Ramadan in Krefeld Raus aus dem Hinterhof

Stand: 13.04.2021 17:59 Uhr

Noch betet die Krefelder Ditib-Gemeinde in einem Hinterhof - in Corona-Zeiten unter erschwerten Bedingungen. Doch ihr großes Zukunftsprojekt nimmt konkrete Formen an: eine neue Moschee.

Von Kadriye Acar und Michael Heussen, WDR

Ein letzter Bissen, ein letzter Schluck vorm Morgengrauen - und dann den ganzen Tag nichts mehr: das ist in den nächsten vier Wochen Alltag für gläubige Muslime. Im Fastenmonat Ramadan darf tagsüber nichts gegessen und getrunken werden. Nachts aber dafür umso mehr.

Vor Corona: Kostenlose Mahlzeiten

Und wie freigiebig sie sind, zeigt uns die stellvertretende Ditib-Vorsitzende von Krefeld, Halide Özkurt, in einem Abstellraum in der ersten Etage der Moschee: Tausende Plastikteller lagern hier in Folie eingeschweißt und bis zur Decke hochgestapelt. Sie hatten sie schon letztes Jahr für den Ramadan eingekauft, doch dann kam Corona. Und jetzt bleiben sie noch mindestens ein weiteres Jahr ungenutzt.

"Es war jedes Jahr so, dass Menschen zu uns gekommen sind, weil wir während des Ramadan das Essen kostenfrei ausgegeben haben", erzählt Özkurt. Es sei eine Tradition des Ramadans, dass man armen Menschen zum Fastenbrechen Essen gibt. "Jeder ist willkommen. Es ist nicht so, dass nur Muslime kommen dürfen. Jeder, der essen möchte, darf kommen. Da wird auch nicht gefragt: Bist Du Moslem, fastest Du oder nicht?"

Spender aus ganz Europa

Die Moschee sei vor Corona aus allen Nähten geplatzt, bis zur Straße hin waren die Gebetsteppiche ausgerollt, erinnert sich Özkurt. Ein Grund, warum sie sich vergrößern wollten. Und gleich um die Ecke, in einem Dreieck aus zwei Durchgangsstraßen und dem Bahndamm, war ein Grundstück frei, eine Brachfläche, mit der niemand in Krefeld richtig etwas anzufangen wusste. Auf einer Wand im Hinterhof hängt ein großes Plakat mit einer Skizze des Neubaus, darauf viele Namensschildchen: Jeder, der 1000 Euro gespendet hat, durfte sich hier eintragen und soll später im Neubau verewigt werden.

Das erklärt aber noch nicht, wie die Bausumme von mindestens fünf Millionen Euro zusammengekommen ist. Die Ditib untersteht der Kontrolle der türkischen Religionsbehörde Diyanet, die wiederum Präsident Erdogan unterstellt ist. Steht also möglicherweise der türkische Staat hinter dem repräsentativen Neubau in der Krefelder Innenstadt? Nein, versichert Özkurt: "Aus der Türkei bekommen wir keinen Cent. Die Diyanet bezahlt den Lohn des Imams, alles andere wird über Spenden finanziert." Aus ganz Europa würden sich Menschen melden, die sich beteiligen wollten.

Mehr Sichtbarkeit für das islamische Leben

Die Krefelder Integrationsbeauftragte Tagrid Yousef, eine gebürtige Palästinenserin, ist froh, dass das muslimische Leben in der niederrheinischen Großstadt so gut gedeiht - im Einklang mit den anderen Religionen. Aber sie weiß auch um den provozierenden Charakter der neuen Moschee: "Es gibt ganz viele Menschen, die Angst haben. Da kommt so was großes und da ist ein Minarett dran. 'Wer erobert uns gerade hier in Krefeld', fragen sich vielleicht einige. Da muss man entgegentreten und sagen: 'Ihr braucht keine Angst zu haben, wir gehören zu Krefeld dazu. Wir gehören zu Deutschland dazu'". 

Das islamische Leben in Krefeld wird sichtbarer werden. In wenigen Monaten werden das Minarett und die Kuppel fertig sein - und das Stadtbild von Krefeld mitprägen, wenige hundert Meter vom Bahnhofsturm und vom Turm der Lutherkirche entfernt. "Wir wollen die Moscheegemeinden etwas stärker in der Öffentlichkeit präsentieren", sagt Yousef. "Präsentieren heißt jetzt nicht, aufs Silbertablett legen und sagen: Guck mal, da ist eine Moschee. Sondern auch tatsächlich zu zeigen: Die arbeiten, die bieten eine ganze Menge Dinge, sie bieten Deutschkurse an, sie bieten Jugendprogramme an, sie bieten Kurse für Frauen an."

Fördergelder für mehr Teilhabe

Deswegen ist man in Krefeld stolz, am FIT-Programm des Bundesinnenministeriums und der Otto-Benecke-Stiftung teilnehmen zu dürfen. FIT - das Akronym steht für Förderung islamischer Teilhabe. So sollen etwa ehrenamtliche Mitarbeiter der Gemeinde geschult werden, damit sie anderen Mitgliedern Deutschunterricht geben können. Und auch die digitalen Fähigkeiten will man ausbauen - wichtig gerade in Corona-Zeiten.

Doch in diesen Tagen wollen Özkurt und ihre Gemeinde erst einmal die Schwierigkeit meistern, zum zweiten Mal während der Corona-Pandemie Ramadan zu feiern. Viel kleiner als sonst, mit wenig Kontakten - aber mit vielen Gebeten und leckeren selbstgemachten Speisen für die Stunden zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 13. April 2021 um 22:15 Uhr.

Korrespondent

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Michael Heussen, WDR

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