Zehn Jahre nach Fukushima Das Ende der Kernenergie in Deutschland

Stand: 11.03.2021 15:18 Uhr

2022 wird der letzte Atommeiler in Deutschland abgeschaltet. Nach der Katastrophe von Fukushima vor zehn Jahren beschloss die Regierung den Ausstieg. Mit einschneidenden Folgen - auch für Philippsburg.

Von Stefan Maier, SWR

Noch immer ist es kaum zu übersehen, umgeben von Altrheinarmen, auf einer Fläche so groß wie 100 Fußballfelder: das Kernkraftwerk Philippsburg. Doch die Kühltürme, seine markantesten Bauwerke, fehlen seit zehn Monaten. Gesprengt in den Morgenstunden des 14. Mai 2020.

Die Philippsburger

"Ich hab den Rumms gehört und dann auch das Zusammensacken der Türme. Von der fachlichen Seite war es eine Glanzleistung, aber emotional hat es schon geschmerzt", sagt Albert Reichenecker. Innerhalb weniger Sekunden verschwanden die beiden 152 Meter hohen Giganten, 65.000 Tonnen Stahlbeton, in zwei Staubwolken.

Die Sprengung eine Kühlturms | Bildquelle: EnBW
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Schon an den Kühltürmen war Philippsburg zu erkennen. Seit Mai 2020 sind die Geschichte.

Jürgen Schmidt und Albert Reichenecker | Bildquelle: SWR
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Altbürgermeister Jürgen Schmidt und Albrecht Reisenecker erinnern sich an den Tag, als die Türme fielen.

Der 78-Jährige sah vom Ortsrand aus zu. Er hat einst Hunderttausende von Besuchern durchs Werk geführt, noch immer ist er überzeugter Befürworter der Atomkraft. Genauso wie der Altbürgermeister Jürgen Schmidt. Als sie mich durch ihr Städtchen führen, vorbei am imposanten Rathaus-Neubau, am restaurierten Bürgerhaus aus dem 14. Jahrhundert oder der Jugendstil-Festhalle, wird deutlich: in Philippsburg war die Stadtkasse jahrzehntelang prall gefüllt, die Gewerbesteuer des Kernkraftwerks und die Einkommensteuern der Beschäftigten haben geholfen, so manches Schwimmbad oder Schulzentrum zu finanzieren.

Das Energieunternehmen

Aber Fukushima, die japanische Atomkatastrophe, hat sich schnell und dramatisch auch auf Philippsburg ausgewirkt. Nach dem Tsunami am 11. März 2011, der auch das Kraftwerk in Fukushima zerstörte, wurde das Ende der deutschen Atomwirtschaft eingeläutet. Dieselben Politiker, die kurz zuvor noch die Laufzeitverlängerung der deutschen Kernkraftwerke beschlossen hatten, vollzogen nach der Kernschmelze im japanischen Atommeiler die Kehrtwende und beschlossen den Ausstieg bis spätestens 2022. Das KKW Philippsburg wurde Ende 2019 abgeschaltet. Die Sprengung der Kühltürme war nur noch ein symbolischer Schlusspunkt. Für die Stadt Philippsburg hieß es fortan den Gürtel enger schnallen, die EnBW, Betreiberin des Werkes, musste den Rückbau einleiten und sich ein neues Geschäftsmodell ausdenken.

"Mit Fukushima war klar, das Thema Kernenergie hat sich in Deutschland erledigt", sagt Jörg Michels, der für den Rückbau aller fünf Kernkraftwerke der EnBW verantwortlich ist. "Wir brauchten erstmal eine klare Haltung dazu. Die Energiewende ist schon seit vielen Jahren real, und für die EnBW geht die Reise ganz klar in Richtung Erneuerbare." Der Konzern wird grün.

Stefan Maier, Jürgen Schall, Rudolf Petermann und Bernd Haffner | Bildquelle: SWR
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Triumph für die Kämpfer gegen Kernkraft? Nicht ganz.

Das Kernkraftwerk Philippsburg von einer Drohne aus aufgenommen | Bildquelle: SWR
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Denn noch Jahrzehnte wird radioaktiver Müll in Philippsburg lagern.

Die Kernkraftgegner

Später Triumph für die Gegner, die Mitglieder der Bürgerinitiative Philippsburg? Drei von ihnen stehen mit vor der Anlage. Herren gesetzten Alters, seit Jahrzehnten engagiert im Kampf gegen die Kernkraft. Es könne doch nicht sein, sagt Rudolf Petermann, "dass man auf so eine Technik setzt, die über Jahrtausende hinweg unsere Nachkommen in die Verantwortung nimmt und gefährlich bleibt." Deshalb ist die Freude der Kernkraftgegner verhalten.

Was die gesprengten Kühltürme betreffe, lebten viele jetzt nach dem Motto: aus den Augen, aus dem Sinn. "Die ganze Problematik ist nicht mehr so bewusst im Umland", sagt Bernd Haffner, "hier in Philippsburg hoffe ich doch, dass es im Bewusstsein der Leute bleibt, dass wir den Atommüll noch vor Ort haben. Und noch lange Zeit haben werden." Denn in Philippsburg wird zwar kein Strom mehr aus Kernenergie produziert, aber die Hinterlassenschaften lagern weiter auf dem Werksgelände. Noch mehr als 30 Jahre lang werden hier Castorbehälter voll radioaktiven Mülls auf den Transport in ein Endlager warten. Das wird frühestens 2050 betriebsbereit sein. Noch ist nicht einmal ein Standort dafür gefunden.

Über dieses Thema berichtete die tagesthemen am 11. März 2021 um 22:15 Uhr.

Korrespondent

Stefan Maier, SWR | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR

Stefan Maier, SWR

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