Dilemma der Höllentalbahn Umweltschutz contra Umweltschutz

Stand: 22.02.2021 15:46 Uhr

Eine Bahnlinie für den Güterverkehr reaktivieren - das klingt nach einer Idee im Sinne des Umweltschutzes. Doch was ist, wenn in den Tunneln inzwischen Fledermäuse leben? Dann wird's kompliziert.

Von Matthias Koch, MDR

Wenn Leonhard Nossol über den großen Holzlagerplatz läuft, kann er eigentlich froh sein. Berge von Rundholz aus dem In- und Ausland liegen bereit, um zu Zellstoff verarbeitet zu werden.

Nossol ist einer der Geschäftsführer der Zellstoff- und Papierfabrik Mercer in Blankenstein, im südlichen Thüringen. Es ist ein modernes Unternehmen, das auf Umweltschutz und Nachhaltigkeit setzt - und deshalb ist Nossol nicht ganz so glücklich, denn ein Großteil des Holzes kommt per Lkw auf der Straße ins Werk.

Leonhard Nossol auf dem Gelände der Papierfabrik | Bildquelle: Matthias Koch, MDR
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Leonhard Nossol würde gerne mehr Holz via Bahn in die Fabrik bringen lassen, doch dafür müsste die Strecke Richtung Bayern reaktiviert werden.

Tunnel, Brücken und Dämme sind noch da

Dabei hat man vor Jahren für zehn Millionen Euro einen eigenen Gleisanschluss gebaut. Über den rollen auch fast täglich mit Holz beladene Güterwagen ins Werk. Doch das könnten viel mehr sein, dafür müsste aber eine knapp fünf Kilometer lange Strecke wieder aufgebaut werden - die Höllentalbahn.

Zwei Tunnel, kunstvoll gemauerte Brücken und Dämme entlang des Flüsschens Selbitz sind noch da. Doch seit Juni 1945 ist hier kein Zug mehr gefahren. Denn die Grenze zwischen Ost und West, zwischen der DDR und der Bundesrepublik, verlief quer durch das Höllental.

Die Strecke ist noch nicht "entwidmet", wie die Juristen sagen. Das heißt, die Trasse durfte nicht überbaut werden und es könnten wieder Gleise verlegt werden. Doch das ist vor Ort umstritten.

Auch Teile der Grünen gegen Reaktivierung

Seit 20 Jahren kämpft die Verkehrsinitiative "Höllennetz e.V." für einen Wiederaufbau, unterstützt von engagierten Bürgern, der Industrie bis hin zu der thüringischen Landesregierung. Die Verlagerung von der Straße auf die Schiene, die in Sonntagsreden immer gefordert wird, könnte hier im Interesse des Klimaschutzes verwirklicht werden.

Doch dagegen steht der Naturschutz, sagen die Gegner der Reaktivierung: der BUND, die Gemeinden, Teile der Grünen. Denn das Höllental ist FFH-Gebiet, geschützt wegen seltener Pflanzen und Tiere. In den Tunneln leben Fledermäuse.

Zwei Züge statt 200 Lkw

Es ist ein beliebtes Wandergebiet, Natur und Touristen würden schon durch die nötigen Bauarbeiten gestört werden. Die würden, so Schätzungen, etwa 20 Millionen Euro kosten.

Dafür könnten dann täglich zwei Güterzüge mit Holz direkt aus Tschechien nach Blankenstein gebracht werden und so etwa 200 Lkw-Fahrten ersetzen. Denn das Holz muss jetzt im Bahnhof des tschechischen Städtchens As von Güterwagen auf Lkw umgeladen werden - und die belasten Straßen und Umwelt.

Eine Brücke der ehemaligen Höllentalbahn | Bildquelle: Matthias Koch, MDR
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Die Strecke der Höllentalbahn führt durch eine idyllische Landschaft. Brücken und Tunnel sind noch da - nur die Gleise nicht.

Es droht ein Teufelskreis

Für Zündstoff sorgt auch die geplante Frankenwaldbrücke: Die längste Hängebrücke der Welt, 1000 Meter lang, soll auf bayerischer Seite das Höllental überspannen. Mit 400.000 Touristen jährlich wird gerechnet. Für die soll ein großer Parkplatz gebaut werden.

Doch die Besucher könnte man ja auch auf der reaktivierten Bahn durch das Tal fahren lassen - sagen die Bahn-Befürworter. Nein, sagen die Bahn-Gegner, das wären dann ja noch mehr Züge. Es droht ein Teufelskreis im Höllental.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. Februar 2021 um 22:30 Uhr.

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