Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier tauscht sich bei seiner ersten "Bürgerlage" aus dem Schloss Bellevue per Video-Livestream mit sieben Bürgerinnen und Bürger über ihre aktuelle Lage in der Pandemie aus. | Bildquelle: dpa

Corona-Krise Was Steinmeier zu hören bekommt

Stand: 11.12.2020 17:48 Uhr

Es geht um Verzweiflung, um Ängste, Druck und ein bisschen auch um Hoffnung: Bundespräsident Steinmeier hat Bürger zu einer Corona-Gesprächsrunde eingeladen - und dabei viel über die Lage der Nation erfahren.

Von Kristin Joachim, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist ein Experiment, das jeder live mitverfolgen kann. Eine Art Corona-Gesprächsrunde, bei dem jeder alles sagen darf - und sogar soll, künftig regelmäßig, immer in gleicher Besetzung.

Die Atmosphäre ist nicht so locker wie am heimischen Küchentisch - man kennt sich noch nicht so gut. Und: Der eine am Tisch ist der Bundespräsident. Frank-Walter Steinmeier spricht zum ersten Mal öffentlich in einem Livestream mit sieben Bürgern über ihre Erfahrungen in der Corona-Zeit, ihre Sorgen, ihre Ängste. "Bürgerlage" nennt er das. Einigen von ihnen war er bereits begegnet, bei anderen hatte er es vor. Wegen Corona war es aber nicht dazu gekommen. Ehrlich sollen alle sein, das fordert Steinmeier gleich zu Beginn ein. Er wolle der Gesellschaft den Puls fühlen.

Katrin Andres ist vor allem verzweifelt. "Bei uns sieht es ziemlich düster aus. Im Moment läuft hier eigentlich gar nichts." Der Gasthof mit Hotelbetrieb im bayerischen Freyung steht still. Der Bundespräsident hatte im Sommer 2018 dort übernachtet und sie dabei kennengelernt.

Nun steht der Familienbetrieb kurz vor dem Aus. Die Novemberhilfen seien noch immer nicht ausgezahlt, die Dezemberhilfen könne man noch immer nicht beantragen. "Wir haben 20 Schließungswochen von 52 dieses Jahr. Das allein ist Fakt genug, um unsere Lage zu schildern. Perspektivlosigkeit. Wir wissen ja nicht, wie es weiter geht."

Es spricht auch die Wut

Dabei hätten sie extra in Hygienekonzepte investiert, Plexiglasscheiben, spezielle Reinigungsmittel. Dann die Schließung. Und nun gebe es nicht mal Hilfen. Jetzt spricht vor allem Wut aus ihr. Der Bundespräsident fragt, ob sie nicht wenigstens einen Abschlag beantragen könne. Das habe sie bereits. Es sei aber nichts auf dem Konto angekommen. Und die Fixkosten blieben. Nur an den Sonntagen kochten sie Essen zum Mitnehmen.

Die Gastronomiebetriebe im Ort haben sich die Wochentage untereinander aufgeteilt. So macht jeder wenigstens einen Tag in der Woche ein bisschen Geschäft. "Wir haben die komplette Unterstützung der Bevölkerung. An dem to-go-Geschäft merkt man wirklich die Solidarität in unserer kleinen Stadt". Dann ist da Gaby Weber, Pflegekraft in einem Seniorenheim in Bremen. Sie sorgt sich um die Bewohner in ihrer Einrichtung. Immer mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien infiziert, seit Kurzem auch der erste Bewohner.

Die Weihnachtstage stünden kurz bevor und es hätten sich bereits viele Besucher angekündigt. Sie hofft, "dass sich trotz aller Emotionalität an so einem Fest die Leute an die Hygieneregeln halten". Sie hat auch Angst um ihre Bewohner aber auch um ihre Mitarbeiter und sich selbst. "Ich habe meine Mutter seit März nicht mehr umarmt, weil ich in einer Pflegeeinrichtung arbeite."

