Siegen Werkstatt wehrt sich gegen gekürzte Löhne

Stand: 31.03.2021 15:14 Uhr

Corona trifft auch Werkstätten für Menschen mit Behinderung. In einer Einrichtung in Siegen mussten die Löhne gekürzt werden - zum Teil auf 150 Euro pro Monat. Die Betroffenen wehren sich.

Von Sarah Schmidt, WDR

"Manche waren wütend, manche haben geweint. Das war eine der schwersten Aufgaben in meiner Zeit seit ich im Werkstattrat bin", erinnert sich Uli Eimermann. Und meint damit den Tag, als die Belegschaft der Werkstätten für Menschen mit Behinderung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Siegen erfuhr, dass die Löhne gekürzt werden. Das war im Januar.

Der 54-Jährige sitzt in seinem Büro in der Werkstatt. Durch die Tür sieht er die Kolleginnen und Kollegen arbeiten. Hier schneiden sie zum Beispiel Gewinde, gravieren per Laser Firmenlogos oder verpacken Schrauben für die Industrie. Die Arbeit ist an die Handicaps der Beschäftigten angepasst.

Als Werkstattrat, einer Art Betriebsrat, setzt sich Uli Eimermann seit mehr als zehn Jahren für die Beschäftigten ein. Corona hat hier wie überall einiges verändert. Maske tragen, Abstand halten, Heimarbeit. Zwei Mal musste die Werkstatt im vergangenen Jahr für mehrere Wochen schließen. Der Umsatz ist auch dadurch um 42 Prozent eingebrochen.

Uli Eimermann fährt einen Gabelstapler in einer Werkstatt der AWO für Menschen mit Behinderung, Siegen. | Bildquelle: WDR
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Uli Eimermann will, dass sein Einsatz für die Wirtschaft anerkannt wird - auch beim Lohn.

"Wir tragen hier auch das Risiko"

Eimermann ist beides: Vertreter der Beschäftigten und selbst betroffen. Heute verlädt er mit seinem gelb-schwarzen Gabelstapler die Teile, die seine Kolleginnen und Kollegen produziert haben.

321 Euro Lohn bekommt er für diese Arbeit im Monat - zusätzlich zu seiner Erwerbsminderungsrente. Das sei auch so schon wenig, findet er. Vor allem, wenn er sich mit Gabelstaplerfahrern ohne Handicap vergleiche. "Wir tragen hier ja auch das Risiko, müssen aufpassen und dürfen niemanden umfahren." Wegen Corona bekommt Uli Eimermann anstatt 321 Euro jetzt sogar nur noch 149 Euro pro Monat für seine Arbeit in der Werkstatt.

Eine Werkstatt der AWO für Menschen mit Behinderung in Siegen. | Bildquelle: WDR
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AWO-Werkstatt in Siegen: Im Januar mussten die Löhne gekürzt werden.

Rücklagen sind aufgebraucht

Das Problem: "Menschen mit Behinderung haben im Werkstattkollektiv eine 1:1-Beziehung zu ihrer Produktivität", erklärt Andreas Neumann, Geschäftsführer des AWO-Kreisverbandes Siegen-Wittgenstein/Olpe. Heißt: "All das, was die Werkstatt erwirtschaftet, schüttet sie als Löhne an die Menschen mit Behinderung aus."

Die Rechnung ist einfach: Wird zu lange zu wenig verdient, wirkt sich das auf die Löhne aus. Für schlechte Zeiten sind die Werkstätten zwar verpflichtet, Rücklagen für sechs Monate zu bilden. Die sind mittlerweile aber aufgebraucht. Eine abgeschlossene Versicherung will aktuell nicht vollständig einspringen.

