich besser geworden.

Der andere Faktor ist, dass die Menschen beobachten, dass vieles nicht gut funktioniert. Beispiel Impfen: Da kommt Deutschland nicht so schnell voran, wie es sollte. Und es ist auch nicht mehr nachvollziehbar, warum nicht. Und gleichzeitig sieht man, dass andere Länder das besser machen. Die Briten beispielsweise haben schon mehr als die Hälfte der Bevölkerung mindestens einmal geimpft. Das zusammengenommen erschüttert die Zuversicht der Menschen und erhöht das Stressgefühl.

Die derzeitigen Zumutungen sind schwierig. Aber besonders schlimm ist, dass das Vertrauen und diese wahrgenommene Kontrolle und Vorhersagbarkeit erschüttert sind. Denn das macht den vorhandenen Stress zu negativem Stress.

"Die große Mehrheit will bundeseinheitliche Regeln"

tagesschau.de: Viele Entscheidungen der Politik sind nicht mehr richtig nachvollziehbar: Man kann in den Urlaub nach Mallorca fliegen, aber nicht in eine einsame Ferienwohnung in Schleswig-Holstein. Wie stark trägt das zur Verunsicherung bei?

Margraf: Diese Widersprüche sind extrem ungünstig. Der übergeordnete Sinn ist natürlich, so wenig Mobilität wie möglich zuzulassen, und das lässt sich nicht überall gleichermaßen durchhalten. Und es ist schwer für die Politik, diese Entscheidungen zu treffen, weil sie immer geprügelt werden. Aber es ist definitiv nicht besonders klug, es so zu machen, dass jeder die Widersprüche wahrnehmen kann.

tagesschau.de: Wie könnte die Politik es besser machen?

Margraf: Tatsächlich läuft die Kommunikation im Moment nicht gut. Wir wissen aus Umfragen, dass mehr als 70 Prozent der Menschen bundeseinheitliche Regelungen bevorzugen. Sie wollen, dass wir an einem Strang ziehen. Andererseits ist das etwas, was man in einer Umfrage erstmal so sagt. Wenn sich dann aber herausstellt in Schleswig-Holstein sind die Infektionszahlen viel niedriger als woanders, dann werden vermutlich die gleichen Leute sagen: Na dann können bei uns die Geschäfte ja auch aufmachen. Nichtsdestotrotz, die Leute wollen Einheit und klare Führung, und das fehlt im Moment.

"Prävention wird zu wenig gewürdigt"

tagesschau.de: Ein anderer Eindruck ist: Die Politik ergreift die Maßnahmen zu spät und lässt vieles zu lange weiterlaufen. Warum fällt präventives Handeln so schwer?

Margraf: Zum einen gibt es das Präventionsparadox. Wenn man Prävention betreibt und damit erfolgreich ist, dann tritt das, was man verhindert hat, ja nicht ein. Und dann sagen die Leute hinterher, es war ja alles gar nicht so schlimm und man hätte gar nicht so strikt handeln müssen. Wenn es nicht klappt, heißt es, warum hat man denn nicht strikter gehandelt?

Ein anderer Aspekt ist: Die Maßnahmen, die bislang am effektivsten geholfen haben, sind präventive Verhaltensmaßnahmen: Abstand halten, Masken tragen, Kontakte beschränken. Das hat man zum einen nicht genügend gewürdigt und stattdessen auf eine magische Pille und das Impfen gehofft.

Zum anderen ist das Problem dieser Verhaltensmaßnahmen, dass ich mich anstrengen muss, meine Freiheit einschränken, meine Bequemlichkeit aufgeben muss, damit jemand anders einen Nutzen hat. Wenn ich die Maske aufsetze, stehen meine Ohren ab, ich schwitze darunter, die Kosten entstehen bei mir sofort. Der Nutzen liegt aber woanders und auch nicht sofort, sondern nur möglicherweise irgendwann. Das ist eine sehr schwierige Situation und wenn dann der versprochene Erfolg auch noch verstolpert wird, ist es schwer, die Leute über so lange Zeit bei der Stange zu halten.

"Die Leute sind immer noch bereit, mitzumachen"

tagesschau.de: Wie ist ihre Prognose, wie werden die Menschen auf eine weitere Lockdown-Runde reagieren?

Margraf: Ich bin trotz allem verhalten optimistisch - und zwar wegen der Erfahrungen aus der ersten Phase der Pandemie. Es ist schon sehr bemerkenswert, wie gut die Gesellschaft als Ganzes damals funktioniert hat. Das bröckelt jetzt zwar, aber ich glaube, dass die Menschen grundsätzlich immer noch bereit sind, mitzumachen. Notwendig ist dafür aber eine widerspruchsfreie, kohärente und nachvollziehbar formulierte Kommunikation.

Eine andere Frage ist, welche Folgen langfristig auftreten. Und da kann man vorhersagen, dass negative psychische Folgen auftreten werden. Und zwar vor allem vermittelt über die ökonomischen und sozialen Folgen. Die werden auch auf die Psyche durchschlagen, beispielsweise in Form von Depressionen. Typischerweise passiert das mit einer gewissen Zeitverzögerung von vielleicht ein bis drei Jahren. Wir können erstaunlich viel wegstecken, aber der Krug geht nur so lange zum Brunnen, bis er bricht. Das heißt, es muss jetzt langsam wieder Ordnung einkehren.

"Müssen psychische Widerstandskraft beobachten"

tagesschau.de: Was sollte die Politik konkret tun?

Margraf: Zum einen, ihre Maßnahmen auf Widersprüche prüfen. Zum anderen auch positive Anreize setzen. Man sollte sich nicht auf eine Neiddebatte einlassen, beispielsweise, dass es keine Vorteile für Geimpfte geben soll. Wo ist denn da der Anreiz, sich impfen zu lassen? Es geht ja nicht darum, dass keiner besser als der andere sein darf, sondern es geht darum, dass wir Freiheitsrechte haben, die vorübergehend eingeschränkt sind - mit einer guten Begründung. Wenn diese Begründung weg ist, kann man sie auch nicht weiter einschränken.

Außerdem müssten wir uns unbedingt die psychische Widerstandskraft der Bevölkerung anschauen. Das ginge durch Stichprobenerhebungen, indem man beispielsweise wöchentlich etwa 3000 Leute befragt, die möglichst repräsentativ ausgewählt sind. Wenn das regelmäßig geschehen würde, hätte man eine Fieberkurve der psychischen Befindlichkeit, der Zweifel und so weiter und könnte darauf reagieren.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Januar 2021 und 01. März 2021 um 10:08 Uhr in der Sendung "Kontrovers".

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