Vor allem die Kinder leiden

Was auch deutlich wird in der Runde: Es sind vor allem die Kinder, die unter der Pandemie leiden. Das schildert Birgit Brandtscheit drastisch. Sie wurde im Oktober vom Bundespräsidenten mit dem Verdienstkreuz ausgezeichnet. Ihre Kindertafel in Zerbst in Sachsen-Anhalt bietet normalerweise nicht nur Butterbrot und warme Suppe, sondern jegliche Art von Hilfe, wie sie Kinder aus wirtschaftlich schwachem Umfeld brauchen. Hausaufgabenhilfe, neue Schuhe, ein offenes Ohr und vor allem eine Tagesstruktur. All das gehe gerade nicht. "Wir müssen die Kinder wegschicken. Wir können höchstens eine Familie gleichzeitig hier haben, weil wir sonst die Hygieneregeln nicht einhalten können."

Das mache die Kinder traurig. Auch die Spenden seien dramatisch zurückgegangen. Die Ehrenamtlichen, meist Damen über 60 kämen nur noch zur Vorbereitung, Kontakt mit den Kindern wollten sie gerade nicht. Brandtscheit sagt, sie kann das verstehen.

Auch in der Schule stünden die Kinder unter einem enormen Druck, erzählt Maxi Brautmeier-Ulrich aus Paderborn. Sie leitet dort eine Grundschule. Es fehle die Unbeschwertheit, die Kindern eigentlich zustehe. "Wenn ich manchmal sehe, wie Kinder aus dem Klassenraum auf den Flur treten und dann zusammenzucken, weil sie ihre Maske vergessen haben aufzusetzen, dann weiß ich, dass das keine gute Entwicklung ist."

Auch sie selbst und die anderen Lehrer stünden unter einen erheblichen Druck, weil sie immer die Angst im Nacken hätten, dass Eltern sagen könnten, ihre Kindern würden gerade nicht genug lernen, die Schule mache etwas falsch.

"Für knallharten Lockdown"

Was sie denn von einem erneuten Lockdown hielten, will der Bundespräsident von allen wissen, also von schärferen Maßnahmen, wie sie jetzt im Gespräch sind. Für die Senioren wäre das ganz schrecklich, sagt Pflegerin Gaby Weber.

Norbert Voss ist für einen wie er es nennt "knallharten Lockdown". Der Maler und Lackierer engagiert sich ehrenamtlich im Fußballverein mit Jugendlichen. Das alles fällt gerade weg. Er sagt auch, dass es die Leute beim ersten Mal nicht ernst genug genommen hätten. Das sei jetzt anders. Bei den Gesprächen im Aufenthaltsraum seiner Arbeit höre er öfter, dass es jetzt gefährlich würde. "Es gibt jetzt einfach häufiger Corona-Fälle in den Familien, jeder kennt irgendwen, der mal in Quarantäne war."

Auch Grundschulleiterin Maxi Brautmeier-Ulrich kann sich mit einem früheren Ferienbeginn anfreunden. Für Katrin Andres ist ein Lockdown längst überfällig. "Im Moment treffen die Beschränkungen vor allem uns, bringen aber nichts. Sie müssen für alle gelten, dann hören sie Ende Januar vielleicht auf." Dann erzählt sie noch, dass ihr Mann dieses Jahr zum ersten Mal Weihnachten zu Hause feiert und nicht im Gasthof arbeiten muss.

Es ist nur ein kleiner Trost. Der Puls, den der Bundespräsident nach anderthalb Stunden gefühlt haben dürfte, war wohl ein schneller Angst-Puls, gepaart mit Wut. Ende Januar will die Runde wieder zusammenkommen. Dann wird man sich schon etwas besser kennen. Vielleicht noch offener reden. Es wird dann ein Weihnachten hinter allen Beteiligten liegen, wie es so vorher noch nicht gegeben hat. Und vermutlich erneut eine längere Zeit im Lockdown.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 11. Dezember 2020 um 18:13 Uhr.

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Kristin Joachim, RBB

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