Und Kurzarbeitergeld können die Werkstätten nicht beantragen. Denn die Menschen hier sind arbeitnehmerähnlich beschäftigt. Das bedeutet, dass sie nicht gegen die Folgen von Arbeitslosigkeit versichert sind. Das wird jetzt zum Problem. "Über die Arbeitslosenversicherung wird das Kurzarbeitergeld beantragt und bezahlt, ist also Bestandteil dieser Versicherungsleistung, die Menschen mit Behinderung nicht haben", erklärt Geschäftsführer Neumann.

Zusätzliches Geld vom Bund in Aussicht

Die Politik habe das Thema auf dem Schirm, weiß er. So stellte der Bund den Integrationsämtern der Bundesländer zusätzliches Geld zur Verfügung. Einen Antrag auf diese Unterstützung reichte die AWO in Siegen ein. Die Bearbeitung dauert - nach Auskunft des zuständigen Landschaftsverbands Westfalen-Lippe auch deswegen, weil zur vollständigen Prüfung noch Unterlagen fehlen.

Die will die AWO jetzt nachreichen. Bis das Geld bei den Menschen in den Werkstätten ankommt, dauert es also. Und: Das beantragte Geld würde zwar die Verluste von 2020 verkleinern. Aber auch 2021 dürfte schwierig werden, fürchten sie in Siegen.

Patrick Erber | Bildquelle: WDR
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Seine Arbeit hilft Patrick Erber im Kampf gegen seine Krankheit. Die Bewegung tut ihm gut.

Krise trifft Werkstätten unterschiedlich hart

Die Corona-Pandemie trifft die Werkstätten je nach Branche, auf die sie ausgerichtet sind, unterschiedlich stark. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe gibt an, dass bis Ende März 18 von 60 Werkstätten Unterstützung beantragt hätten. Von rund 4,5 Millionen Euro, die für 2020 zur Verfügung stehen, seien etwa 4,8 Millionen Euro beantragt worden - also mehr, als da ist.

Patrick Erber in Siegen macht aber nicht nur die Lohnkürzung Sorgen. Wenn er nicht regelmäßig arbeiten gehen kann, wird seine Krankheit schlimmer. So geht es hier einigen. Auch deshalb waren die Betriebsschließungen im vergangenen Jahr ein Problem.

Erber hat Morbus Bechterew, eine rheumatische Krankheit. Sie hat seinen Rücken versteift, er hat zwei künstliche Hüften. "Wenn ich längere Zeit nicht so die Bewegung habe, fängt meine Krankheit an, wieder auszubrechen und dann geht es mir körperlich schlechter", erzählt er. "Mittlerweile bin ich seit 15 Jahren schmerzfrei - dank der Arbeit."

15 Jahre - so lange kommt er schon in die Werkstatt. Deshalb ist der Metallbearbeiter froh, wieder regelmäßig zum Beispiel an der Aluminium-Säge arbeiten zu können. Zufrieden legt er eine abgeschnittene Aluminium-Schiene in eine blaue Plastikbox.

Hier werden die sogenannten Aluprofile gesammelt, die die Maschine auf Kundenwunsch zuschneidet. "Zwölf Zentimeter - das passt!" Er kontrolliert, ob die Säge sauber gearbeitet hat. Das ist wichtig. Was er herstellt, verbauen Industrieunternehmen zum Beispiel in Fabrikgebäuden.

Werkstattrat kämpft per Brief

Für Erber und die anderen rund 1000 Beschäftigten will Werkstattrat Uli Eimermann kämpfen. "Wir sehen uns hier in der Werkstatt so wie eine Familie. Wir halten zusammen, wir lachen zusammen, wir weinen zusammen."

Um auf ihr Problem aufmerksam zu machen, haben sie Briefe verschickt. Zum Beispiel an den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet. Neben Geld wollen sie Anerkennung für ihre Arbeit und dass verstanden wird, "dass wir auch mitarbeiten für die deutsche Wirtschaft", so Eimermann. Das wünscht sich auch Patrick Erber: "Man sollte uns - in Anführungsstrichen - normal behandeln und auch normal bezahlen. Weil wir sind ja auch normale Menschen."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 31. März 2021 um 22:45 Uhr.

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